Stonehenge im Salzlandkreis: Um einen archäologischen Fund von Weltrang ähnlich der Himmelsscheibe von Nebra handelt es sich laut Aussage des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie bei der Kreisgrabenanlage in Pömmelte. Sie könnte, wenn sie ausgebaut ist, als "Premiumprojekt" das Landesprogramm "Himmelswege" erweitern. In weniger als fünf Jahren soll es soweit sein, dass hier die Besucher strömen. Einige Hindernisse wie eine geplante Tiermastanlage für die ambitionierten Pläne konnten aus dem Weg geräumt werden.

Pömmelte/Zackmünde. Der Wind bläst kräftig auf dem Acker vor den Toren von Schönebeck. Verloren wirken die vereinzelten Gestalten, die gestern dort mit Bandmaß, Kamera, Karten und anderen Messgeräten unterwegs sind. Dort, wo vor mehr als 3000 Jahren Menschen ohne solche modernen Hilfsmittel eine zentrale Kultstätte errichteten. "Hier ist es", sagt André Spatzier, Archäologe, bisheriger und künftiger Grabungsleiter des "Stonehenge", des mythischen Steinkreises von Pömmelte. Hier mitten auf dem Feld ist das Zentrum der bronzezeitlichen Kreisgrabenanlage, die für die Fachwelt eine Sensation darstellt, der innerste Zirkel, das Heiligtum. Klaus Böttger vom Luftfahrtamt Sachsen-Anhalt rammt einen orangefarbenen Eisenstab in den dunklen Bördeboden. Zu sehen ist von den Geheimnissen der Ahnen an diesem Herbsttag nichts. Das Feld wird landwirtschaftlich bearbeitet.

In mehreren Grabungsabschnitten hat André Spatzier hier in den vergangenen Jahren mit Studenten und einem Grabungsteam Erstaunliches zutage gefördert. Er kennt sich im Untergrund von Pömmelte aus: Von 2300 bis 2000, rund 300 Jahre lang also, wurde hier eine Stätte rituell genutzt. Darauf weisen Trinkbecher und vor allem mehrere sterbliche Überreste von Menschen hin. Die Forscher vermuten sogar, dass es hier möglicherweise rituelle Tötungen, sprich Menschenopfer gegeben haben könnte. "Die Anlage war ringförmig aufgebaut", so der Archäologe, der an der Universität Halle-Wittenberg über das Thema promoviert. Im Prinzip sei das, was hier vor mehr als 3000 Jahren erbaut wurde, mit dem englischen "Stonehenge" vergleichbar. "Nur dass wir hier keine Steine haben." Doch Aufbau und Zweck der Stätte ähnelten sich. Auch was die Bedeutung anbelangt müsse sich Pömmelte nicht verstecken. "Es handelt sich um einen Fund von Weltrang, die einzige Anlage dieser Art auf dem europäischen Festland." Zumal 1300 Meter Luftlinie entfernt ein zweiter Kultplatz entdeckt wurde, der im kommenden Jahr archäologisch ebenso erschlossen werden soll.

"Das ist ein einzigartiger archäologischer Raum", ist Spatzier begeistert. An der wissenschaftlichen Dimension lässt auch das Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege keine Zweifel aufkommen. Die Sprecherin des Landesmuseums für Vorgeschichte Anja Stadelbacher: "Wir waren uns einig, dass nur ein Premiumprojekt unsere Himmelswege erweitern kann, bei der hiesigen Anlage handelt es sich um so ein Projekt." Deshalb will sich die Landesbehörde samt dem Landesarchäologen Harald Meller hier engagieren. Auf dem gesamten europäischen Festland gebe es keinen vergleichbaren Fund.

