Seit 1994 erforscht Dr. Ulrich Mielke die Zusammenarbeit von Menschen aus dem Gesundheitswesen im Bezirk Magdeburg mit dem Ministerium für Staatssicherheit. Jüngst ist Band 17 erschienen, er komplettiert den Blick auf die Altmark.

Magdeburg/Altmark l Warum er begonnen hat, die Verbindungen von Menschen zur Stasi zu untersuchen, will Dr. Ulrich Mielke gar nicht näher erörtern. Es möge etwas mit Erlebnissen auf der Flucht von Hinterpommern nach Osterburg zu tun haben, auch mit den Erfahrungen des DDR-Systems, die er als Biologe und Krankenhaushygieniker (die Berufsanerkennung bekam er erst nach der Wende durch das Bundesgesundheitsamt) machte. Er war an der Medizinischen Akademie Magdeburg, später am Magdeburger Universitätsklinikum tätig. Doch über sich möchte er gar nicht sprechen.

Viel mehr über das, was er eine medizinhistorische wissenschaftliche Arbeit auf der Grundlage des Stasi-Unterlagengesetzes und der im Grundgesetz verbürgten Freiheit der Forschung nennt. Das mittlerweile 20 Jahre alte Gesetz regelt den Umgang mit Papieren aus dem Ministerium für Staatssicherheit.

"Ich fühle mich nicht als Richter."

1994 begann der heute 73-Jährige mit seinem Kollegen Dr. Klaus Kramer die Verbindungen zwischen Ministerium und Medizin zu ergründen. Dabei kamen kaum vorstellbare Fakten ans Licht. Zunächst richteten sie ihr Augenmerk auf die Medizinische Akademie Magdeburg, wo Mielke 39 Jahre lang tätig war. 1997 erschien Band 1 mit dem Titel "Operativer Vorgang Labor". Darin werden Maßnahmen des MfS gegen Medizinstudenten in den Jahren 1957/58 dokumentiert. Es folgten zehn weitere Bände, die Bände 12 und 13 widmeten sich den Bezirkskrankenhäusern Lostau und Magdeburg-Altstadt. Mit Band 14 begann sich Mielke mit der Altmark zu befassen. Durch den Tod seines Kollegen wurde er zum Einzelkämpfer, allerdings mit Unterstützung durch das Bürgerkomitee Sachsen-Anhalt und sein Dokumentamentationszentrum, die auch Herausgeber sind.

Nach vier Teilen stellte er fest, dass es in der Altmark keine Unterschiede zum restlichen Bezirk Magdeburg gab. Auch in der beschaulichen Region im Norden wurden Kollegen ausgehorcht, Patienten bespitzelt.

Als "ganz üblen Burschen" bezeichnet er "Helmut Lembke", einen Allgemeinmediziner, der in den 70er und 80er Jahren in Oebisfelde tätig war. Im ersten Gespräch hatte er gegenüber der Stasi noch zum Ausdruck gebracht, "dass er als Mediziner in Angelegenheiten seiner Patienten der Schweigepflicht unterliegt." Nach seiner Verpflichtung im Dezember 1978 war davon nichts mehr zu spüren. "...ist als psychisch auffällig einzuschätzen...Alkoholmissbrauch als Ursache kann nicht ausgeschlossen werden", heißt es beispielsweise in einem Bericht aus dem April 1982. Im Juni 1985 schrieb er über einen Patienten: "Der Genosse leidet an Darmbluten, welches ausschließlich auf nervöse Zustände zurückgeführt werden muss." Und im August 1987 notierte er über einen Zöllner: "Es kann eingeschätzt werden, dass er zwar ein niedriges Bildungsniveau hat, aber sich in politischer Hinsicht positiv verhält."

Wer wie "Helmut Lembke" mit dem MfS zusammenarbeitete, tat dies zumeist aus voller Überzeugung. "Wenn ein IM meint, es werde in einem der Bände ein zu Stasi-nahes Bild von ihm gezeichnet, dann irrt er", betont Mielke. Seine Arbeit basiere nur auf den Akten, die einen hohen Wahrheitsgehalt hätten. Denn auf Ehrlichkeit wurde größter Wert gelegt, Unehrlichkeit konnte zur Trennung führen. "Ich fühle mich nicht als Richter, kann aber auch niemanden entlasten", fasst er zusammen.

