Vor 13 Jahren begann Adnan* ein neues Leben - ohne Haus, ohne Geld, ohne feste Pläne, aber in Sicherheit. Denn vor 13 Jahren kehrte Adnan seiner Heimat - dem Nahen Osten - und damit dem Krieg den Rücken. Heute lebt er mit seiner Familie im Jerichower Land.

Burg/Genthin l Wenn Adnan* an seine Heimat im Nahen Osten denkt, reagiert er impulsiv, fast schon wütend, seine Stirn legt sich in Falten, seine Hände fuchteln aufgeregt in der Luft umher. Zu schrecklich sind die Erinnerungen an einen Krieg, der Familien und Freundschaften zerstörte und der Tausenden Menschen das Leben kostete. Korruption, Misstrauen und Verrat beeinflussten seinen Alltag. "Ich hatte Angst zu sterben", sagt Adnan. Gern würde er alles vergessen. Zumindest aber lebt er heute in Sicherheit.

In einem Lkw sei er 1998 nach Deutschland gekommen, an der Hand seinen etwa fünf Jahre alten mittleren Sohn. Der älteste Junge und seine Frau blieben zunächst zurück. Sie hätten zu jenem Zeitpunkt im Gefängnis gesessen - wie so viele, die sich gegen das Regime stellten und deren Familien daran zerbrechen sollten.

"Wir waren zwei, vielleicht drei Wochen mit dem Lkw unterwegs, saßen zwischen Kisten voller Orangen", erzählt Adnan von der unwegsamen Flucht nach Deutschland. "Das Gepäck wurde uns abgenommen, die Gürteltasche auch. Wir hatten nur unsere Kleidung am Körper." Zu Essen habe es hin und wieder Brötchen gegeben. Nach zwei, drei Tagen seien diese hart wie Stein gewesen. "Außerdem war es laut und stickig. Es waren mindestens 10, 20 Leute im Laderaum. Wir durften nie raus, nicht mal zur Toilette."

15 000 Dollar für die Fahrt ins sichere Deutschland

Für die Fahrt habe er etwa 15 000 Dollar gezahlt. Doch das sei es wert gewesen. "Ich wollte nach Deutschland, weil ich so viel Gutes von diesem Land gehört habe."

Diese Auskunft hören Petra Gehrmann und ihre Kolleginnen Heiderose Buck und Jana Linzenburg häufig. Die drei Frauen arbeiten für das Deutsche Rote Kreuz und beraten Migranten im Jerichower Land und in Magdeburg. Ob sie die Geschichten der Asylsuchenden glauben können? "Das müssen wir, denn mit diesen Angaben müssen wir arbeiten", meint Heiderose Buck.

Meist würden die Asylsuchenden erzählen, sie hätten während der langen Reise nie aus dem Wagen herausgeschaut. Deshalb hätten sie nicht bemerkt, wo sie gerade seien. Vielleicht eine Schutzbehauptung, vielleicht aber die Wahrheit. "Normalerweise müssten sie von dem Land aufgenommen werden, welches sie zuerst erreicht haben", sagt Heiderose Buck. "Und na ja, Deutschland liegt nicht gerade an der Grenze zum Heimatland der Flüchtlinge."

Doch zu beweisen, wie und warum die Flüchtlinge in die Bundesrepublik kamen, ist nicht Aufgabe der DRK-Sozialarbeiter. Schwerpunkte der Arbeit sind vielmehr die Beratungen zum Leistungs- und Aufenthaltsrecht sowie die schulische, berufliche und soziale Eingliederung.

Die Migrationsberatung teilt sich in die Beratung für Erwachsene und die gesonderte Beratung und Betreuung nach dem Landesaufnahmegesetz auf. Nicht alle Zuwanderer bitten hier um Unterstützung, aber etwa 80 Hilfesuchende mit unterschiedlichem Beratungsaufwand suchen regelmäßig die Beratungsstelle auf. So wie Adnan. Mit Händen und Füßen versuchen sie dann, ihre Geschichten zu erzählen.

Die Probleme der Migranten seien sehr verschieden, weiß Heiderose Buck, aber oft gehe es um die Zukunft. Welche Rechte und Pflichten habe ich in Deutschland? Wo muss ich mich melden? Wie kann ich eine Wohnung bekommen? Welchen Status kann ich mit meiner Lebensgeschichte überhaupt erwerben, politisches Asyl oder bleibt es bei der Duldung? Fragen über Fragen gehen den Zuwanderern durch den Kopf.

