Jahresrückblick

Was hat sich in Zerbst getan?

Bürgermeister Andreas Dittmann spricht über das spezielle Jahr 2020 in Zerbst. Und dass auch viel Positives in Zerbst passiert ist.

Volksstimme: Ich möchte mit der gleichen Frage wie bei den Interviews der vergangenen Jahre beginnen: Wenn Sie heute, am letzten Tag des Jahres, durch Zerbst gehen, wo hat sich die Stadt 2020 am meisten verändert?
Andreas Dittmann: Am Deutlichsten wohl im Verhalten eines jeden Einzelnen. Die Straßen sind leerer, die Gaststätten, der Einzelhandel und die Freizeitenrichtungen sind geschlossen. Aber Sie meinen ja eher die Baumaßnahmen und da gab es einige. Da ist die Karl-Marx-Straße, in Hohenlepte gibt es eine neue Ortsdurchfahrt. Die Fußwege in der Brüderstraße wurden saniert.

Am Frauenkloster sind dieser Tage die Rüstungen abgenommen worden und geben ein Stück von dem preis, was wir durch die Sanierung und Nutzung für die Nachwelt erhalten können. Gebaut wurde an den Feuerwehrgerätehäusern in Buhlendorf und Jütrichau, im Dobritzer Dorfgemeinschaftshaus wurden deutliche Verbesserungen erreicht, der historische Speicher in Buhlendorf erfüllt nun endlich die Brandschutzbedingungen, um wieder eröffnet zu werden. Dazu kommen die vielen Baumaßnahmen die von Unternehmen, Bürgerinnen und Bürgern und Organisationen angeschoben und umgesetzt wurden.

Wir blicken auf ein ziemlich außergewöhnliches, ja fast verrücktes Jahr zurück. Die Corona-Pandemie hat alles andere in den Schatten gestellt. Die Menschen, Unternehmen und Gewerbetreibenden mussten einschneidende Beschränkungen hinnehmen – bis jetzt zum Jahreswechsel und möglicherweise darüber hinaus. Keine Kultur, keine Feste, geschlossene Geschäfte, Schulen, Sportstätten, Museen – alles andere als einfach für einen Bürgermeister?
Das ist für niemanden einfach. Zu Beginn der Pandemie wähnten wir uns noch im sicheren Fahrwasser, da die Infektionszahlen in unserer Region relativ niedrig waren. Das ist aber Geschichte. Es steht nichts weniger als die Gesundheit und das Leben auf dem Spiel, dazu kommen viele berufliche Existenzen, für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. In Krisensituationen hat sich immer wieder gezeigt, dass die Menschen zusammen halten. Genau das brauchen wir jetzt und mit Ausdauer, weil uns die Pandemie und deren Folgen noch mindestens bis weit in das Jahr 2021 beschäftigen werden.

Viel Kritik musste auch die Firma Tönnies einstecken. Nun haben wir in Zerbst keinen Schlachtbetrieb, aber eine fleischverarbeitende Niederlassung, die ebenfalls in den Fokus geraten ist. Sie hatten ein Gespräch mit Clemens Tönnies. Sind die Probleme zur Sprache gekommen? Plant Tönnies in Zerbst zu investieren?
Natürlich war das Thema, die Branche ist aus mehreren Gründen im Umbruch. Das fängt bei den künftig unzulässigen Werkverträgen an und geht bis zu Fleischpreisen, die es den Landwirten und Tierhaltern ermöglichen, die in Deutschland geforderten hohen Standards auch umsetzen zu können, außerdem müssen der Handel und wir Verbraucher mitspielen. Am Zerbster Standort ist derzeit ein Umbau der Produktion und Produktpallette in Gang, der mit Investitionen verbunden ist. Insofern hoffe ich auf eine Stärkung der Anhalter Fleischwaren und auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch mehr reguläre Arbeitsverträge.

Können Sie schon absehen, wie sich die Pandemie im Hinblick auf sinkende Steuereinnahmen auf die Finanzen der Einheitsgemeinde auswirken wird? Die Stadt hätte ja bald schuldenfrei sein können.
Aktuell sieht es gut aus. Das liegt am erhaltenen Ausgleich für Ausfälle bei den Gewerbe- und Einkommenssteuern. Aber das dicke Ende wird noch kommen und das in mehrfacher Hinsicht. Die Sonderzuweisungen aus Bundes- und Landesmitteln werden auf unsere Steuerkraft angerechnet. Das bedeutet, dass wir in zwei Jahren weniger Landeszuweisungen bekommen und mehr Kreisumlage bezahlen werden. Dazu kommt, dass die Pandemieauswirkungen bei den Unternehmen ja in vielen Fällen vermutlich noch kommen werden. Die breite Aufstellung der Zerbster Wirtschaft hat uns bislang geholfen und wird es hoffentlich auch künftig. Es war deshalb auch richtig, dass wir unsere Investitionen nicht gestoppt haben. Die Entschuldung ist trotzdem nicht unrealistisch, das zeigt auch unser Haushaltsentwurf 2021. Was wir künftig nicht mehr in die Kredittilgung stecken müssen, haben wir für Investitionen zur Verfügung.

