Berlin (dpa) - Man kann Benjamin Biolay wirklich nicht vorwerfen, dass er Risiken scheut oder künstlerisch gern lau badet. Auch wenn bei seiner stetigen Vorwärtsentwicklung nicht unbedingt jedes neue Album gleich besser wird als der Vorgänger.

Womit wir bei Palermo Hollywood (Barclay/Universal) wären, der Paris/Buenos-Aires-Platte des französischen Sängers. Denn diese vom Stadtteil Palermo der argentinischen Metropole inspirierte, teilweise aber auch in der französischen Hauptstadt aufgenommene Songsammlung fällt zwar keineswegs weit hinter das von Biolay gewohnte Niveau zurück. Sie kann es aber mit dem voriges Jahr erschienenen Chansonlegenden-Tribute Trenet dann doch nicht ganz aufnehmen.

Dort verbeugte sich der Mann mit dem typischen rauchig-dunklen Sprechgesang im Rahmen eines Jazztrio-Albums vor den Liedern des großen Charles Trenet (1913-2001). Die Beseeltheit und Brillanz dieser Aufnahmen gehören zum Lässigsten und Schönsten, was Biolay seit Beginn seiner Karriere vor 15 Jahren abgeliefert hat.

Auch Palermo Hollywood ist nun wieder eine schöne Platte, voll feiner Melodien und opulent zelebrierter Lebensfreude zwischen streichersattem Pop, Chanson, Tango und Cumbia. Man hört den Stücken die Frühlingsstimmung durchaus an, die der 43-Jährige in Buenos Aires erlebte.

Der Opener und Titelsong führt mit einem Arrangement, das an 60er-Jahre-Filmmusik erinnert, sanft in die entspannte Atmosphäre dieser Platte. Dazu brummelt Biolay unnachahmlich verschlafen, als sei er gerade gegen Mittag aus seinem Hotelbett gestiegen, während im Hintergrund Frauenchöre, ein Akkordeon und ein Orchester jede Menge Wohlklang verbreiten.

Wie sein Vorbild Serge Gainsbourg raunt der Meister des Nouvelle Chanson in Tendresse année zéro erotische Zeilen. In Borges Futbol Club baut er als Sample eine euphorische argentinische Fußball-Reportage ein, in Palermo Spleen einen Arien-Beitrag des Operntenors Duilio Smirglia.

Etwas albern und unter Niveau wirkt anschließend der Disco-Pop von La noche ya no existe, auch das ziemlich stumpf-rockige Pas d'ici ist kein Meisterstück. Doch das tut dem insgesamt wieder starken Gesamteindruck dieses 50-Minuten-Werks kaum Abbruch. Es mag zwar nicht die Höhen von Rose Kennedy (2001), Négatif (2003), La Superbe (2009) oder eben Trenet (2015) erreichen, aber im französischen und europäischen Pop bleibt Benjamin Biolay einer der Leuchttürme.

Website Benjamin Biolay