Drei bis fünf Millionen sollen hier investiert werden, um die archaischen Zeiten nacherlebbar und den Ort zu einem touristischen Anziehungspunkt zu machen. Das Landesamt will dabei die Kreisgrabenanlage analog zum Landesmuseum oder auch dem Fundort der Himmelsscheibe zeitgemäß inszenieren. Gebaut werden soll in diesem Zusammenhang auch ein Aussichtsturm. Dessen Standortmöglichkeiten wurden gestern von verschiedenen Institutionen vor allem erörtert. Schließlich muss ein Kompromiss gefunden werden: Einerseits sollen künftige Besucher einen Überblick über den Aufbau der prähistorischen Anlage bekommen. Andererseits befinden sich die religiösen Stätten der Ahnen heute im 21. Jahrhundert mitten in der Einflugschneise des Flughafens Zackmünde. Was aus den Funden unter der Erdoberfläche erwachsen soll, muss mit dem, was sich in der Luft bewegt, ins Einvernehmen gesetzt werden.

Dennoch zieht man jetzt an einem Strang: "Wir freuen uns, wenn hier ein touristisches Projekt entsteht", versichert der Vorsitzende des Fliegerclubs Schönebeck, Henning Schulte. Das sähen auch seine Vereinsmitglieder so. Dennoch müsse man einige Dinge händeln: die Entfernung des Aussichtsturmes zum "Funkfeuer", dem Sender für die Funknavigation. Die Zuwegung, Parkplätze und Fußgängerströme müssten in Einklang mit rund 2000 Starts und Landungen gebracht werden. Möglichkeiten sieht der Fliegerchef darin, den Flugplatz selbst um 200 Meter zu verlängern oder zu verlegen. "Doch das ist nicht unsere Entscheidung." Involviert ist neben Luftfahrtamt, Deutscher Flugsicherung (DFS), sowie dem Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege vor allem der Salzlandkreis, der Träger des Gesamtprojekts werden soll. Allerdings muss der Kreistag erst noch zustimmen.

Gestern versucht Thilo Wechselberger vom hiesigen Wirtschaftsförderungsamt die verschiedenen Notwendigkeiten unter einen Hut zu bekommen. Aus Sicht des Luftfahrtamtes sollte beispielsweise der künftige Aussichtsturm möglichst in Signalfarben gestrichen werden. Die Archäologen und Denkmalpfleger haben da eine andere Vorstellung der Einbettung in den Gesamtzusammenhang eines mehr als dreitausend Jahre alten religiösen Ortes. Doch Genaues will Anja Stadelbacher vom Landesmuseum in Halle jetzt noch nicht preisgeben. "Wir versuchen sehr offen an solche Dinge heranzugehen, damit die kreativen Köpfe größtmögliche Freiheit haben, passende Lösungen zu finden."

Und wann könnte man vor den Toren Schönebecks auf einem solchen Turm stehen, welches Material, welche Farbe auch immer er dann haben mag? "Sicherlich früher als in fünf Jahren", sagt Stadelbacher. Sicher ist auch, dass im nächsten Jahr die archäologischen Grabungen am zweiten Steinkreis beginnen werden.

Der zweite Steinkreis ist etwas jünger

Dieser ist jünger als der zuerst gefundene (2100 bis 1700 vor Christus) und schließt zeitlich offenbar nahtlos an, wie Andre Spatzier gestern berichtete. Mit einem Team von fünf Mitarbeitern soll im Frühjahr begonnen werden. Später sollen 15 bis 20 Mitarbeiter beschäftigt werden, vor allem Ein-Euro-Jobber, sagt Dr. Gunnar Schellenberger (CDU). Die Kommunale Beschäftigungsagentur (KoBa) sei bereits mit im Boot. Ob man die Grabungen in einem Rutsch sprich nächstes Jahr komplett machen will oder in zwei Etappen, sei noch nicht klar. Schellenberger, Vorsitzender des Kultur- und Bildungsausschusses und Kreistagsmitglied, hat das Projekt Pömmelter Steinkreis unter seine Fittiche genommen. Ein erstes Hindernis, das den kühnen Träumen vom touristischen Großprojekt bereits auf dem Papier den Garaus zu machen drohte, ist ausgeräumt: eine geplante Tiermastanlage in unmittelbarer Umgebung. "Die wird es nicht geben", versichert Schellenberger gestern. Das habe man "intern" geklärt.