Spuren der vernichteten jüdischen Gemeinde

Über das wechselhafte jüdische Leben in Zerbst: Von der Vernichtung einer Gemeinde bis zu den heutigen Spuren

Mal mitten drin, dann wieder vertrieben – wechselhaft gestaltete sich das jüdische Leben in Zerbst. Erst die Nationalsozialisten sorgten für die völlige Vernichtung der Gemeinde. Spuren ihrer Existenz finden sich dennoch bis heute.

Von Daniela Apel
An einem der Außenpfeiler der Ruine der Zerbster Nicolaikirche blieb die Schmähskulptur einer Judensau erhalten.
An einem der Außenpfeiler der Ruine der Zerbster Nicolaikirche blieb die Schmähskulptur einer Judensau erhalten. Daniela Apel

Zerbst - Anfang des 14. Jahrhunderts siedelten sich nachweislich die ersten Juden in Zerbst an. In einzelnen Straßennamen haben sie ihre Spuren hinterlassen. Westlich des Marktes befinden sie sich – die Jüdenstraße, die Silberstraße und die Kupfergasse, die vom hebräischen Wort „keber“ für Friedhof abgeleitet ist. Als „sehr prädestiniert“ bezeichnet Museumsleiterin Agnes-Almuth Griesbach diese Lage unmittelbar neben dem Handelszentrums der damals wirtschaftlich florierenden Stadt. „Das zeigt, dass sie anerkannt waren“, schlussfolgert sie.

Ein Ghetto, ein in sich abgeschlossenes Wohnquartier, habe es indes nie gegeben, sagt die Historikerin. Vielmehr lebten die Juden inmitten ihrer christlichen Mitbürger, was wegen ihrer Andersartigkeit, ihres Glaubens, ihrer Speisegebote und Reinigungsregeln aber immer wieder zu Ablehnung führte. Zumal sie als Christusmörder galten.

Als die Pest immer mehr Opfer forderte, so dass die Totengräber mit den Bestattungen gar nicht mehr nachkamen, suchte man Schuldige und fand sie in den Juden. Ihnen wurde vorgeworfen, die Brunnen vergiftet zu haben. Es folgten Pogrome und die Juden wurden aus Zerbst vertrieben. Ein Zeugnis hierfür könnte das Motiv der „Judensau“ sein, das an einem Außenpfeiler der Ruine der Nicolaikirche sogar dem Bombenangriff auf die Rolandstadt am 16. April 1945 überstanden hat. Nur an etwa 30 Orten in Mitteleuropa existieren solche Reliefs noch. Die Zerbster Sandsteinplastik stammt aus dem 15. Jahrhundert. Zu sehen sind Juden, die an den Zitzen einer Sau trinken. „Es ist eine Diffamierung der Juden, für die das Schwein nicht koscher, also unrein ist“, erläutert Agnes-Almuth Griesbach. Nach den mosaischen Geboten sollte der Kontakt zu den Tieren vermieden werden, zugleich war es verboten, dessen Fleisch zu essen.

Judensau-Plastik mit verschiedenen Symboliken

Wie Dietrich Franke in der Publikation „Jüdisches Leben in Anhalt“ (erschienen 2020) in seinem Beitrag über Zerbst schreibt, herrscht hinsichtlich der Deutung der Judensau bislang keine Einigkeit. Zum einen könnte die allerdings auf der Nordseite der Kirche angebrachte Schmähskulptur veranschaulichen, dass die Juden auf dem südlich des Gotteshauses gelegenen Markt keinen Handel mehr treiben durften. Zum anderen könnte die Plastik symbolisieren, dass die Juden kein Wohnrecht mehr in der Stadt hatten. Erst im 18. Jahrhundert sollte ihnen der Zerbster Fürst wieder erlauben, sich anzusiedeln.

Zu erwähnen ist, dass ein weiteres solches Spottbild in der Stadt existiert. Laut Agnes- Almuth Griesbach handelt es sich um das einzige europäische Zeugnis einer Judensau an einem profanen Gebäude. Die Rede ist von einer gotischen Schnitzerei, die ursprünglich neben weiteren allegorischen Motiven wie dem eitlen Pfau oder dem Affen, der sich einen Spiegel vorhält, die Fassade eines Kaufmannshauses auf dem Markt zierte. 1988 wurde der unter Putz verborgene Balken freigelegt, der jetzt im Museum der Stadt ausgestellt wird.

Interessant ist, dass der Kustos der Nicolaikirche Franz Wiemann 1902 anscheinend gar nichts mehr mit der Sandsteinfigur anzufangen wusste. Dessen Bedeutung bedürfe noch der Aufklärung, zitiert ihn Marianne Büning in ihrem 2007 erschienenen Buch „... nur wie Fremdlinge in unserm eigenen Wohnorte betrachtet“ über die Geschichte der Zerbster Juden, die alsbald ins Visier der Nationalsozialisten gelangen sollten.

Anhalt als Nazi-Hochburg in den 20er Jahren

„Anhalt war schon in den 1920er Jahren eine Nazi-Hochburg“, blickt Agnes-Almuth Griesbach zurück. Der Freistaat sei 1932 der erste in Deutschland gewesen, in dem mit Alfred Freyberg ein Nationalsozialist zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, erzählt die Historikerin. Die Ausgrenzung der Juden begann, von denen damals noch etwa 90 in Zerbst lebten. Sie gingen verschiedenen Berufen nach, waren Pferdehändler oder Lehrer. Zudem gab es mehrere jüdische Modekaufhäuser, in denen Konfektionsware und maßgeschneiderte Kleidung angeboten wurde, wie die Museumsleiterin schildert.

Der geschürte Hass auf die Juden gipfelte auch in der Nuthestadt am 10. November 1938 in einer Pogromnacht. Tags zuvor war in der Zerbster Tageszeitung zur Abrechnung mit der „feindlichen Brut“ aufgerufen worden. Mit abgedruckt war eine namentliche Auflistung aller jüdischen Bewohner samt der Angabe ihrer jeweiligen Adressen. Nun zogen die Angestachelten zur Synagoge, die sie anzünden wollten. Die Feuerwehr verbot es allerdings aufgrund der Brandgefahr für die umliegenden Gebäude. So wurde die Synagoge aufgebrochen, verwüstet und geplündert. Das daneben befindliche jüdische Gemeindehaus verschonten sie ebenfalls nicht. Es sollte kurz darauf zur letzten Wohnstätte der verbliebenen etwa 30 Juden werden. Nur wenigen gelang die Flucht durch eine Auswanderung in die USA oder nach Palästina, wie Marianne Büning recherchiert hat. In ihrem Buch hat sie die Namen und Schicksale Zerbster Juden dokumentiert, die verschleppt und ermordet wurden.

Drei Deportationstermine gab es 1942 – im April, Juli und Anfang Dezember. An diese Männer, Frauen und Kinder, die aufgrund ihrer Religion den Holocaust nicht überlebten, erinnern in Zerbst Stolpersteine als Spuren in den Gehwegen.