Von Steffen Honig

Jörg Bentmann ist nicht zu beneiden: Der Ministerialdirigent im Bundesinnenministerium hat am Weltflüchtlingstag die Fahne der deutschen Afrika-Politik hochzuhalten. Bentmann sitzt mit fünf Afrika-Kennern im Podium einer Diskussion des Bündnisses "Gemeinsam für Afrika" aus 23 Hilfsorganisationen in der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin.

Minsterialbeamter Bentmann hat zwar das gerade beschlossene Afrika-Konzept der Bundesregierung im Rücken, doch darin steht nichts zum aktuellen Umgang mit Nordafrika-Flüchtlingen. Der aber bewegt Kerstin Müller, außenpolitische Grünen-Sprecherin im Bundestag.

Sie findet es empörend, dass die EU sich nicht einigen kann, wie mit 8000 noch in Tunesien wartenden Flüchtlingen umgegangen werden soll, die Europa ihrer Meinung nach zumindest zeitweise aufnehmen sollte. Brentmann rettet sich dahin, dass "Konzepte zu entwickeln seien".

Und er hebt lieber hervor, dass die Bundesregierung endlich eine ressortübergreifende Strategie für die künftige Afrika-Politik entwickelt habe. Dafür gibt es Zustimmung auf dem Podium. Bemängelt wird aber, das vorher eine gesellschaftliche Diskussion gefehlt habe und somit die Wirtschaftsfragen im Vordergrund stünden.

Bundespräsident Christian Wulff hört als Schirmherr des Afrika-Bündnisses im Kirchensaal zu. In seiner Begrüßung hat er zuvor betont, dass Deutschland bei der Aufnahme von Flüchtlingen gemessen an der Bevölkerungszahl weltweit auf Platz 1 liege. Bei den Nordafrika-Flüchtlingen müssten "die EU-Staaten gemeinsam ihre Verantwortung wahrnehmen", so Wulff.

Nur 100 Flüchtlinge

Zur Bereitschaft Deutschlands, gerade mal 100 Flüchtlinge von Malta zu übernehmen, merkt er an: "Um diese Zahl wird weiter gerungen werden." Wulff weist aber auch den afrikanischen Regierungen "primäre Verantwortung" für das Wohlergehen ihrer Völker zu: "Die Flüchtlingsaufnahme behandelt die Symptome, beseitigt aber nicht die Ursachen."

In seinem Afrika-Engagement folgt Wulff in gewisser Weise seinem Amtsvorgänger Horst Köhler. Die Wärme jedoch, die von Köhler beim Thema Afrika ausging, lässt Wulff vermissen.

Auch Ministerialdirigent Bentmann neigt eher zu nüchterner Betrachtung. Die Flüchtlingsaufnahme sei etwa in der EU klar nach dem Prinzip geregelt: Bei wem sie ankommen, der muss sich um sie kümmern. Doch die Migrationsprobleme seien nur solidarisch zu lösen – in Europa und auf "Augenhöhe" mit den Afrikanern.

Augenhöhe? Davon haben die Afrikaner Veye Tatah und Emmanuel Noglo, beide in Deutschland lebend, bisher kaum etwas gespürt. Die Gründerin des Vereins "Africa Positive" aus Kamerun und der Student aus Togo finden, dass Afrikaner in Deutschland untergebuttert werden.

Frau Tatah gerät regelrecht in Rage: In den Medien werde über Afrika nur einseitig berichtet – immer mit Katastrophen im Mittelpunkt. Dabei gebe es kein einheitliches Afrika, sondern viele Kulturen. "Die Länder sollten gerecht dargestellt werden", fordert Tatah.

Auch zum Fachkräftemangel in Deutschland hat die Kamerunerin etwas zu sagen: "Es gibt keine Chancengleichheit für afrikanische Hochschulabsolventen. Aber man muss uns einsetzen – wir sind da!"

Emmanuel Noglo lobt die bestehende Bildungspartnerschaft zwischen Deutschland und Ghana ("gute Sache") und kann sich vorstellen, weitere Länder einzubeziehen – nach dem Vorbild des europäischen Erasmus-Programms.

Grenzen des Vorbilds

Insgesamt müssten sich die Deutschen bemühen, den Kontinent mehr aus afrikanischer Perspektive zu sehen. Sonst, meint Noglo, drohe die Gefahr einer "kolonialen Demokratie". Hier hakt Veye Tatah ein. Sie steht der wortmächtigen und migrationskundigen Moderatorin, Ex-Bischöfin Margot Käßmann, in nichts nach. Das europäische Demokratie-Vorbild sei ein "künstliches Gebilde", ruft Tatah.

Beispielhaft sei aber, wie die Europäer ihre Rechte wahrnehmen würden, meint Student Noglo. Wären die Afrikaner so weit wie die protestierenden Griechen, "hätte der IWF ein großes Problem."

Die afrikanische Kultur, erklärt Tatah, kenne neben Hexenglauben und Polygamie auch das Palaver, die Meinungsbildung im großen Kreis von Dorf oder Stamm. "Aus diesen traditionellen Formen kann sich Demokratie in Afrika entwickeln." Das Stichwort Palaver greift Klaus Töpfer, Vizepräsident der Deutschen Welthungerhilfe, sogleich auf.

Acht Jahre hat er für das UNO-Umweltprogramm in Nairobi gearbeitet und gelebt. Er zieht Parallelen zwischen afrikanischer Tradition und deutscher Demokratie-Wirklichkeit – siehe Stuttgart 21. "Wir erleben, dass wir viel mehr Palaver in unsere lokalen Parlamente hineinbekommen."

Die Debatte in der Berliner Kirche atmet diese Palaver-Kultur, was die Offenheit des Meinungsstreits betrifft. So meldet sich aus dem Publikum der Botschafter von Mozambik, Carlos Dos Santos, und lässt nach artigem Dank an den Bundespräsidenten seinem Frust Diplomaten-untypisch freien Lauf: "Die Partnerschaft beginnt mit Respekt! Was wir Afrikaner bei Grenzkontrollen erleben, hat damit nichts zu tun. Das Wichtigste am Afrika-Konzept ist, es auch in Taten umzusetzen."