Berlin (dpa) - Kultkünstler für Millionen, Kritikerlieblinge, hoch kreativ und auch kommerziell enorm erfolgreich - kaum eine Band bekommt diesen Spagat so hin wie Radiohead.

Seit dem faszinierenden "A Moon Shaped Pool" (2016) hat das englische Rockquintett indes kein neues Album mehr vorgelegt - und es ist auch nichts dergleichen in Sicht, wie Gitarrist Ed O'Brien im Interview der Deutschen Presse-Agentur bestätigt. Umso willkommener, dass der 52-Jährige nun selbst ein Solowerk herausbringt - sein erstes und ganz gewiss eines, das Radiohead-Verehrern viel Freude bereiten wird.

Die neun teilweise sehr langen Stücke von "Earth" zeigen O'Brien nicht nur als meisterlichen Gitarristen - das wusste man schon vorher, gilt der Brite doch laut Fachmagazin "Rolling Stone" als einer der wichtigsten Saiten-Virtuosen aller Zeiten. Sein jetzt unter den Initialen EOB veröffentlichtes Debüt beweist auch, dass dieser bei Radiohead eher im Hintergrund agierende Musiker ein toller Songwriter und mehr als passabler Sänger ist.

Auf dem "Earth"-Opener "Shangri-La" etwa klingt die Falsettstimme so sehr nach den atemberaubenden Klagelauten von Radiohead-Frontmann Thom Yorke, dass man zunächst an Amtshilfe des prominenteren Band-Kumpels denkt.

Aber nein, sagt O'Brien, das sei schon er selbst. Doch der Wahl-Londoner räumt auch ein: "Es war das Schwerste für mich, zu singen. Mit anderen Instrumenten kann man sich irgendwie durchmogeln. Aber wenn man seine Gesangsstimme nicht findet, wird das nichts mit dem Song." Er sei zwar "nicht sicher, ob es wirklich geklappt hat, aber ich bin enorm dankbar für die Hilfe, die ich dabei hatte, zum Beispiel von meinem Produzenten Flood."

Solche Bescheidenheit ist typisch für den in der Rockszene sehr beliebten Musiker, der auch Könner wie Glenn Kotche von Wilco und Omar Hakim (beide am Schlagzeug), Adrian Utley von Portishead und David Okumu (an zusätzlichen Gitarren) sowie den Radiohead-Kollegen Colin Greenwood (Bass) im Studio um sich scharte. Für die Ballade "Cloak Of The Night" gewann O'Brien die fabelhafte Britfolk-Sängerin Laura Marling, die erst kürzlich mit "Song For My Daughter" eines der stärksten Songwriter-Alben dieses Jahres herausgebracht hat.

Über die Unterstützung freut sich der seit rund 30 Jahren mit Radiohead aktive Musiker spürbar, gibt sich aber auch selbstbewusst: "Ich will mit den Besten arbeiten. Denn die besten Musiker sind nach meiner Erfahrung auch die besten Menschen." Die gerade erst 30-jährige Marling habe er vor den "Earth"-Aufnahmen nicht gekannt, "aber da ich ja immer mit den Besten arbeiten will: Sie ist die Beste in ihrem Metier, eine unglaubliche Künstlerin und ein fantastischer Mensch, mit so viel Kraft und zugleich Verletzlichkeit. Als ich mit ihr sang und Gitarre spielte, war ich wirklich nervös."

Im Gegensatz zur sanften Brise des Duetts sind andere EOB-Lieder wie "Olympik" oder "Brasil" hypnotisch pulsierende Artrock-Trips, die jeden Freund von O'Briens Stammband begeistern sollten. Textlich hat der Musiker manche düsteren Gedanken in die Waagschale geworfen. "Der ganze Mist, der momentan passiert, ist äußerst unheimlich", sagt er im dpa-Gespräch. "Die Art und Weise, wie wir in unseren patriarchalischen Strukturen mit der Welt umgehen, funktioniert nicht mehr. Es funktioniert nicht für diesen Planeten - wir reden hier über einen Klima-Alarm. Aber es funktioniert ja auch nicht für die meisten Menschen auf diesem Planeten."

Auf "Earth" wollte O'Brien Tiefgründigkeit und Ernst mit einer gewissen groovenden Ausgelassenheit kombinieren: "In den vergangenen fünf Jahren wurde ich von Radiohead-Fans immer wieder gefragt: Hey Ed, was für eine Art Platte wirst Du machen? Und ich sagte: Es ist ein existenzialistisches Tanzalbum. Ein Tanzalbum ist es nun nicht wirklich geworden, aber es geht schon um existenzielle Fragen."

Zurück zu Radiohead. Sänger Thom Yorke hat es auch solo ganz nach vorn geschafft mit Alben unter eigenem Namen, als Filmkomponist ("Suspiria") und im Projekt Atoms For Peace. Multiinstrumentalist Jonny Greenwood schreibt grandiose Kino-Soundtracks ("There Will Be Blood", "The Master"). Drummer Phil Selway hat zwei eigene Platten gemacht. Bassist Colin Greenwood ist nebenbei ein angesehener Fotograf. Die Band befinde sich derzeit in einer Pause, sagt O'Brien.

Ob er sich eine Solokarriere vorstellen kann? "Ich würde es jetzt nicht tun, wenn es nur eine einmalige Sache wäre. Inzwischen mag ich so sehr, zu singen, Texte zu schreiben, eine eigene Vision zu haben."

Webseite EOB