Von Helmut Reuter

Nach rund zwei Monaten Dauerwahlkampf liegen in Brasilien die Nerven in den gegnerischen Lagern blank. Dilma Rousseff, die Wunschnachfolgerin des scheidenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, geht zwar als Top-Favoritin in die Stichwahl am Sonntag. Oppositionskandidat José Serra rechnet sich dennoch Chancen auf einen Wechsel aus. Er erinnert an die erste Runde am 3. Oktober. Auch da hatten Umfragen Dilma Rousseff eine absolute Mehrheit prognostiziert und weit danebengelegen.

Nach dieser Enttäuschung schaltete sich Lula, trotz Kritik auch aus den eigenen Reihen, noch stärker in den Wahlkampf ein. Er war in den vergangenen Wochen nahezu omnipräsent. Es geht um sein politisches Erbe, und das will er nur in die Hände seiner Parteigenossin und Ex-Kabinettschefin Dilma Rousseff legen, die bei einem Sieg die erste Präsidentin des weltweit fünftgrößten Landes wäre. In der Endphase des Wahlkampfes ist der Ton merklich rauer geworden. Auch die Stimmung bei den Anhängern ist aufgeheizt.

Rousseff konnte vorige Woche bei einer Veranstaltung nur knapp einer Wasserballon-Attacke ausweichen. Serra, der Ex-Gouverneur des reichen Bundesstaates São Paulo, hatte weniger Glück. Er wurde bei einem Wahlkampfauftritt in Rio mit einem Gegenstand beworfen und am Kopf getroffen. Lula hingegen sprach von einer "unverschämten Lüge" und einer Farce. Serra habe den Vorfall fingiert, um beim Wähler zu punkten. Das Serra-Lager konterte und sprach von Stoßtruppen der gegnerischen Arbeiterpartei (PT), die sich "faschistischer Methoden" bedienten.

Inhaltliche Argumente sucht man dagegen oft vergebens. In den Radio- und TV-Spots geht es vor allem um Emotionen, und die dürften zum Finale weiter hochkochen. Umfragen sahen Rousseff zuletzt bei 56 Prozent und Serra, den Oppositionsführer der Sozialdemokratischen Partei (PSDB), abgeschlagen mit zwölf Punkten Abstand bei 44 Prozent. In der ersten Runde betrug die Differenz zwischen beiden Kandidaten 14 Prozentpunkte.

Dass es überhaupt zur Stichwahl kam, lag weniger an Serra als am Shooting-Star der Grünen, Ex-Umweltministerin Marina Silva. Sie erreichte in der ersten Runde am 3. Oktober fast 20 Prozent der Stimmen. Zwar buhlten die beiden Hauptkonkurrenten danach intensiv um die Zuneigung Marina Silvas und vor allem um deren rund 20 Millionen Wählerstimmen. Aber die Grüne wollte sich nicht binden, erklärte sich neutral, wohl auch, um ihre Chancen für die nächste Präsidentenwahl 2014 zu wahren.

Sollte Dilma Rousseff am Sonntag den Sprung ins Präsidentenamt schaffen, würde sie mit Traumvorlagen starten. Sie übernimmt ein boomendes Land und hat in beiden Kammern des Kongresses mit ihren Alliierten eine komfortable Mehrheit. Die 62-Jährige will die Politik ihres Ziehvaters Lula fortsetzen. Der verlässt sein Amt am 1. Januar mit Rekordsympathie-Werten von bis zu 80 Prozent und konnte einen Teil des Bonus auf Rousseff übertragen.

Der Wahlkampf endet offiziell heute, zwei Tage nach Lulas 65. Geburtstag. Die Wahlkämpfer fürchten die verlockende Anziehungskraft der Strände. Zum Monatswechsel bietet ein Feiertag die Gelegenheit, ab heute zu einem Kurzurlaub zu entschwinden. Die Parteistrategen hoffen deshalb für das Wochenende auf wenig Sonne und eine hohe Wahlbeteiligung. (dpa)

Bilder