Eine Schule mit dichten Fenstern und Türen, der Lehrer ist stets pünktlich, keine Stunde fällt aus, die Schulbücher sind neu - aber nur für Kinder, deren Eltern ein Bruttomonatseinkommen von 6000 Euro haben. Bei nur 3000 Euro sind die Fenster undicht, die Lehrer nicht immer pünktlich, die Schulbücher zerlesen.

Die Vision von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Schule. Beim Arztbesuch haben wir sie schon. Dort bekommt von zwei Patienten jener schneller einen Termin, dessen Versicherung besser zahlt. Und der Arzt sieht an der Höhe des Honorars, ob er einen privat oder einen gesetzlich Versicherten behandelt hat.

So etwas wolle er nicht, sagt Sigmar Gabriel. Der SPD-Vorsitzende sammelt kontinuierlich Punkte bei einem Publikum, das ihm nahesteht. Kunststück. Auch muss er nur noch die Bälle auffangen, die ihm der Magdeburger Bundestagsabgeordnete Burkhard Lischka (SPD) als Moderator auf dem Podium zuwirft. Die Diskussions-Reihe "Lischka trifft..." zeigt, dass hinter Politik immer auch Menschen stehen.

Gabriels Parallele von Schule und Arztpraxis ist aus dem Leben gegriffen. Aus dem Leben der Gutverdiener und aus dem Leben jener Menschen, die arbeiten und trotzdem beim Amt um Stütze, um Aufstockung betteln müssen. Einer, der solch ein Leben kennt, verlangt von Gabriel, wenn er eine Zwei-Klassen-Gesellschaft nicht wolle, "dann müssen Sie das auch ändern".

Das wolle er wohl, aber "ich bin Opposition. Sie müssen mich wählen, damit ich dafür eine Mehrheit bekomme", wirbt Gabriel. Am besten sei es, man mache in der SPD mit. Dort könne man auch Mitglied auf Probe werden, offeriert der Parteichef Schnupperkurse bei den Genossen.

Demokratie funktioniert nicht im Lehnstuhl, argumentiert er, lehnt sich zurück in seinen roten Sessel und streckt die Beine aus. Die Augen sind wach und das Gesicht signalisiert hohe Konzentration. Jeder müsse für sich selbst entscheiden, ob er seine Zukunft und die seiner Kinder selbst in die Hand nehmen oder anderen überlassen will. "Wer sagt, ich will entscheiden, wie ich leben will, der ist bei der SPD gut aufgehoben."

Schnupperkurse bei den Genossen

Mann, oh Mann, was für ein Politikerklärer! "Gabriel war einer der besten Kellner, die ich hatte. Der hat den Leuten noch fünf Minuten vor Schluss eine Flasche Wasser verkauft", soll Herr Radkowitsch, Tanzlehrer, gesagt haben. Gabriel, der Student und Kellner.

Gabriel wäre gewiss auch ein toller Lehrer geworden. Aber damals habe die schwarze Regierung in Niedersachsen Referendare Referendare sein lassen und keine Lehrer eingestellt.

Deshalb also hat die CDU heute einen SPD-Chef am Halse, der nicht nur die Sozis nach ihrer Wahlniederlage von 2009 neu aufstellte, sondern Menschen mitnehmen kann. "Niemand konnte Siggi schlagen, weil er immer einige Spielzüge voraus sah", bemüht Lischka einen Kumpel aus Gabriels Jugendjahren.

Gabriel: "Ich kann kein Schach. Wir haben hauptsächlich Fußball gespielt." Keine Sorge. Mit Peer Steinbrück verfügt die SPD über einen versierten Schachspieler. So kommt der Parteiobere als jemand daher, der das Tor trifft. Das versetzt Menschen in Stimmung.

Dieses Talent ist ihm wohl in die Wiege gelegt worden. "Der niedliche Junge mit den Pausbacken konnte unerbittlich sein bei Ungerechtigkeit", zitiert Lischka Gabriels einstigen Sozialkundelehrer.

