Zerbst l Eigentlich sollte das Zerbster Kino in der Karlstraße Reihenhäusern weichen. Das zumindest konnte man vor ziemlich genau einem Jahr einer Anzeige im Internet entnehmen. „Das hier angebotene Baugrundstück mit etwa 1804 Quadratmetern Grundstücksfläche befindet sich in einem Mischgebiet im Stadtkern von Zerbst“, hieß es in der Anzeige. Preis: 32 000 Euro (Volksstimme berichtete).

„Das Grundstück ist bereits für den Bau von drei Reihenhäusern projektiert worden, dies ist jedoch bislang noch nicht umgesetzt“, hieß es damals weiter. Auf dem Grundstück befinde sich aktuell noch ein abrissreifer Saalbau. Es sei voll erschlossen und teilbar, so der Inhalt des Inserats der Postbank-Immobilien GmbH im Juli 2019.

Kino steht unter Denkmalschutz

Bis vor wenigen Tagen war die Anzeige erneut im Internet zu finden – mit gleichem Preis, aber ansonsten mit einem völlig anderen Inhalt. „Bei der angebotenen Immobilie handelt es sich um einen Filmtheaterbau von zirka 1946 des Architekten Erich Alt aus Halle/Saale. Das Kino wurde bis zur Wende als ,Theater der Freundschaft‘ unter der Bezirksfilmdirektion Magdeburg geführt. Bis zu 550 Zuschauer fanden im großen Kinosaal ihren Platz“, ist jetzt im Inserat zu lesen. Das Gebäude befinde sich in einem sanierungsbedürftigen Zustand und sei größtenteils ausgeräumt und teilweise entkernt worden.

Was zu diesem augenscheinlichen Sinneswandel geführt haben könnte, ist ebenfalls in der jetzigen und neuen Anzeige zu lesen: Filmtheater, Baujahr 1946, Baudenkmal, Kinosaal mit Balkon, Foyer, Sanitärbereich, diverse Lager- und Nebenräume, voll erschlossen, sanierungsbedürftig, Grundstücksgröße etwa 1804 Quadratmeter.

Anzeige wird aus dem Internet verschwunden

Hier ist wohl das Wort „Baudenkmal“ in der Beschreibung das entscheidende Kriterium, das einen Abriss und den Bau von Reihenhäusern nahezu unmöglich macht. „Ja, das Kino steht unter Denkmalschutz“, schreibt Landkreissprecher Udo Pawelczyk auf Nachfrage. Ein Abbruchantrag wäre beim Landesverwaltungsamt, Referat Denkmalschutz, zu stellen. „Für einen Teilabbruch ist der Landkreis zuständig. Ob ein Abbruch genehmigungsfähig ist, kann ohne Antrag nicht geprüft und damit auch nicht beantwortet werden“, erläutert Pawelczyk.

Inzwischen ist die Anzeige seit einigen Tagen wieder aus dem Netz verschwunden. Der Postbank-Sprecher hält sich auf Volksstimme-Nachfrage bedeckt. „Aus Datenschutzgründen kann ich Ihnen leider keine Details an die Hand geben“, schreibt Ralf Palm, gibt dann aber doch noch einen Hinweis: „Nur so viel: Wir haben aktuell eine Kaufabsichtserklärung vorliegen. Dies ist auch der Grund, weshalb Sie die Verkaufsanzeige nicht mehr finden.“ Ob der Kaufinteressent allerdings vorhat, die ehemaligen Corso Lichtspiele wieder zu reaktivieren, bleibt vorerst offen.

Zerbster vermissen eigenes Kino

Die Zerbster sind sich einig, sie wollen ihr Kino zurück. Eine Umfrage auf der Facebook-Seite ZerbstAktuell hat ergeben, dass bei einer Wiedereröffnung 42 Prozent ein- bis sechsmal im Jahr, 58 Prozent sogar mehr als sechsmal im Jahr ins Kino gehen würden. Abgestimmt haben immerhin 645 Facebook-User. Die Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, zeigt aber einen eindeutigen Trend.

Und es gibt noch einen Punkt, in dem sich die Zerbster einig sind: „Das ob und ,wie oft‘ käme natürlich auch auf die Auswahl der Filme und den Eintritt an“, schreibt Anke Kaiser in ihrem Kommentar. So oder so ähnlich äußern sich viele User in ihren Kommentaren. „Wenn beispielsweise hin und wieder auch mal Kinder- oder Disneyfilme laufen, würde ich mit meinen Kids bestimmt öfter mal hinschlendern, als kleines Highlight“, fügt Anke Kaiser noch hinzu.

Von Klassiker über Wunschfilme

Angela und Lutz Köcher blicken vergleichsweise ins Jerichower Land nach Burg. „Vielleicht auch mal Filme anbieten, die auf verschiedene Themen bezogen sind, Klassiker oder Wunschfilme. In Burg gibt es ein tolles Kino, das von einem Verein organisiert wird und das auch ãhnlich wie in Zerbst vor der Schließung eine kleine Versorgung mit Snacks und Getränken wãhrend der Vorstellung bietet“, schreiben die Köchers.

Charlotte Ha ist da weniger anspruchsvoll. „Egal, was da laufen würde, ich würde andauernd hingehen! Ein Kino in Zerbst wäre großartig.“ Es gibt aber auch die andere Meinung: „Das Kino steht bereits so lange leer und es gab keine Nachfrage, warum sollte es jetzt anders sein? Es gibt genug große Kinos in der Nähe mit reichlich Auswahl, da kann das Kino in Zerbst, wenn es wieder öffnen sollte, nicht mithalten“, schreibt Sebastian Geil.

Stadt ohne Kino ist verloren

Und Mariusz Kucharz bringt es mit seinem Kommentar auf den Punkt: „Kino ist wie der Blick auf die Welt. Ohne Kino ist eine Stadt keine Stadt.“