Pferdesport

Ein ganzes Leben für den Reitsport

Emmely Nitschke ist Vielseitigkeitsreiterin. Sie verbringt jede verfügbare Minute auf dem Pferd. Das Wohl der Tiere steht für sie an allererster Stelle.

Von Felix Hoffmann
Emmly Nitschke mit ihrem Pferd Rihanna.
Emmly Nitschke mit ihrem Pferd Rihanna. Foto: Karolin Pilz

Oschersleben - Die 20-Jährige ist im positivsten Sinne des Wortes „besessen“.

Das Vielseitigkeitsreiten, auch als Eventing bekannt, hat seinen Ursprung im Militär. Es war Ausbildungsprogramm der Kavallerie und musste von jedem Reiter erfolgreich abgelegt werden. Es ist ein Mehrkampf, zusammengesetzt in folgender Reihenfolge aus den Teilprüfungen: Dressur, Geländeritt und Springen. Das Anspruchsprofil für die Pferde ist breit. Es bedarf im mentalen Bereich außerordentlichen Konzentrationsvermögen, Mut, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit. Wichtige körperliche Attribute sind Athletik und Ausdauer sowie ein exzellentes Sehvermögen, um Entfernungen einschätzen zu können.

Keine naheliegende Verbindung zum Reitsport

Emmely Nitschke ist nicht mit Pferden aufgewachsen. Eine naheliegende Verbindung ihrer Familie zum Reitsport gab es keineswegs. Doch dies änderte sich schlagartig. Im Sommer 2009 im Urlaub in Tirol saß sie das erste Mal in ihrem Leben auf einem Pferd. Einem Pony genauer gesagt. Damals war sie acht Jahre alt. Das Pony überragte sie. Angst hatte sie nicht, eine gehörige Portion Respekt sicherlich. Diese Begegnung brannte sich ein. Vom ersten Moment an war sie „infiziert“, wie sie sagt. An ihrer großen Schwester zog ein solcher Rausch spurlos vorüber. Emmely hingegen meldete sich noch im selben Jahr im Reitverein in ihrer Geburtsstadt Halberstadt an. Sie war dem Reitsport voll und ganz verfallen und wurde in ihrer Familie damit „Vorreiter“, im wahrsten Sinne des Wortes.

Liebe auf den ersten Blick

2010 wechselte sie nach Eilenstedt auf einen kleinen Reiterhof und begann erste Turniere zu reiten. Es folgten erste Gehversuche in der Vielseitigkeit. „Zu Anfang habe ich mir fast alles selbst beigebracht. Was ich heute kann, musste ich mir erkämpfen,“ blickt sie zurück. Die 20-Jährige merkte schnell, dass ihr Ehrgeiz den ihres Umfeldes überstieg. Ein eigenes Pony musste her. Es hieß „Kira“ und war beinahe so groß wie Emmely selbst. Die ambitionierte junge Dame beschreibt sich selbst als „zielstrebig“ und „verbissen“. Was sie beginnt, bringt sie auch zu Ende. Zu ihren Vorbildern zählt vordergründig die Reitmeisterin Ingrid Klimke.

Schnell entwuchs sie dem Dorf. Eine weitreichende Perspektive wurde in Oschersleben geboten. 2015 ging es für die Rotschöpfin an die Bode zum Reit- und Fahrverein Oschersleben, ansässig auf dem Reiterhof Behrens. Hier macht sie Bekanntschaft mit ihrem „Erfolgspferd“ Rihanna, genannt Hanna. Nun wurde nicht mehr auf Ponys geritten. Ihre Entwicklung förderten im Einzelnen: Guido Pukall im Springen, Stefan Schulze in der Dressur und ab 2020 stieß Nicolai Aldinger hinzu. Ein weiteres Pferd vergrößerte ihr Arsenal: Daiquiri, nach einem Cocktail benannt und tatsächlich verwandt mit einem Pferd namens Caipirinha, war neben Hanna ihr zweites Turnierpferd. Kaum sah sie dem mächtigen Geschöpf in die Augen, war es um sie geschehen. „Dieses Pferd musste ich haben“, resümiert sie. Noch etwas später gesellte sich „Carlos“ dazu, als einzig männlicher Vertreter so etwas wie der „Hahn im Korb“. Aktuell reitet sie auf bis zu acht Pferden.

