Osterwieck (mhe) l Theo Gille, der Heimatforscher, Ortschronist und Ehrenbürger der Stadt Osterwieck, ist am Sonnabend im Alter von 93 Jahren verstorben. Er hinterlässt der Stadt ein umfangreiches, mit Worten kaum zu beschreibendes Archivmaterial über die Geschichte der Stadt und ihre Fachwerkbauten. Theo Gille verfasste darüber hinaus mehrere gedruckte Schriften über Osterwieck, zuletzt den "Neuen Stadtführer".

Bürgermeister Ulrich Simons nannte den Heimatforscher einmal das "historische Gewissen unserer Stadt". Er habe ein Lebenswerk geschaffen, das "unvergänglich und unschätzbar ist".

Dabei setzte Theo Gille das Lebenswerk seines Vater fort. Fritz Gille war 1930 Mitbegründer des Heimatmuseums am Markt. Zur Heimatforschung kam Theo Gille trotzdem erst in späteren Jahren.

Am 7. April 1918 wurde er in Osterwieck geboren. "Ich bin ein Kind der Neukirchenstraße", pflegte er zu sagen. Er war der jüngste Spross von fünf Geschwistern. Theo Gille lernte Verlagsbuchhändler bei Zickfeldt, einem Freund der Familie, wo schon sein Vater als Buchdrucker gearbeitet hatte. Seit 1954 wohnte er mit seiner Frau Ingeborg in dem Haus in der Neukirchenstraße, wo einst die Wiege von Zickfeldts Druckerei und Verlag stand.

Eine Buchhändlerkarriere verhinderte der Zweite Weltkrieg. 1939 wurde Theo Gille zum Militär eingezogen. Schwer gezeichnet vom Krieg, kam er erst Ende 1948 aus der Gefangenschaft zurück. Er brauchte Monate, um sich zu erholen. Beruflich musste er sich neu orientieren und ging so 1949 ins Gleitlagerwerk, in dem er bis zur Rente 1983 wirkte, zuletzt als Direktor für Absatz.

In die Fußstapfen seines Vaters trat Theo Gille 1958 mit der Gründung einer Arbeitsgemeinschaft der Ortschronisten und Heimatforscher. Ein Jahr später wurde er deren Leiter und blieb es für ein halbes Jahrhundert. Er kniete sich in dieses Ehrenamt hinein, verfasste etwa 50 Ortschronikbände mit, übersetzte das Stadtbuch von 1353 mit - und beantwortete immer und immer wieder Anfragen zur Stadtgeschichte. "Ich denke manchmal, ich bin ein Auskunftsbüro", sagte er. Aber er tat es gern.

Erst zum 90. Geburtstag gab er den Staffelstab an einen Nachfolger weiter. Theo Gille betonte mit Blick auf seine Mitstreiter in der Chronistengruppe stets, dass er kein "Einzelkämpfer" sei. "Ich bin nur Erster unter Gleichen. Nur so geht die Arbeit auch."

Anlässlich seines 75. Geburtstages 1993 wurde Theo Gille zum Ehrenbürger ernannt. Bekannt und geehrt wurde er auch über die Stadtgrenzen hinaus. Im Jahr 2006 erhielt er vom Ministerpräsidenten die Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt, die höchste Auszeichnung des Landes.