Heute wehrt sich Gabriel dagegen, Kinder in der Schule vorzusortieren. "Als Kind hatte ich vieles im Kopf, aber nicht die Schule", erzählt er. Kinder brauchen Freiräume. Seine Mutter habe ihn mit fünf, sechs Jahren zweimal die Woche zum Akkordeonunterricht geschickt, später bekam er einen Dackel, den musste er ausführen. Der Junge sollte wohl bloß nicht auf dumme Gedanken kommen.

Freiräume fand er bei den Falken. "Da gab es Zeltlager im Ausland für wenig Geld - und Mädchen waren auch dabei", schwärmt er. Und gesammelt haben die für eine Druckmaschine, damit spanische Sozialisten Flugblätter gegen Franco drucken konnten. Das hat den Burschen viel mehr beeindruckt als die Jungsozialisten, die in Seminaren Karl Marx gelesen hatten. "Die sind ja verrückt, und das nach der Schule", habe er damals gedacht.

Als Referendar hat er Deutsch unterrichtet. Die Schüler sollen begeistert gewesen sein. Manche Eltern konnten das gar nicht glauben. Ein fassungsloser Vater: "Meine Tochter lobt einen Lehrer, das ist unvorstellbar." "Ihre Tochter ist ziemlich schlau, dass müssen Sie ihr auch mal sagen", habe er zurückgegeben, erzählt Gabriel. Soll heißen: Schaut her, der oberste deutsche Sozialdemokrat traut den Menschen etwas zu.

Das sei auch seine Triebfeder zur Politik gewesen. "Bei den Sozialdemokraten haben sie sich wenigstens mit dir gestritten", erzählt er einen weiteren Schlag aus der Jugend. "Da hatte ich das Gefühl, die nehmen mich ernst."

Heute ist Finanzkrise und die Menschen sorgen sich um ihr Geld, um die Rente, um die Währung, sagt er. Konkreter will es eine Frau wissen, die in der DDR nach damaligem Recht geschieden worden ist und sich heute auf Grund des Einigungsvertrages und fehlender Rentenpunkte mit einer sehr geringen Rente über Wasser halten muss. "Ein interessantes Problem. Das berührt mich sehr und macht mich nachdenklich." Nein, so etwas sagt Gabriel nicht. Statt zu labern, gibt er zu, dass er passen muss. Er bittet um ein paar Zeilen, damit er sich kümmern kann. "Dann bekommen Sie eine Antwort, auch wenn sie negativ ausfällt."

Wenn die Frau vorher aufmerksam zugehört hat, wird sie ein bisschen Hoffnung haben. Denn beim Kramen in alten Episoden kamen Lischka und Gabriel auch aufs Tanzen und eine Personenwaage. Damals wollte Gabriel im Tanzklub mitmachen beim Turniertanz. "Junge", soll Tanzlehrer Radkowitsch gesagt haben, "dafür musst du ein bisschen abnehmen." Also schnappte sich Gabriel eine Personenwaage und nahm in vier Wochen sechs Kilo ab. Heute ist er ein guter Tänzer. Will heißen: Wenn der sich etwas vornimmt, kniet er sich rein.

Wie bandelt man auf dem Zahnarztstuhl an?

So viel Privates über einen Menschen, den die meisten nur als Politiker aus dem Fernsehen kennen? Ja, denn Privates macht auch ein bisschen klarer, warum jemand welche Politik macht.

Aber eine Frage hätten wir noch. Wie bandelt man mit einer Zahnärztin an, wenn man mit offenem Mund und wehrlos auf dem Zahnarztstuhl liegt? In solch prekärer Lage lernte Gabriel seine heutige Freundin kennen, eine Magdeburger Zahnärztin, die aus dem Mansfeldischen kommt.

Gabriel war ein Notfall. Längere Zeit schon hatte er Zahnschmerzen. Selbst ein Professor war nicht erfolgreich gewesen. So kam es zu einem Sonnabend-Termin bei Professor und Ärztin. Sie habe vorgeschlagen: "Das würde ich so und so machen." Es hat geholfen. "Wer einem so auf den Zahn fühlen kann", war Gabriel voller Bewunderung. Er lud zum Essen ein. Und da hat es wohl gefunkt. Heute ist der SPD-Chef sehr oft in Magdeburg - und wurde schon beim Fahrradfahren an der Elbe beobachtet.