Leuna ist so groß wie 1800 Fußballfelder – und damit der bundesweit größte zusammenhängende Chemiestandort. Rund sechs Milliarden Euro wurden seit 1990 investiert. Und 2011 geht es weiter.

Leuna (dpa). Ein Labyrinth aus hunderten Kilometern langen blank blitzenden Rohrleitungen durchzieht den Chemiestandort Leuna. Computer steuern die Prozesse in diesen Lebensadern. In das Industrieareal, das nach einem gravierenden Strukturwandel nach 1990 laut Chemieverband zu den modernsten seiner Art in Europa gehört, soll 2011 weiter investiert werden.

Doch neue große Firmen, wie sie es mit der Total Raffinerie Mitteldeutschland oder dem Gasproduzenten Linde hier bereits gibt, werden sich in Zukunft eher nicht ansiedeln. "Wir wollen aus dem Standort heraus weiter wachsen", sagt Andreas Hiltermann, Geschäftsführer der Standortgesellschaft InfraLeuna GmbH.

Der Wettbewerb werde immer globaler, die Zentralen der "großen Player" überlegten sich genau, wo sie sich für neue Standorte entscheiden. Da habe etwa Asien weiter Kostenvorteile. Rund sechs Milliarden Euro wurden seit 1990 in Leuna (Saalekreis) investiert, rund 100 Firmen mit 9000 Beschäftigten haben sich auf saniertem Industriegelände angesiedelt. Ab 2011 sollen weitere rund 200 Millionen Euro in den Ausbau des Areals gesteckt werden.

"Mehrere hundert Arbeitsplätze sind damit verbunden", sagt Hiltermann. Die von ihm geleitete Firma ist Eigentümer und Betreiber der Infrastruktur am Standort – das reicht von der Stromversorgung bis zu Werkschutz- und Logistikleistungen.

Derzeit erweitert in Leuna der Schmierstoffhersteller Addinol Lube Oil GmbH seine Produktionsanlagen, der Epoxidharz-Hersteller Leuna Harze GmbH ebenso. Die irische Quinn-Gruppe halte trotz der derzeitigen Krise im Mutterland an ihren Plänen fest, ein Werk zur Herstellung von chemischen Produkten wie Acryl – es wird als Werkstoff etwa für Badewannen und die Automobilindustrie gebraucht – weiter zu bauen.

Das Vorhaben liegt allerdings schon seit gut zwei Jahren auf Eis. Doch der Aufwärtstrend der Branche in Deutschland lasse hoffen. Nach Angaben des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) in Frankfurt/Main rechnet die Branche, die in Deutschland rund 414 200 Beschäftigte hat, 2011 mit vier Prozent mehr Umsatz. Die Nachfrage komme vor allem aus den Schwellenländern, also ehemaligen Entwicklungsländern, die auf dem Weg zum Industrieland sind.

Doch Investitionen, Produktion und Umsatzzahlen sind es nicht allein, die für die Zukunft eines Chemiestandortes ausreichen. "Die Rohstoffbasis ist das A und O", sagt Hiltermann. Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) betont, nachwachsenden Rohstoffen gehöre die Zukunft, das gelte auch in der Chemie. Im nächsten Jahr soll auch der Neubau des Fraunhofer-Zentrums für Chemisch-Biotechnologische Prozesse (CBP) Gestalt annehmen. Dort wollen Experten ab 2012 vor allem für kleine und mittlere Firmen, die Spezialchemikalien herstellen, etwa nach Lösungen suchen, wie sie statt des teuren Erdöls künftig etwa Holz als Rohstoffbasis nutzen können.

Gegenwärtig hätten 23 Industrieunternehmen und 15 Universitäten und Forschungseinrichtungen ihre Projektmitarbeit signalisiert, so Hiltermann, und räumt zugleich ein: "Wir werden aber in der Chemie in absehbarer Zukunft nicht vom Gas und vom Öl komplett wegkommen, Biomasse wird die Rohstoffbasis für Hersteller von großen Mengen an Chemikalien in Deutschland nicht substituieren können." So werden allein in Leuna pro Jahr rund zwölf Millionen Tonnen Erdöl verarbeitet. Etwa das Vier- bis Fünffache an Biomasse wäre nötig, um Erdöl zu ersetzen – und das sei derzeit illusorisch.

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