Der Brockenstammtisch ist der passende Ort, über manch\' Harzer Tellerrand hinaus zu schauen. Das Trennende zwischen Braunlager und Schierker Wintersportplänen bleibt allerdings nach dem jüngsten Gespräch auf dem Gipfel bestehen.

Braunlage/Wernigerode l Geduld und Konzentration waren am Brockenstammtisch gefragt, als Stefan Grote die Pläne für Niedersachsens höchsten Berg vorstellte. Erst auf der 24.und damit vorletzten Seite seiner Computerpräsentation der Projekte für den Winterberg hat Braunlages SPD-Bürgermeister nach fast 20Minuten das entscheidende Wort ausgesprochen: Schierke.

Spätestens dann war den Teilnehmern des 79.Stammtisches klar, ein Miteinander von West und Ost, ein länderübergreifendes Projekt ist nicht vorgesehen. Etwa gar nicht gewollt? Auch auf drängende Nachfrage muss sich Grote in Floskeln und Ausflüchte retten. Investor auf dem Wurmberg sei nicht seine Verwaltung, sondern die Seilbahngesellschaft, somit könne er gar keinen Einfluss ausüben. Der Eigentümer stamme vom baden-württembergischen Bodensee, Braunlage selbst halte nur 17Prozent der Firmenanteile. Grote: "Der Investor hat erklärt, eine dritte Seilbahn hinauf auf den Wurmberg rechnet sich nicht." Und, so wie es der Braunlager sagte, schwingt kein Bedauern mit.

Grote: Eine dritte Bahn auf den Berg rechnet sich nicht

Rund zehn Millionen Euro sollen bis 2013 investiert sein: Ein Großparkplatz, ein Sessellift, breitere und beleuchtete, teils auch neue Skipisten gehören zum Projekt. Niedersachsens Landesregierung will bis mit bis zu zwei Millionen Euro die Braunlager Tourismuspläne fördern. Damit werden große Hoffnungen verbunden, auf ein Ende des stetigen Abwärtstrends, der in Braunlage bereits dramatische Ausmaße angenommen hat. Einer Übersicht der Wurmberg-Seilbahngesellschaft zu Folge habe die Stadt von 2000 an binnen zehn Jahren mehr als 16Prozent seiner Einwohner sowie fast ein Viertel seiner Arbeitsplätze und Unternehmen im Gastgewerbe verloren.

Auch die Zahl der Urlauber sank dramatisch: Minus 22Prozent im Sommerhalbjahr und minus 16Prozent während der Wintermonate. Gleichwohl bedeuten die insgesamt 590000 meldepflichtigen Übernachtungen im Jahr 2010, dass 18Prozent der sogenannten touristischen Gesamtnachfrage im niedersächsischen Harz auf Braunlage entfallen.

Alles in allem, die Niedersachsen hoffen mit ihrem Alpinprojekt am Wurmberg den stetigen Abschwung stoppen zu können. Konkurrenten, schon gar nicht aus dem benachbarten Schierke, sind offenbar nicht willkommen. Zu groß ist die Sorge, dass der Brockenort, der bis 2018 mit bis zu 36 Millionen Euro Fördergeld rechnen kann, den Rang abläuft. Darum verwies der Bürgermeister sogar auf ein archäologisches Grabungsfeld auf seinem Berg, weswegen laut Stefan Grote kein Platz für die Bergstation einer Schierker Seilbahn wäre.

Reiner Robra (CDU), Chef der Magdeburger Staatskanzlei, bemühte sich am Brockenstammtisch, keinen neuen Ost-West-Streit vom Zaun zu brechen: "Die gemeinsame touristische Entwicklung im Harz wird immer ein Thema beider Landesregierungen sein. Wir bleiben mit den Niedersachsen im Gespräch."

Wernigerodes Rathauschef hatte zuvor in seiner Präsentation der Schierker Investitionen gleich mehrfach das Verbindende betont. Peter Gaffert verwies darauf, nicht Wernigerode, Braunlage oder Goslar seien Konkurrenten, vielmehr stehe der Harz insgesamt im harten Wettbewerb von Regionen wie dem Schwarzwald, dem Sauerland, dem Bayerischen Wald.

Gaffert: Ein Verbindungsweg führt zum Kaffeehorst

Dennoch haben die Wernigeröder ihre Schierke Pläne geändert, auf Braunlager Widerstände reagieren müssen. Sie können ihre Seilbahn (zunächst?) nur bis zum sogenannten Wurmbergsattel errichten. In der Hoffnung, sich irgendwann doch mit der Wurmberg-Seilbahngesellschaft darauf zu verständigen, dass man auch von Schierke aus komplett zum Hausberg der Braunlager gelangen kann. Bis es soweit ist, übt sich Gaffert im Sarkasmus - wohlwissend, dass in den Alpen Seilbahnen nicht nur Täler, sogar Staatengrenzen überwinden können. Auf dem Brocken sagte er, in Schierke werde die wohl weltweit einzige Seilbahn gebaut, die nicht hinauf bis auf einen Gipfel führe.

Unterdessen bemüht sich der Oberbürgermeister, tapfer den Minimal-Kompromiss bei den ambitionierten Wintersportprojekten der West- und Ostharzer in der Öffentlichkeit zu loben. Von Schierke aus soll es nämlich von Anfang an doch möglich sein, per Seilbahn auf Braunlages Wurmberg zu gelangen: Über einen Verbindungsweg, der die Skifahrer zur Talstation des Sessellifts am Kaffeehorst führt.

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