Die Situation im Güstener Obdachlosenheim ist aus dem Ruder gelaufen. Weil die Betreuer für das Objekt fehlen, können die Obdachlosen nun in dem Haus allein schalten und walten.

Güsten/Schönebeck l "Die Zustände haben sich arg verschlechtert". Mit diesem eher noch diplomatisch formulierten Satz umschreibt Martina Unger, Amtsärztin im Salzlandkreis, die Zustände, die derzeit in der Notunterkunft für Obdachlose in Güsten herrschen. Dieser Umstand kommt überhaupt erst zur Sprache, weil im Gesundheits- und Sozialausschuss des Kreises am Dienstagabend die Mitteilungsvorlage zur "Psychiatrischen Versorgung von Obdachlosen" Thema ist. Dabei kommt die Amtsärztin auf Güsten zu sprechen.

"Hier sind die Maßnahmen ausgelaufen", berichtet sie. Gemeint sind damit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, durch die das Gebäude und die dort untergekommenen Obdachlosen betreut wurden. Eine Verlängerung der Maßnahmen sei aber nicht erfolgt. Das erklärt auf Volksstimme-Nachfrage Gerhard Malkowski, der im Ehrenamt tätige stellvertretende Bürgermeister von Güsten. Bis vor zwei Monaten seien drei Personen - meist Frauen - für diese Aufgabe eingesetzt gewesen. "Sie haben ihren Job sehr gut gemacht", schätzt Malkowski ein. Doch seit Februar läuft in der Notunterkunft für Obdachlose nichts mehr in geregelten Bahnen.

Saale-Wipper nicht zuständig

Das hat inzwischen so weit geführt, dass ein gestorbener Obdachloser in der Güstener Notunterkunft erst Tage später entdeckt wurde. "Der Fall ist der Polizei am 8. Februar bekannt geworden", sagt Steffen Kuse, Leiter der Kriminalisten im Salzland-Revier, im Volksstimme-Gespräch. Wie er weiter ausführt, habe der Notarzt damals festgestellt, dass die betroffene Person schon mehrere Tage tot in dem Objekt gelegen haben muss. Der Tod sei nicht auf einen Unfall oder äußere Umstände zurückzuführen, informiert Steffen Kuse weiter.

In der Stadt Güsten, auch in der Verwaltung der Verbandsgemeinde Saale-Wipper, ist dieser besagte Fall als auch das generelle Problem der Betreuung in der Güstener Notunterkunft bekannt. "Aus meiner Sicht muss in diesem Objekt professionelle Betreuung geleistet werden", sagt Verbandsgemeinde-Bürgermeister Steffen Globig auf Volksstimme-Nachfrage. Doch in der Verantwortung für diese Pflichtaufgabe jeder Gemeinde sieht er sich nicht. Zwar nehme die Verbandsgemeinde die Miete für das Objekt ein, aber die Betreuung der Notunterkunft sieht Globig als "Aufgabe der Stadt".

Auf das seit mindestens zwei Monaten vorherrschende Problem angesprochen, macht Gerhard Malkowski deutlich, dass auch die Lokalpolitikerv das Problem mit der Notunterkunft nicht ignorieren. "Am Dienstagabend hat sich unser Kultur- und Sozialausschuss mit dem Thema befasst", sagt er. Wie der stellvertretende Güstener Bürgermeister mitteilt, will der Ausschuss dem Stadtrat empfehlen, die derzeit drei obdachlosen Menschen aus der Notunterkunft in eigene Wohnungen zu vermitteln. Der Stadtrat tagt aber erst Anfang Mai. Und wie schnell eine mögliche Vermittlung geschehen könnte, steht in den Sternen. "Bis dahin wird die Notunterkunft ohne Betreuung bleiben", sagt er, da eine Maßnahmenbewilligung nicht in Aussicht gestellt ist.

In der Nachbarschaft, in der Stadt Schönebeck ist das in Güsten praktizierte Modell undenkbar. "Wegen des haftungsrechtlichen Hintergrundes haben wir uns bewusst für einen anderen Weg entschieden", sagt Dezernent Joachim Schulke gegenüber der Volksstimme. In Schönebeck sind sechs städtische Mitarbeiter mit der Betreuung/Bewachung der Notunterkunft rund um die Uhr beschäftigt. "Wir haben uns langfristig so aufgestellt, dass wir Leute vor Ort haben, die das Objekt sichern und in Stand halten sowie nach den Obdachlosen schauen", berichtet er. Jedoch macht er deutlich, dass der Gesetzgeber zwar das Vorhalten einer Notunterkunft für Obdachlose als Pflichtaufgabe einer Gemeinde definiert hat. "In welcher Form genau das geschieht, ist aber nicht festgeschrieben", sagt Joachim Schulke.

Der Schönebecker Dezernent hält aber auch nicht damit hinterm Berg, dass diese Notunterkunft einen gewissen Kostenfaktor mit sich bringt. Deshalb versuche man in der Elbestadt, eine kostengünstigere Lösung zu finden. So steht die Reduzierung der Mitarbeiterzahl oder die Übertragung der Aufgabe an einen freien Träger zur Debatte.

In Güsten soll das Thema Notunterkunft für Obdachlose auch nicht abgeschlossen sein. "Wir müssen wohl künftig im Stadtrat die Notunterkunft an sich zur Diskussion stellen", kündigt Gerhard Malkowski einen möglichen Weg an. Doch zuerst einmal soll eine Lösung für die jetzige Situation schnell gefunden werden.