Deetz l Die Lippen von Hannelore Sachse sind fest zusammengepresst, zum Lächeln ist ihr schon lange nicht mehr zumute. Sie steht auf trockenem Boden, direkt neben dem Schilf. Normalerweise müsste das Wasser hier zwei Meter hoch stehen. Ihr Blick wandert zum letzten Schwanenpärchen, das noch am Deetzer Teich lebt. Sie nisten im Schilf, aber 2019 gab es keinen Nachwuchs. Durch das Niedrigwasser lag ihr Nest auf dem Trockenen und Waschbären haben die Küken gerissen, vermutet die Fischerin.

Bakterien verbrauchen Sauerstoff

Das Elend begann vor einem Jahr. Durch die Hitze im Sommer 2018 stand die Berufsfischerin ganz plötzlich kurz vor dem Aus. Der Wasserspiegel und der Sauerstoffgehalt waren so niedrig wie nie zuvor. Durch die Hitze der vergangenen zwei Jahre haben sich immer mehr Algen in Gewässern gebildet. Beim Zersetzen dieser Algen verbrauchen Bakterien viel Sauerstoff, deshalb leiden die Fische neben dem Wassermangel durch Verdunstung auch unter Sauerstoffmangel.

Um ihren Teich zu retten, hat Hannelore Sachse weit über 1000 Euro in Sauerstoff investiert: „Was hätte ich denn machen sollen, die Fische alle sterben lassen?“ Doch nun ist sie verzweifelt. Ihre finanziellen Ressourcen sind erschöpft. Nur mit großem Aufwand konnte sie nach dem Totalausfall von 2018 einen Antrag an das Land stellen, um wenigstens ein bisschen Geld als Entschädigung zu bekommen. Doch das reicht vorne und hinten nicht. Leider steht es in diesem Jahr nicht besser um den Teich. Grün und trüb sind die Pfützen in den Staubecken, trocken und staubig ist das Ufer.

Bilder

Teich ist ein Familienerbe

Der Teich ist Hannelore Sachses Familienerbe. Sie ist die erste Frau in fast 400 Jahren, die den Teich bewirtschaftet, doch mit ihr wird die Tradition wohl enden. Eigene Kinder hat die Fischerin nicht. Ihre Nichten und Neffen haben andere Berufe ergriffen. „Den Plack tut sich doch keiner an“, sagt sie kopfschüttelnd. Bis zu 14 Stunden hat die 72-Jährige Tag für Tag geschuftet.

„Früher habe ich immer ein großes Abfisch-Fest veranstaltet. Dann standen hier 40 Verkaufsstände, und ich hatte mehr als 50 Helfer zum Fische sortieren und Netze einholen“, erinnert sich Sachse.

Fest muss ausfallen

In ihrem kleinen Fisch-Imbiss am Rande des Teichs hängen noch viele Fotos von damals. Gedankenverloren blickt sie auf die Bilder aus vergangenen Tagen. Doch die Netze liegen nun schon lange im Schuppen. Der mechanische Kescher steht abgedeckt in einer Ecke des Gartens. Sachse ist eine der wenigen, die noch auf ganz traditionelle Art abgefischt haben, doch ohne dieses Spektakel muss auch ihr Fest ausfallen.

Beim Abfischen wird für zwei Wochen Wasser in einem Staubecken hinter dem Teich angestaut. Das angestaute Frischwasser fließt am Tag des Abfischens über den Umflutgraben in die Fanggrube und lockt die Fische an. Diese werden dann lebend gefangen, sortiert und bis zum endgültigen Verkauf in kleineren Becken aufbewahrt. Die sehr Kleinen werden wieder zurückgeworfen. Die ganz Großen bleiben für die Angler im Teich. Die kleinen Quellen, die das Staubecken immer füllen konnten, sind aber im vergangenen Jahr versiegt.

Quelle bereits 1996 ausgetrocknet

Die große Quelle, die den 58 Hektar großen Teich lange versorgt hat, ist bereits 1996 ausgetrocknet. Die Trinkwasserversorgung von Magdeburg bedient sich an 16 umliegenden Brunnen. Die Gutachter streiten sich darüber, ob das der Grund für das Versiegen der großen Quelle ist. „Bei mir kommt kein Tropfen mehr nach. Ich bekomme nur noch das, was mir der liebe Gott von oben schickt, aber auch von dort kommt ja fast nichts.“ Hilfe bekommt die 72-Jährige auch von den Naturschützern nicht, obwohl die Hälfte des Teichs Naturschutzgebiet ist. „Ich bekomme immer nur zu hören, was ich alles nicht darf, aber das Fischsterben hier nehmen die Naturschützer einfach so hin. Da kümmert sich niemand“, sagt Hannelore Sachse.

Wenn es keine drastische Wasser- und Sauerstoffzufuhr gibt, wird der Teich voraussichtlich in den kommenden Jahren kippen. Durch starken Sauerstoffmangel verenden dabei die Fische und die Menge an Blaualgen und Bakterien nimmt stark zu. Der Teich ist damit tot.

Schutz bedrohter Arten ist nötig

Der Ernst der Lage war auch auf dem Deutschen Fischereitag Mitte August in Magdeburg ein Thema. Andreas Schlüter, Diplom-Ingenieur für Fischerei vom Landesfischereiverband Sachsen-Anhalt, bemängelt ebenfalls, dass sich Naturschützer nur selten für die Lebewesen unter der Wasseroberfläche interessieren würden. In vielen Fällen sei der Schutz von Insekten- oder Vogelarten wichtiger als der Schutz der Fische. „In manchen Gewässern dürfen wir keine neuen Fische aussetzen, weil sie dann möglicherweise die Libellenlarven fressen“, klagt Schlüter. Dies müssen die Fischer jedoch tun, um bedrohte Arten vor dem Aussterben zu schützen. „Vögel wie Kormoran und Gänsesänger dürfen sich von Fisch ernähren, aber der Fisch soll unter Wasser entscheiden, was er fressen darf und was nicht?“, kritisiert er. Für Schlüter sitzen zu viele Biologen in der Oberen und Obersten Naturschutzbehörde, die eine einseitige Sichtweise hätten. „Sie sehen leider immer nur einzelne Komponenten des Ökosystems als schützenswert an. Gerade ein Biologe sollte aber die Natur immer in ihrer Gesamtheit betrachten.“

Die Fischereiverbände werden der starken Belastung durch die Hitze nicht mehr Herr. In den Sommermonaten sollten die Fische eigentlich heranwachsen, doch selbst die widerstandsfähigeren Arten halten die extreme Belastung kaum noch aus. Auf die Frage, wie man die Situation denn verbessern könnte, erwiderte Schlüter: „Wenn wir Ideen hätten, hätten wir sie längst umgesetzt.“

Gefahr durch gekipptes Wasser

Auch Hannelore Sachse weiß nicht mehr weiter. Der Teich ist nicht nur der Lebensraum für ihre Fische. Am anderen Ufer habe ein Jäger neulich eine Wölfin mit ihren sieben Jungen beobachtet, und auch Rehe und Wildschweine kommen oft zum Deetzer Teich. Auch sie seien auf das Wasser angewiesen. Wenn der Teich aber kippt, führt das Trinken zu einer Vergiftung der Tiere und im schlimmsten Fall sogar zum Tod. „Wenn es nächstes Jahr wieder so aussieht wie jetzt, werde ich ein letztes Mal abfischen.“ Sie gerät kurz ins Stocken. „Und wenn ich die Fische verschenken muss. Noch ein Jahr, sehe ich mir dieses Elend nicht mehr an.“