Steutz l Immer wieder habe ich in der Vergangenheit über die Nabu-Aktion „Stunde der Wintervögel“ berichtet. „Ziel ist es zu erreichen, dass sich möglichst viele Menschen beteiligen, Daten sammeln und uns melden. Daraus können Fachleute dann wichtige Informationen und Trends zur Entwicklung der heimischen Vogelbestände ableiten“, erklärt Annette Leipelt vom Nabu Sachsen-Anhalt.

3,5 Millionen Vögel gezählt

2018 meldeten bundesweit mehr als 138.000 Teilnehmer ihre Ergebnisse. In Sachsen-Anhalt waren es 2591, 136 im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Insgesamt wurden in ganz Deutschland über 3,5 Millionen Vögel gezählt und damit zwar deutlich mehr als im Vorjahr. Dennoch ist ein kontinuierlicher Abwärtstrend zu verzeichnen.

Ein Grund mehr, einmal bei der Langzeitstudie mitzumachen, die wertvolle Hinweise zum aktuellen Zustand der Artenvielfalt liefert. Zumal der Nabu einem die Teilnahme mit illustrierten Zählhilfen und Meldebogen erleichtert. Nur Zeit ist neben einem Stift mitzubringen, denn der Beobachtungszeitraum ist genau festgelegt – der Name der Aktion verrät es: Eine Stunde lang sollen die Vögel gezählt werden – auf dem Balkon, im Park, am Futterhäuschen... Der Ort ist jedem selbst überlassen.

Artenvielfalt an der Elbaue

Ich entscheide mich für unseren Garten. Als ich am Sonnabend um halb Drei aus der Tür trete, hängt der Himmel bei uns über Steutz voller grauer Wolken. Trotzdem höre ich sofort fröhliches Zwitschern. Allerdings stammen die Geräusche aus der Voliere unseres Nachbarn, Nymphensittiche, Finken und andere exotische Vögel flattern darin munter umher. Mich jedoch interessiert unsere heimische Vogelwelt.

Dass diese äußerst vielfältig ist, habe ich bei Spaziergängen rund um unser Dorf längst beobachten können. Ob Buntspecht, Kuckuck oder Eichelhäher – die unterschiedlichsten Vogelarten entdeckte ich bereits zwischen Baumwipfeln und in der Elbaue. Nicht zu vergessen sind die Weißstörche, die regelmäßig im Horst an der alten Schmiede nisten, oder die Schwäne, die ihre Runden auf dem Großen Loch drehen. Auch die Rauchschwalben gehören die warmen Monate über zum Ortsbild.

Zwei Krähen fliegen vorbei

Ich bin gespannt, was meine Zählung ergibt. Da erscheint plötzlich eine Nebelkrähe. Vom Schornstein des Nachbarhauses blickt sie zu mir herüber, bevor sie sich mit lautem Krächzen erhebt. Ich mache mir eine Notiz. Es dauert nicht lange, da ist erneut ein lautes „Kra, kra“ zu hören. Zwei Krähen fliegen über meinem Kopf vorbei. Um Doppelzählungen zu vermeiden, soll von jeder Vogelart nur die höchste Anzahl notiert werden, die zur gleichen Zeit zu sehen ist. Ich korrigiere meine Notiz also auf Zwei und nicht auf Drei.

Wo aber sind all die Spatzen, die uns im Sommer mitunter schon kurz vor 4 Uhr morgens mit ihrem Tschilpen geweckt haben? Mindestens ein Pärchen hat bei uns unterm Dach des umgebauten Stalls gebrütet. Ein kleiner Spatz irrte bei seinen ersten Flugversuchen durch unseren Garten ... Doch keine Spur von ihnen.

Haussperling führt Rangliste an

Dabei führt der Haussperling nicht selten die Ergebnislisten der Nabu-Mitmachaktion an. Erst 2018 war er deutschlandweit wieder Spitzenreiter vor Kohlmeise und Blaumeise – auch bei uns in Anhalt-Bitterfeld.

Unsere Spatzen indes scheinen ausgeflogen zu sein – irgendwie fühlt es sich befremdlich an, den Garten so vogellos zu erleben. „Vielleicht hätte ich mir einen anderen Beobachtungsposten suchen sollen“, schießt es mir durch den Kopf. Aber mit der Zählung soll ja ein realistisches Bild entstehen.

Milder Winter, weniger Vögel

Fakt ist, seit Beginn der „Stunde der Wintervögel“ 2011 sind die Gesamtzahlen gemeldeter Vögel um 2,5 Prozent pro Jahr zurückgegangen. „Überlagert wird dieser langjährige Trend jedoch durch die Auswirkungen jährlich unterschiedlicher Witterungs- und Nahrungsverhältnisse“, erläutert Nabu-Vogelschutzexperte Marius Adrion. Grundsätzlich kämen in milderen Wintern wie momentan weniger Vögel in die Gärten, da sie auch außerhalb der Siedlungen genug Nahrung fänden.

Womöglich ist das die Ursache für das Fehlen der Sperlinge in unserem Garten? Da tauchen sie doch noch auf: Ein kleiner Schwarm von neun Spatzen lässt mich lächeln. Kurz bevor meine Zählstunde vorüber ist, kommt eine Elster vorbei, die ich ebenfalls in meine – wenn auch sehr überschaubare – Liste aufnehme.

Schnell und einfach

Was für mich bleibt, ist die Meldung an den Nabu. Das funktioniert schnell und einfach online. Wer mag, kann ebenfalls den Postweg nutzen. Bis zum 15. Januar sind die Daten einzusenden, die unter www.stundederwintervoegel.de „live“ in die Auswertung einfließen. Bis gestern Nachmittag hatten deutschlandweit bereits über 48 000 Teilnehmer ihre Resultate weitergegeben – über 1000 aus Sachsen-Anhalt, aus Anhalt-Bitterfeld waren es inklusive mir immerhin 41. Bleibt abzuwarten, wie das Endergebnis ausschaut und ob der Spatz auf Platz 1 bleibt.