Hamburg (dpa) - Dass jetzt alle deutsch singen, das ist wegen meinen Kumpels und mir. An Selbstbewusstsein hat es Bernd Begemann noch nie gemangelt.

Die deutschsprachige, moderne Musik gehe auf ihn zurück, sagt der Hamburger, den manche für den besten Songwriter, andere für den mitreißendsten Entertainer Deutschlands halten. Doch die zuweilen stundenlange Begemann-Show steigt meist nur in einem kleinen Club vor einer Hand voll Zuschauern.

Das ist das Leben eines Troubadours, scherzt Begemann in der Hasenschaukel, einer Bar auf St. Pauli. Hier drehte er Ende Oktober ein Video für seine neue Platte Eine kurze Liste mit Forderungen. Jemand hat mir mal vorgerechnet, dass es mein 22. Album ist, sagt er. Keine Ahnung. Darunter solch schöne Titel wie Sag Hallo zur Hölle oder Unsere Liebe ist ein Aufstand. Das ist sein Reichtum. Mit jeder Platte muss ich ein bisschen höher klettern, um den Überblick zu behalten.

Wenn man ihn die Aufnahme - die fünfte mit der Band Die Befreiung - beschreiben lässt, kommt eine dieser typischen Begemann-Aussagen zwischen ironischem Übermut und herzlicher Unbeholfenheit: Es sind 28 knuffige Popsongs, die wirklich toll sind. Zu einigen kann man tanzen, zu anderen Liebe machen oder weinen. Zusammengenommen sind sie ein Zeitbild. Begemann, der Gesellschaftserklärer.

Einer der Songs heißt Mehr als Erfolg (Brauche ich das Gefühl, euch weiterhin alle Scheiße finden zu dürfen). Verbittert klingt er manchmal. Stammtischgekeife eines moppeligen 53-Jährigen, sagt er dann selbst - und haut schnell einen Aphorismus hinterher: Man muss schon wissen, was man nicht mag, wenn man sich bewegen will.

Begemann tut nichts, um gemocht zu werden. Denn das sei das Gegenteil von Ausdruck. Kommerzieller Erfolg? Nicht wichtig. Sagt er jedenfalls. Und wenn man ehrlich ist: Er hatte ihn auch nie. Vor Jahren war da einmal ein Rock-'n'-Roll-Auftritt bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest (letzter Platz).

Trotz der oft wiederholten Inthronisation als Stil-Direktor der Hamburger Schule, auf die auch Blumfeld oder Die Sterne gingen, konnte sich Begemann nie aus seinem Szene-Dasein herausschälen. Damals wie heute tingelt er bis an die äußersten Ränder der Republik - nach Soest, Plauen oder Nettetal.

Live aber scheint er unschlagbar. Es ist mir noch nie passiert, dass ich dachte: Heute habe ich keine Lust, sagt Begemann in der Hasenschaukel. Zerknitterter weißer Anzug, langer Drehtag, letzte Kulisse. Ihr seht alle so toll aus!, raunt er dem Background-Chor zu. Sein Sakko spannt ein wenig. Einige Zeit ist vergangen, seit er 1987 als Posterboy der Band Die Antwort sein erstes Album aufnahm. Titel aus jenen Jahren laufen noch heute auf den Konzerten dieser Fleisch-und-Blut-Jukebox namens Begemann, die grob geschätzt 300 Songs auswerfen kann. Vielleicht auch 400, wer zählt das schon?

In der neuen Single St. Pauli hat uns ausgespuckt geht es um Junggesellinnenabschiede, Versace-Zuzügler, trendige Boutiquen. Dieser Stadtteil stand einmal für individuelle Freiheit, sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur, und jetzt ist es eine Art Fanmeile. Manch einer hätte sich dabei sicherlich den ganzen Gentrifizierungsfrust von der Seele geschrieben. So platt aber macht Begemann es nicht. Ihm geht es um Veränderung und Fortgehen. Anstatt den Finger zu heben, lieber den Rücken kehren.

Auf dem Kiez lebt der elektrische Liedermacher nicht mehr. Ich bin ein Kleinstadt-Boy, singt er, du bist ein Reihenhaus-Girl und du bist alles was ich will. Halb komisch, halb tragisch. So wie immer.

Website Bernd Begemann

Video St. Pauli hat uns ausgespuckt