Doch wie wenig gewollt sein Wirken bei den ehemaligen Helfern der Staatssicherheit war, bekam er recht schnell zu spüren. Doch viele standen und stehen zu ihm und dieser Aufarbeitung, die nach Aussagen von Experten einmalig in Deutschland ist. Dabei geht es bei ihm nur um die Spitzel aus dem Gesundheits- und Sozialwesen. Das meiste aus den anderen Bereichen in den Landkreisen werde wohl nie aufgeklärt. Das könnte gut für das Miteinander auf dem Lande sein, denn sonst "würden sich viele nicht mehr kennen wollen". Wenn er selbst angegriffen wird, bleibt er gelassen: "Die Anfeindungen treffen mich nicht." Ihn trifft allerdings, dass keiner der Ärzte nach der Wende wegen der Verletzung der Schweigepflicht zur Verantwortung gezogen wurde. Viele hätten sich niedergelassen, andere seien an Krankenhäusern geblieben, wiederum andere seien mittlerweile Rentner oder verstorben.

Die Volksstimme sprach mit einem Arzt, der als "Klaus Malchau" geführt wurde. Obwohl er zunächst zu dem Gespräch bereit war, stimmte er einer Veröffentlichung - auch in anonymisierter Form - schließlich nicht zu.

Mielke wies auf einige weitere inoffizielle Kräfte aus den Altmarkkreisen hin, die besonders dem MfS zuarbeiteten. "Obwohl gesagt werden muss", betont Dr. Mielke, "dass jeder IM seine Rolle im Machtgefüge des Geheimdienstes hatte". Der Psychologe "Karl Förster" aus Gardelegen beging unglaublichen Verrat an Patienten. Dem chirurgischen Oberarzt "Prof. Ernst" aus dem Kreiskrankenhaus Gardelegen bescheinigte das MfS: "...im Rahmen seiner objektiven Möglichkeit erklärte er sich bereit aktive Handlungen im Interesse des MfS durchzuführen, was er im Verlauf der inoffiziellen Zusammenarbeit mehrmals unter Beweis gestellt hat, ohne dass sich bei ihm Gewissenskonflikte zeigten." Der Kreisarzt "Herbert Hoffmann" aus Salzwedel, Neurologe und Psychiater, wechselte in die Chefarztposition des Psychiatrischen Krankenhauses in Jerichow, wo er ständig seine ärztliche Schweigepflicht brach.

"Dienstpflicht" Kooperation mit MfS

Der Internist "Dr. Richard Hansen" aus dem Kreiskrankenhaus Seehausen/Osterburg diente auch dem MfS bedingungslos, verletzte den hippokratischen Eid und erhielt einen Verdienstorden der Stasi in Bronze. Der Gynäkologe "Fred Gärtner" hielt als Kreisarzt in Havelberg das Gesundheitswesen über zehn Jahre unter Kontrolle, ehe er als Chefarzt ins Kreiskrankenhaus Haldensleben wechselte. In Stendal wurde der Internist "Gerhard Hartmann" aus der Kreispoliklinik Stendal ausschließlich vom KD-Leiter Neumann geführt und konnte zwei Stasi-Orden sein Eigen nennen. Zur Überwachung des Gesundheitswesens zog die Stasi alle dort tätigen Berufsgruppen heran. Als Beispiel dient die Fürsorgerin "Heike Lehmann" in Stendal, die dort entsprechend spitzelte und auch die Kirche mit überwachte.

In den Altmarkkreisen konnten neun Kreisärzte als IM enttarnt werden. Aber nicht alle Kreisärzte waren inoffiziell verpflichtet. Da es zu ihren "Dienstpflichten" gehörte, mit dem MfS zusammenzuarbeiten, machte diese offizielle Zusammenarbeit kaum einen Unterschied zur inoffiziellen Tätigkeit aus. "Betont werden muss noch", so Mielke, "dass in der Bezirksnervenklinik Uchtspringe niemals ein Mediziner oder Psychologe für das MfS inoffiziell tätig war".

Im Juni 2012 erscheint Band 18, der sich mit den IMs aus dem Kreis Haldensleben befasst.