Deutschland biete zwar Sicherheit für Leib und Leben, aber vieles ist auch anders, komplizierter geregelt. "Viele Asylsuchende finden es beispielsweise erstaunlich, dass wir ein Jobcenter haben. Das kennen die meisten nicht", sagt Petra Gehrmann. "Oder dass hier Mietverträge unterschrieben werden, und niemand von heute auf morgen ohne vorherige Kündigung aus seiner Wohnung ausziehen kann oder muss."

Auch für Adnan war alles neu. "Bei mir zuhause gab es keine feste Arbeit und keine festen Verträge. Wer arbeiten und Geld verdienen wollte, stellte sich mit seinem Werkzeug an die Straße und wartete, dass ein Lkw einen mitnimmt. Wer Glück hatte, bekam für den jeweiligen Tag Arbeit", erzählt er. Das ist in Deutschland anders.

Mittlerweile ist Adnan in einem Restaurant beschäftigt, hilft dort ein paar Stunden in der Küche oder geht einkaufen. Ein Arbeitsvertrag gibt ihm Sicherheit.

Adnan ist glücklich darüber, ein wenig eigenes Geld verdienen zu können. Denn ein Beschäftigungsverhältnis ist für Migranten keine Selbstverständlichkeit. Das weiß auch Petra Gehrmann. "Es ist schwer, in unserer Region Arbeit zu finden", sagt sie, "insbesondere, wenn man am nächsten Tag schon wieder abgeschoben werden könnte. Welcher Arbeitgeber will einen mit dieser Unsicherheit einstellen?"

Manch einer flieht, weil er seine Landsleute erschießen sollte

Adnan galt bis 2009 nur als geduldet, jeden Tag hätte die Ausweisung kommen können. Heute hat er eine so genannte Aufenthaltserlaubnis auf Probe. Und mit dieser war es Adnan, aber auch seiner Frau, die es mit dem ältesten Sohn zwei Jahre nach ihm nach Deutschland schaffte, möglich, eigenes Geld zu verdienen. Sie sind froh darüber, auch wenn dieses Geld längst nicht reiche, um die Familie ohne Unterstützung zu ernähren. Jetzt wird erneut geprüft, ob die Vorraussetzungen für eine Verlängerung vorliegen.

Die DRK-Sozialarbeiter kennen diese Probleme. Und sie kennen die Schreiben vom Amt mit den zahlreichen Paragrafen, deren Aussagen für Migranten so schwer zu verstehen sind. Doch Petra Gehrmann und ihre Kolleginnen werden nicht müde, diese immer und immer wieder zu erklären.

Seit 2007 besteht die Migrationsberatung beim DRK. "Zu uns kommen Menschen aus aller Herren Länder. Sie haben die unterschiedlichsten Biografien", berichtet Petra Gehrmann. "Manch einer war beim Militär und sollte seine Landsleute erschießen. Andere waren als Bürgerrechtler aktiv und sind nun in der Heimat in Gefahr. Oder sie gehören zu einer unterdrückten Minderheit."

Viele würden versuchen, politisches Asyl zu erhalten. Damit hätten sie mehr Rechte als bei einem Asylaufenthalt aus humanitären Gründen. "Doch dann muss auch eine persönliche Bedrohung bestanden haben." Die Unterschiede zu erklären, auch das ist eine Aufgabe der Sozialarbeiter.

Jana Linzenburg unterstützt die Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Für diese besteht, unabhängig vom Status, Schulpflicht. Und für sie hat das DRK ein spezielles Projekt konzipiert. Es soll helfen, den Schulabgängern den Weg in die Ausbildung zu erleichtern.

Die Kinder von Adnan haben eine Schule im Jerichower Land besucht. Die zwei älteren Söhne haben bereits ihren Abschluss geschafft. Das dritte Kind - hier geboren und aufgewachsen - ist auf dem besten Weg dahin. Die Integration, so Adnan, sei also gelungen.

"Das hier ist meine Heimat. Ich liebe diesen Ort", beteuert er vor Petra Gehrmann, ganz so, als wolle er sie überzeugen, ihm den Aufenthalt in Deutschland zuzusichern. Doch diese Entscheidung liegt allein beim Gesetzgeber. "Wir können die Migranten tatsächlich nur beraten", sagt sie.

*Name geändert.