Staßfurt / Güsten. In Staßfurt und Güsten wurde gestern aus Anlass des 72. Jahrestages der Reichspogromnacht der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

In Staßfurt hatten der Stadtverband der Christdemokraten und der Regionalverband der Kleingärtner wie in den Jahren zuvor zu einer Veranstaltung auf dem jüdischen Friedhof in der Hecklinger Straße aufgerufen. Daran nahmen rund 50 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und damit mehr als im vergangenen Jahr teil. Dazu gehörte auch Oberbürgermeister René Zok ( parteilos ).

" Die Opfer von damals mahnen uns, nicht nachzulassen in unseren Bemühungen, so etwas wie damals nie mehr geschehen zu lassen ", sagte der Landtagsabgeordnete Peter Rotter ( CDU ).

" Ein Vergessen kann und darf es nicht geben ", meinte auch der Hecklinger und Leopoldshaller Pfarrer Christfried Kulosa. Es sei allen Generationen in Deutschland aufgetragen worden, sich mit der schmerzlichen Geschichte zu beschäftigen.

Der Landtagsabgeordnete Johann Hauser ( FDP ) kritisierte, dass die Polizei trotz des Einsatzes von Spürhunden noch immer keinen der Täter ermittelt hat, die diesen Friedhof in der Nacht zum 26. Mai mit Nazisymbolen verunstaltet hatten : " Es kann beim besten Willen nicht sein, dass dieser Friedhof über Jahre hinweg geschändet wird und die Täter werden einfach nicht gefasst. " Das sei eine Einladung für Rechtsextreme, sich dort zu betätigen und kein Zeichen für eine wehrhafte Demokratie. Auch Kirchen würden in Staßfurt zunehmend von Vandalen angegriffen. Hauser wünscht sich, dass das Bürgertum gemeinsam gegen solche Täter vorgeht und deutlich gegen rechtsextremistische Aktivitäten Flagge zeigt.

" Es ist fürchterlich, was hier geschehen ist. Diese Täter müssen gefasst werden, denn das war kein Dummer-Jungen-Streich, sondern ein Verbrechen ", sagte der Präsident des Regionalverbandes der Kleingärtner Gerhard Kahle. Zerstörungswut und Hass ließen entwurzelte Jugendliche zu diesen Taten schreiten. Auch er fragt sich, wie lange die Staatsmacht sich das noch bieten lässt.

Bei der Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof in Güsten erinnerte die stellvertretende Landesvorsitzende und Landtagsabgeordnete der Linken Birke Bull speziell an das Schicksal der Anne Frank. " Nicht nur Funktionäre der NSDAP, nein, ein Volk der Dichter und Denker hat sich damals zum Volk von Mördern diskreditiert ", so die Rednerin. Das könne man sich heute schwer vorstellen, aber Antisemitismus beginne nicht mit einer Pogromnacht, sondern damit, wenn es legitim werde, rassistische Gedanken zu äußern. " Lassen Sie uns das kritisch betrachten und dem Alltagsrassismus begegnen ", forderte Birke Bull.

Während dieser Gedenkveranstaltung in Güsten hatte sich ein Streifenwagen der Polizei neben dem jüdischen Friedhof postiert.