Das Soziale in der Marktwirtschaft, so meint der Wirtschaftsethiker Waldemar Hötte, ist wie die Bremse am Auto. Oberflächlich betrachtet dient sie dazu, das Auto zu bremsen. Aber ohne eine solche Bremse stiege man gar nicht erst in das Auto ein – weil man sich nicht sicher fühlte. So gesehen dient die Bremse (das Soziale) also nicht zur Verlangsamung, sondern zur Beschleunigung des Autos (der Marktwirtschaft).

Hötte ist Geschäftsführer des Wittenberg-Zentrums für globale Ethik und trat jüngst bei einem Werteseminar in Neugattersleben nahe Bernburg auf, das der Verein Jugend Aktiv Mitteldeutschland (JAM) im Rahmen seiner jährlichen Eliteförderung für Schüler organisiert hatte. Der Wirtschaftsethiker handelt nach der "Goldenen Regel", mit anderen so umzugehen, wie man es auch von ihnen erwartet. Ökonomisch interpretiert heißt das: "Investiere in die Bedingungen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil."

Wer Nutzen stiftet, macht Gewinn

Für das Wittenberg-Zentrum, dem einige große deutsche Unternehmen und einige mittelständische aus Sachsen-Anhalt angehören, geht es darum, ökonomischen Nutzen mit einer sozialen Komponente zu vereinen. Demnach wird das natürliche Eigeninteresse, Profit zu machen, durch das Einbringen von Moral nicht gebremst, sondern erweitert. Anders ausgedrückt: Es kann nur derjenige systematisch Gewinne machen, der anderen Menschen Nutzen stiftet. Gesellschaft wird dabei als System der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil aufgefasst.

Konkret heißt das: Wer nur auf den unmittelbaren Profit aus ist und sich über jegliche gesellschaftliche Moral hinwegsetzt, macht langfristig weniger Gewinn als der, der die Gesellschaft mitnimmt. Denn für Hötte kann nur die Gesellschaft moralische Spielregeln aufstellen, welche Eigeninteressen "gut kanalisieren", nicht der Einzelne.

Nach dieser Auffassung übertritt ein Unternehmen, das zur Senkung von Arbeitskosten Produktionsstätten nach Rumänien verlagert, den von der Gesellschaft gesetzten moralischen Rahmen. Unmittelbare Sanktionen hat es dennoch nicht zu befürchten – so lange die überschrittenen Grenzen nicht zu drastisch ausfallen. Würde ein Unternehmen nämlich im Ausland Kinderarbeit einsetzen, könnte es sicher sein, dass Sanktionen folgen – mindestens in Form sinkender Umsätze.

Nicht bedingungslos im Ausland investieren

Für den sachsen-anhaltischen Unternehmer und JAM-Vorsitzenden Helge Fänger kann ein Unternehmen beim Investieren im Ausland ohnehin nicht die dortigen gesellschaftlichen Bedingungen außer acht lassen. Wenn beispielsweise die von ihm geführte Serumwerk Bernburg AG in den arabischen Raum exportiere, sei sie auch interessiert daran, dass sich dort Strukturen entwickeln, die mindestens die Kaufkraft der Menschen befördern.

Fänger wandte sich aber gegen eine Überregulierung durch die Politik. In Deutschland gebe es den Glauben, alles regeln zu können, sagte er. Beim Marktgeschehen habe dies seine Grenzen.

Klaus Rauber, ehemals Abteilungsleiter im Kultusministerium Sachsen-Anhalts, sieht im gesellschaftlichen Miteinander ein Teamverhalten, das nur funktionieren kann, wenn sich jedes Individuum bestmöglich einbringt. Aus Sicht der Berliner Rhetorik-Trainerin Claudia-Maria Mokri will das auch jeder tun: "Ich gehe davon aus, dass jeder morgens beim Aufwachen bereit ist, sein Bestes zu geben." Dabei dürften auch mal Ellbogen zum Einsatz kommen. "Es gibt nicht das Schlechte und Falsche", so Mokri. "Alles hat seine Berechtigung."

Die stellvertretende JAM-Vorsitzende und frühere Halberstädter Schulleiterin Christine Schönefeld beunruhigt es hingegen, dass viele junge Menschen sich nur für sich selbst und nicht für andere verantwortlich sähen. Die anwesenden Gymnasiasten nahm sie davon ausdrücklich aus.

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