Der Haushalt 2021 liegt vor. Wann soll er beschlossen werden und welche Investitionen sind 2021 geplant?
Im Idealfall kann er am 27. Januar 2021 beschlossen werden. Die Voraussetzung dafür ist, dass alle Ortschaftsräte oder in deren Vertretung die Ortsbürgermeister/innen hierzu ein Votum abgegeben haben. Auf der Investitionsliste stehen die Sanierung der Kita in Lindau und der Grundschule in Walternienburg, die Grundschule Dobritz wird barrierefrei umgebaut, ebenso die Astrid-Lindgren-Grundschule, die Sanierung des Stadions geht los, das Frauenkloster wird zum Teil fertig, die Erweiterung des Feuerwehrgerätehauses in Steutz, der kleine Klosterhof, der Gartenweg und die Lüttge Brüderstraße werden saniert, die Burg in Walternienburg erhält ein Stuhllager, in Lindau soll die Zuwegung zwischen Schule und Burg ausgebaut werden, die Straße des Aufbaus in Steutz bekommt eine neue Straßenbeleuchtung, es werden weitere Feuerlöschteiche angelegt und so weiter.

Ungelöst ist noch immer das Hort-Problem. Geplant ist jetzt, das Dachgeschoss der Grundschule „An der Stadtmauer“ auszubauen. Wann geht es los?
Wir sind in der Bauplanung und erarbeiten einen Projektantrag, um eine möglichst hohe Förderung für die Umsetzung zu erhalten. Ich hoffe immer noch, dass es 2021 los geht.

Wie ist die Einheitsgemeinde wirtschaftlich aufgestellt? Gibt es Pläne für Neuansiedlungen oder Unternehmenserweiterungen in Zerbst?
Vor wenigen Tagen habe ich eine Standortbewerbung für ein Unternehmen abgeschickt, das brexitbedingt einen neuen Produktionstandort in Europa sucht, wir sind einer von vier möglichen Standorten. Wir hoffen natürlich alle, dass der Maschinenbau wieder aus der Talsohle kommt, dieser Industriezweig ist wichtig für uns. Ansonsten sehe ich den Wirtschaftsstandort Zerbst gut aufgestellt. Große Herausforderungen birgt aber der Klimawandel für Land- und Forstwirtschaft.

Auf dem Flugplatz soll in wenigen Jahren grüner Wasserstoff produziert werden. Könnte dies auch eine gewisse Sogwirkung haben, andere Unternehmen anziehen?
Ja, davon wie auch von der hohen Verfügbarkeit anderer regenerativer Energien. Nicht erst durch Tesla in Brandenburg wird deutlich, dass dies ein künftiger Standortfaktor sein wird, auch da sind wir gut aufgestellt.

Die Entscheidung über ein weiteres Prozessionsspiel in Zerbst ist gefallen. Der Stadtrat hat sich für eine neue Auflage entschieden. Nicht jedem gefällt das. Die Vorbereitungen und Proben sollten bereits in diesem Jahr beginnen. Geriet der Zeitplan durch Corona ins Wanken?
Das ist nun mal so. Bei allem Bemühen um Konsens, kann ich es trotzdem nicht jedem recht machen. Ich stehe im regelmäßigen Austausch mit Prof. Dr. Rüdiger Schwab, wir sind optimistisch, dass die Zeit ausreicht. Aber natürlich wird sich manches verdichten.

Das gleiche gilt für das Katharina-Forum. Am 26. und 27. April kommenden Jahres sollen sich in Zerbst wieder Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zum deutsch-russischen Wirtschaftsdialog treffen. Wird der Termin jetzt wieder zur Wackelpartie?
Wir orientieren uns gerade mit unseren Partnern in der Landesregierung, der Hochschule Anhalt und der Otto-von-Guericke-Universität auf den September. Das Katharina-Forum lebt vom direkten Gedankenaustausch an historisch bedeutsamen Ort, das lässt sich nicht durch eine Videokonferenz erreichen.

Sie haben wie immer das letzte Wort.
Das nutze ich, um mich zu bedanken. Gerade in einem Jahr wie 2020 kommt es darauf an, dass wir nicht gleichgültig sind. Der Begriff Gemeinde hat letztlich etwas mit Gemeinschaft zu tun und das zeichnet Zerbst/Anhalt mit seinen Ortsteilen aus. Hier engagieren sich unglaublich viele Menschen und nicht jede/r bekommt dafür Applaus oder wie Birgit Brandtscheid für Ihr Wirken für die Kindertafel das Bundesverdienstkreuz. Ihnen allen danke ich für diesen Einsatz und hoffe, dass wir alle gesund bleiben und das Jahr 2021 eines wird, auf das wir uns zu Recht freuen.