Güstens Bürgermeister Helmut Zander entdeckt zufällig eine Urkunde von 1717, die zeigt, wie damals Steuern gezahlt wurden.

Güsten l Bei der Sanierung des Güstener Rathauses hat Bürgermeister Helmut Zander im Turm eine interessante Entdeckung gemacht. Der Stadtchef fand im dortigen Archiv eine Urkunde von 1717, wonach dem Bürgermeister für sein Amt ein Zehnt der Fleisch- und Kornproduktion zustand, außerdem eine Wiese, deren Lage heute unbekannt ist.

Die Urkunde aus der Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., er regierte Preußen von 1713 bis 1740, belegt nach Aussage des Güstener Heimatforschers Wolfgang Tschirner, wie im Mittelalter Steuern beglichen wurden. Demnach war damals eine Abgabe üblich, die bis zu 30 Prozent der geernteten Menge betrug.

Tatsächlich zählt der Zehnt zu den ältesten Steuern und war seit dem Altertum in vielen Kulturen üblich. Bereits im Alten Testament tauchte die Abgabe auf. Noch bis zum 19. Jahrhundert wurde diese Steuer so in Deutschland abgeführt.

Der Bürgermeister, im 18. Jahrhundert der einzige Angestellte der Stadt, trieb die Steuern ein und behielt einen Teil davon als Entschädigung. Um 1717 gab es nach Aussage von Tschirner in dem landwirtschaftlich geprägten Güsten insgesamt sieben sogenannte Rittergüter, die den Zehnt abführen mussten, weil sie selbst gewinnbringend wirtschafteten. Wie viel dem Bürgermeister in der damals 1100 Einwohner großen Stadt zustand, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Sicher ist aber, dass die beiden Landwirtschaftsbetriebe in der Stadt heute dank des technischen Fortschritts ein Vielfaches dessen produzieren, was vor über 300 Jahren mit Hilfe von einfachen Geräten und Haustieren möglich war.

Im 21. Jahrhundert ist der Güstener Bürgermeister nicht mehr angestellt bei der Stadt. Er bekleidet ein Ehrenamt, für das er allerdings nach dem Landesgesetz eine Aufwandsentschädigung von mindestens 950 Euro erhält. Diese setzt sich heute, wenn überhaupt, nur noch indirekt aus den Steuern der ortsansässigen Firmen zusammen.

In der Urkunde erwähnt wird unterdessen das "absterben Bürgermeister Paul Klemmens als bisherigen Lehnträgers des Raths zu Güsten". Dessen Nachfolger Wilhelm Gottfried Schrötern "krafft dieses Brieffes zum Nutzen und besten erwehnten Raths, den Korn und Fleisch Zehndten zu Güsten, und eine Wiese auf der FeldMarck daselbst so Käkede genant wird", bekam. Womöglich ist das auch der Grund, weshalb der Brief mit "Unserm Halberstädtschen Cantzley Siegel becräfftigen, und durch Unsern Würklichen Geheimen Etatsrath und Praesidenten des Fürstenthumbs Halberstadt, wie auch Unseren Hoffrath LehnSecretario" angefertigt wurde.

Zander selbst konnte die Urkunde übrigens zunächst nicht deuten, hatte aber Glück, dass Denkmalpflegerin Birthe Rüdiger einen Mann zur Seite hatte, der solche Schriften in seiner Freizeit übersetzt: Bernd Höfestädt. Der Mathematiker und Genealoge (Familienforscher) konnte die Bedeutung der Urkunde mit seiner Übersetzung aus der altdeutschen Sütterlin-Schrift zumindest ein wenig unterstreichen.