Zerbst l Und plötzlich lag da dieser alte, rote Papphefter auf dem Stubentisch. Gefüllt mit vergilbten Papier, vollgeschrieben mit Schreibmaschinenbuchstaben. Zeile für Zeile, ohne Absätze.

Die Familie war an Ostern zusammengekommen – so wie immer. Eigentlich. Annegret Schulze hatte ihre Liebsten um sich versammelt – Vater, Bruder, Kinder – als sie ins Plaudern gerät über etwas, das sie kürzlich in der Zeitung gelesen hatte: „Ein Nachfahre von Heinrich Gelzenleuchter hat einen Baum für den Schlossgarten gespendet. Ich wusste gar nicht, dass es aus der Richtung noch Verwandtschaft geben könnte, die auch noch regelmäßig in Zerbst ist.“

Sie kennt seine Geschichte

Denn Annegret Schulze ist entfernt verwandt mit den Gelzenleuchters. „Die Cousine meiner Mutter war mit Heinrich Gelzenleuchter verheiratet“, erklärt sie. Sie kennt die Geschichte um den mutigen Zerbster, der die friedliche Übergabe der Stadt Zerbst nach der Bombardierung an die Amerikaner verhandelt hatte, ganz genau. So wie fast jeder Zerbster. Eine Gedenktafel ist für ihn und Hermann Wille, der ihn bei diesem Auftrag unterstützte, auf dem Marktplatz angebracht.

„Ich weiß noch, wie ich immer an seinem Geburtstag zu ihm bin und ihm etwas auf dem Akkordeon vorspielte“, erinnert sie sich. Als sie 18 Jahre alt war, verstirbt Heinrich Gelzenleuchter. Bis dahin hat er nie mit ihr über die Kriegs- und Nachkriegszeit gesprochen. „Das war nie ein Thema.“

Fund beim Ausräumen der Wohung

Als Annegret Schulze vom Zeitungsartikel und noch möglichen lebenden Verwandten erzählt, wird ihr Bruder hellhörig. Denn zur Großtante Hannelore, die Frau von Heinrich Gelzenleuchter, hatte man Kontakt. Mittlerweile ist sie verstorben – schon einige Jahre. Aber er hatte die Wohnung ausgeräumt und erinnert sich an einen Fund, den er mit nach Hause nahm und verwahrte.

Nachdem die Familie beim Osteressen war, will er sich Gewissheit verschaffen, fährt auf dem Rückweg kurz zu Hause ran und wird schnell fündig: der alte, rote Papphefter ist da, wo er dachte. Wenig später legt er ihn auf den Stubentisch, an dem die Familie wieder zusammengekommen ist.

Ein Bericht über den Krieg

„Das war ein merkwürdiger Moment. Als ich das erste Mal darin blätterte und realisierte, was das ist“, beschreibt Annegret Schulze. Vor ihr liegen die Erinnerungen von Heinrich Gelzenleuchter. Fein säuberlich mit der Schreibmaschine getippt. „Zeitablauf vom April bis November 1945“ steht darüber. Sie überfliegt die ersten Sätze. In der Ich-Form berichtet er über die Abläufe des Krieges, die Bombardierung, die Verhandlungen. Seine Ich-Beschreibungen und der Inhalt der Niederschriften lassen keinen Zweifel offen, dass sie von Heinrich Gelzenleuchter selbst sind.

„Ich begann laut daraus vorzulesen. Alle waren ganz leise und hörten gebannt zu“, verrät Annegret Schulze, wie der Osternachmittag dann weiter ging. „Es war für alle beeindruckend. Die Schilderungen und Emotionen sind so lebendig, dass ich Gänsehaut beim Lesen bekam und mir manchmal die Tränen in den Augen standen. Obwohl man den Ausgang der Geschichte kennt, war es trotzdem spannend“, beschreibt sie den Moment.

Suche nach Originalen

Es wurde noch viel geblättert. In dem Papphefter befinden sich Zeitungsartikel, wahrscheinlich Notizen für Vorträge, und drei unterschiedliche Ausführungen der Geschehnisse im April 1945. „Allerdings sind viele Blätter Durchschläge. Ob jemand die Originale hat?“, fragt sie sich. Einer der Gründe, warum sie sich mit dem Fund an die Volksstimme wendet.

Heute und in den kommenden Tagen werden wir die Erinnerungen von Heinrich Gelzenleuchter abdrucken. Wer mehr über den Hefter und die Originale weiß, wird gebeten sich zu melden.