Anfangs fiel es ihr schwer, sich auf die neuen Pferde einzulassen. Da sie Hanna so lange geritten ist, waren beide sowas wie ein Herz und eine Seele geworden. Die Verbindung von Pferd zu Reiter sei eher mit der Verbindung von einem Fußballspieler zu seinen Teamkollegen gleichzusetzen, als zum Ball, erklärt sie. „Wir sind ein Team“. Jedes Pferd hat ein anderes Gemüt. „Hanna war schon früh abgeklärt. Carlos ist eher so ein kleines Hibbelchen“, führt sie an. Auch die Verfassung des Reiters beeinflusst das Pferd enorm. Es ist ein delikates Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier, vor allem in der Dressur sehr an einen Tanz erinnernd. Nun habe sie ein sehr gutes Gespür dafür, wie leistungsbereit ein Pferd ist und was es gerade braucht. „Ich kenne meine Pferde so gut“, versichert sie mit Nachdruck. Das Pferde-Anreiten gibt ihr Sinn. Dabei geht es darum, die Grenzen eines Pferdes auszuloten und sich an diesen dann entlang zu hangeln und sie zu erweitern. „Manche Pferde sind athletisch, jedoch vom Kopf her noch nicht soweit“, sagt sie weiter. „Das ist wie bei Menschen.“ Bis zu zehn Stunden verbringt sie auf dem Pferderücken. Wer die Tiere nicht liebt, kann derartigen Aufwand nicht betreiben. Auf die Frage hin, ob sie schon einmal gestürzt sei, muss sie schmunzeln und antwortet: „Wer nicht mindestens einmal gefallen ist, der kann nicht reiten.“ Jedes Mal ging es sofort zurück aufs Pferd.

Wer nicht mindestens einmal gefallen ist, der kann nicht reiten.

Emmely Nitschke

Früh lernte sie selbstständig zu sein. Ihre Eltern unterstützten sie in allen Belangen. Vor allem in finanziellen Aspekten des teuren Sports. Doch zu Turnieren meldete sie sich immer selbst an. Auch der Alltag erfordert viel Disziplin. Es ist wichtig das Entscheidungsvermögen zu besitzen, wann man etwas mit welchem Pferd tun kann.

Prägende Erfahrungen

Die prägendsten Wettkampfeindrücke waren für die 1,68 Meter große Nachwuchsreiterin die Goldene Schärpe in Kreuth 2016 im Springpferdereiten. Dort traf sie bereits mit Berufsreitern zusammen. 2017 wurde sie Junioren-Landesmeister in Arneburg, gefolgt von der Vizemeisterschaft zwei Jahre später.

Von 2018 an wurde sie in den Landeskader Sachsen-Anhalts berufen. Im September 2020 ritt sie in Langenhagen ihr erstes internationales Turnier vor beeindruckender Kulisse inmitten der Spitzenreiter. Hier nutzte sie die Möglichkeit, ihren Vorbildern staunend und akribisch zuzusehen. Dort traf sie ebenfalls auf ihren Förderer Nicolai Aldinger. Ein echter Wunsch ist für sie 2020 in Erfüllung gegangen: Dort ging sie auf der Pferdemesse in Leipzig bei der Spooks Amateur Trophy an den Start und hatte erneut Gelegenheit, sich vor großem Publikum in der Messehalle mit den Besten zu messen.

Auch einen Sponsor konnte sie für sich gewinnen: sie gehört zum „Team Reitbar“, einem Reitsportfachgeschäft in Wernigerode.

Traumberuf Pferdewirtin

Mit ihrer Ausbildung zur Pferdewirtin möchte Emmely Nitschke das, wofür sie so viel Leidenschaft aufbringt und was schon seit vielen Jahren ihren Lebensmittelpunkt darstellt, mit ihrem beruflichen Alltag verschmelzen. Das Wohl der Tiere liegt ihr am Herzen. Pferde sind Nutztiere, auf ihnen wurden Kriege gewonnen und nun Medaillen errungen. Doch für die Halberstädterin sind sie weitaus mehr, als ein „Sportgerät“. Jedes Pferd habe seine eigenen Wesenszüge und macht seine Befindlichkeiten unmissverständlich bemerkbar, bringt sie zum Ausdruck.

Heute zählt die 20-Jährige zum Landeskader.
Heute zählt die 20-Jährige zum Landeskader.
Foto: privat
Als Teenagerin auf dem Dressur-Feld.
Als Teenagerin auf dem Dressur-Feld.
Foto: privat