Breitenhagen/Zerbst l Es ist ein ungewöhnliches Bild: Eine braune Burenziege kauert im Inneren eines Kleintransporters. Ihr Euter ist prall. Ein Indiz, dass sie ein Lamm säugt. Am Hals erkennt man Reste von blauem Desinfektionsmittel. Das Tier röchelt. Die Körpersprache lässt erkennen, wie sehr die Ziege leidet.

„Da werden wir wohl heute Abend das Bolzenschussgerät ansetzen müssen, um sie von ihren Schmerzen zu erlösen“, winkt Schäfer Detlev Hilscher ab. „Die Burenziege hat den Wolfsangriff zwar überlebt, aber da ist nichts mehr zu machen. Der ging an die Kehle“, ergänzt Helfer Maik Völz.

Keine Seltenheit

Wolfsrisse sind längst keine Seltenheit mehr. Allein der Ziegenhof de Vries in Nedlitz verzeichnete im vergangenen Jahr vier Wolfsrisse, den letzten Ende September 2017, in direkter Nähe von bebautem Gebiet. Ein Tierpfleger kommt damals direkt dazu, als das Raubtier an der Kehle eines Schafes hängt.

Jonas Döring, Wolfsbeauftragter der Jägerschaft Zerbst, sagte damals: „Es ist bedenklich, dass der Wolf sich so nah an die Bebauung herangetraut hat.“ Döhring nimmt ehrenamtlich für den Großraum Zerbst Wolfssichtungen und Risse auf, um ein lokales Monitoring gewährleisten zu können. Ein Monitoring Jahr beginne immer im Mai.

Zwischen Mai und Ende September 2017 wurden ihm sechs Meldungen gemacht. Vermutliche Sichtungen wurden zweimal aus dem Raum Steutz/Kermen gemeldet, zwei vermutliche Sichtungen mit einem Damwildriss im Gebiet Reuden/Nedlitz, ein Riss bei Lietzo und ein Riss auf einem Acker bei Deetz.

Viele Beispiele

Auch Hilscher kann die Angriffe auf seine Tiere wie aus der Pistole geschossen nennen: Zum ersten Mal sei seine Herde im Oktober 2017 bei Lödderitz attackiert worden; dann am 20. Juni, 24. August und nun am 29. September. Jedesmal lagen Schafe und Ziegen tot und teils angefressen nahe des Deiches.

Die beiden Schäfer koppeln den Zaun täglich um. Nachts sind die Schafe allein. „Ich habe jedesmal ein mulmiges Gefühl, wenn ich morgens zum Deich fahre“, gesteht der 59-jährige Wanderschäfer.

Man wisse nie, was einen erwartet. Er ist davon überzeugt, dass es mehrere Wölfe sind, die seiner Herde zusetzen. „Da soll mir bloß keiner mit solchem Quatsch kommen, das seien verwilderte Hunde“, dehnt er besonders die letzten beiden Worte sarkastisch in die Länge.

Der jüngste Angriff erfolgte in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend. Der Breitenhagener Jagdpächter Frank Stolze wurde beinahe Zeuge des Dramas. Er wollte gegen 21.30 Uhr in sein Revier, als er unnatürlich laut Schafe blöken hörte.

Schafe in Panik

„Ich habe schon geahnt, was da los ist“, erinnert sich Stolze, der die Gegend kennt, wie seine Westentasche. So verhalten sich Schafe, die in Panik geraten sind. Kurz darauf entdeckte er Lämmer, die sich im Elektrozaun verfangen hatten.

Die Herde zerstreute sich in alle Himmelsrichtungen in den Wald. Frank Stolze versichert, in seinem Revier schon mehrfach Wölfe gesehen zu haben. „Am Goldberger See haben die Nachwuchs“, ist er sich sicher. Er verzieht sein Gesicht, wenn er den vom Naturschutzbund geprägten Begriff „Wolfserwartungsland“ in den Mund nimmt.

Keine Feinde

Die Raubtiere würden immer „frecher“, weil sie keine natürlichen Feinde haben und der Mensch sich zurück hält. Der Wolf räubere da, wo es am einfachsten für ihn ist - in Nutztierherden.

Auch der Riss bei de Vries in Nedlitz war etwa vier Meter vom Ziegenstall entfernt, „der zu der Jahreszeit an der Seite noch offen war. „Auch die Risse zuvor waren auf dem Betriebsgelände, der dritte sogar zwischen den Ställen.

Ohne Scheu

Daran sieht man, dass der Wolf die Scheu auch vor dem Menschen verliert“, war auch die Meinung von de Vries schon im vergangenen Jahr. Und so lange nichts passiere, wird der Wolf immer näher kommen, ergänzte er.

Auch Kreisjägermeister Jens Hennicke sieht das ähnlich. Er bezieht sich auf eine Schätzung des Deutschen Bauernverbandes, wonach es aktuell über 1000 frei lebende Wölfe in Deutschland gibt: „Ich vergleiche das immer mit Schweden, das von der Fläche her 100 000 Quadratkilometer größer ist. Da gibt es 280 Wölfe, die auch bejagd werden dürfen.“ In hiesigen Wäldern sei das aggressiver gewordene Verhalten von Schwarzwild ein Indiz.

Vergrämen

Tauchte früher ein Jäger mit Hund auf, zogen sich Wildschweine in der Regel zurück. Mittlerweile bleibe eine Bache stehen und signalisiere Kampfbereitschaft, weil sie Hunde mit Wölfen gleich setze. Jens Hennicke plädiert dafür, Wölfe professionell mit Gummigeschossen zu vergrämen, wenn immer mehr Nutztiere gerissen werden.

Der Wolf sei nicht vom Aussterben bedroht und müsse deshalb ins Jagdrecht aufgenommen werden. „Wir sind eine urbane Region. Hier hat der Wolf in dieser Dichte nichts zu suchen“, betont der Kreisjägermeister.

Apropos vergrämen. Warum setzt Schäfer Hilscher keine Herdenschutzhunde ein? „Darf ich nicht. Hier auf dem Deich sind zu viele Spaziergänger und Radfahrer unterwegs.“ Denn kaum eine Hunderasse ist so überfrachtet mit Erwartungen und Ängsten wie die Herdenschutzhunde. Die einen beschreiben sie als dauer-freundliche Familienhunde, andere als hoch aggressive Monster, die unvermittelt angreifen.

Der Versuch, Herdenschutzhunde in einer Wanderschäferei zu integrieren, hat sich als mühsamer und zeitaufwändiger als erwartet herausgestellt, bilanzieren Naturschutzbund und Schafzuchtverein einen Test in Baden-Württemberg.

Keine Sicherheit

Im altmärkischen Iden wurde im Februar 2017 ein Wolfskompetenzzentrum als Reaktion auf Angriffe von Wölfen auf Nutztiere eingerichtet. Monitoring-Verantwortliche Antje Weber untersuchte am Sonnabend die gerissenen Tiere in Lödderitz. „Nach unserer Begutachtung spielt der Wolf möglicherweise eine Rolle“, so die Fachfrau aus Iden. Mit Sicherheit ließe sich das erst nach Auswertung der Genetikproben sagen.

Detlev Hilscher kann nun einen Antrag auf Entschädigung stellen, wenn offiziell bestätigt ist, dass es ein Wolf war.