"Wie kommt das Neue in die Welt?" – war das Thema des Innovationsdialoges. Das Wirtschaftsministerium hatte hochkarätige Fachleute hierzu eingeladen. Mit sachsen-anhaltischen Unternehmern versuchten sie, die Frage zu klären, wie neue Ideen und Produkte entstehen.

Magdeburg. Sommer, Sonne Strand und Meer: 40 Menschen sitzen in einem riesigen Anwesen in Kalifornien (USA). Sie grübeln im Auftrag von Volkswagen. Sie sollen dem Autobauer helfen, die Amerikaner zu verstehen. Stefan Liske war einer von ihnen. Er referierte während des Innovationsdialoges im Magdeburger Gesellschaftshaus. Das Thema des Abends: "Wie kommt das Neue in die Welt?"

Dazu blickte Liske erst einmal in das Jahr 2005 zurück. VW hatte enorme Absatzprobleme in den USA. Die Autos waren den Anforderungen nicht gewachsen. Liske nannte ein Beispiel: Die Ein-Liter-Becher der amerikanischen Fast-Food-Ketten passten nicht in die kleinen europäischen Getränkehalter.

So schickte der Autobauer ein Team in die USA. Architekten, Künstler, Maschinenbauer und sogar ehemalige Hausbesetzer, erzählte Liske. Sie begleiteten Familien im Alltag, wohnten sechs Wochen bei ihnen. Anschließend beriet sich das Team über die Frage: Was muss ein Auto haben, damit es die Amerikaner kaufen? Das Projekt "Moonraker" ließ sich VW sieben Millionen Euro kosten.

Auch neue Geschäftsideen suchen Großkonzerne über das Scouting, englisch für spähen oder Informationen sammeln. "Die Autobauer stehen vor einem drastischen Umbruch", sagte er. Dies betrifft nicht nur neue Materialien oder Antriebe. VW werde seinen Umsatz 2015 nur noch zu 70 Prozent mit Autos machen. Stichwort: Kleinkraftwerke.

Immer mehr seien die Konzerne bestrebt, voneinander zu lernen. So gestaltete der Sportkleidunghersteller Nike das Innenleben eines Audis mit.

Sinnvolle Kooperationen zu finden, ist der Job von Innovationsdesignern wie Stefan Liske. Für diese kreative Arbeit müsse sich in den Unternehmen aber eine Kultur etablieren, die auch Fehler zulässt.

Voraussetzung ist zudem viel Freiheit für die Mitarbeiter und ein Team aus vielfältigen, offenen Menschen. "Smart Mix" nannte dies Klaus Mainzer in seinem Vortrag. Der Professor für Philosophie und Wirtschaftstheorie an der TU München referierte über moderne Erfindungen. "Die Zeit der Pioniere wie Leonardo da Vinci ist vorbei. Innovation ist ein Netzwerk. Da stehen tausende Leute hinter", sagte er.

Die Verknüpfung der facettenreichen Eigenschaften des Menschen machen heute Erfindungen aus. Daher würden viele Innovationen von Kooperationen verschiedener Forschungsgebiete kommen. Auf Grundlage der Nanotechnologie programmiere die biologische Forschung beispielsweise Pflanzen- oder Tierzellen zum Schutz vor Krankheiten. Wahrnehmungsfähigkeiten würden in technische Systeme integriert. Autos können selbst auf veränderte Situationen im Verkehr reagieren.

Maschinen bewältigen immer mehr Prozesse selbständig. Die Zukunft liege in der fortschreitenden Vernetzung der Technologien miteinander. Vernetzung war auch das Ziel des Innovationsdialoges. "Wir wollten Unternehmer und Wissenschaftler miteinander ins Gespräch bringen", sagte Petra Penning, Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. "Voneinander lernen, miteinander sprechen und Innovationsprozesse initiieren."

Etwa 150 Mittelständler und Forscher waren der Einladung des Wirtschaftsministeriums gefolgt. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Kampagne "Erfolg wächst" statt, die vom Finanzministerium und dem Wirtschaftsministerium organisiert worden war. Die jeweiligen Minister Jens Bullerjahn (SPD) und Reiner Haseloff (CDU) eröffneten den Dialog. Auch Schüler der elften Klasse des Werner-von-Siemens-Gymnasiums aus Magdeburg hörten sich die folgenden Vorträge an. Anschließend berichteten erfolgreiche Unternehmer und Forscher über ihre Innovationspraktiken.

"Man muss nur einen Schuhmacher im Nacken haben", sagte Marcel Lejeune, Geschäftsführer des Helmherstellers Schuberth. "Für fünf Gramm weniger Gewicht ließ er sich einen neuen Helm bauen." Schuberth zog 2005 von Braunschweig nach Magdeburg. Innovation entstand auch aus der Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut. Außerdem habe das Unternehmen gezielt junge Leute mit Hochschulabschluss und Auslandserfahrung aus der Region eingestellt.

"Wir kooperieren mit Hochschulen und vergeben Masterarbeiten", sagte Steffen Enke, Geschäftsführer von VTQ Videotronik. Die Querfurter Firma stellt Videofunksysteme für Behörden, Militär und Medizin her.

Heppe Medical Chitosan produziert in Halle Rohstoffe für die Pharma- und Kosmetikindustrie. Das junge Unternehmen hat acht Mitarbeiter. "Wir suchen in offenen Gesprächen gemeinsam nach neuen Lösungen", erzählte Geschäftsführerin Katja Richter.

"Innovation kommt gerade von mittelständischen Unternehmen", fasste der Leiter des Fraunhofer-Institutes für Werkstoffmechanik in Halle, Ralf Wehrsporn, zusammen.

Trotz aller Neuerung, in einem waren sich alle einig: Ältere Beschäftigte dürften keinesfalls auf der Strecke bleiben. "Ihre Erfahrung ist ein Teil des Smart Mixes", sagte Klaus Mainzer. Diese müsse nach dem Prinzip genutzt werden: "Schau her, da steht ein ganzes Leben dahinter."

Marcel Lejeune griff den Gedanken auf: "Man muss auch eine Schraube drehen können und sie nicht nur am Computer zeichnen."