Seit Tagen hört man in den Medien nichts anderes mehr. Die Venus brachte uns gestern eine seltene Mini-Sonnenfinsternis. Für die Leser der Volksstimme schaute sich Redakteurin Nadja Bergling das Spektakel ganz genau an.

Egeln l Es ist gerade 4.30 Uhr, als ich mich in mein Auto schwinge. Noch etwas verschlafen werfe ich einen Blick auf die Temperaturanzeige. Acht Grad, das könnte ganz schön kalt werden. Um diese Uhrzeit sind noch nicht viele Autos auf der Straße. Ich bin fast alleine. Am Horizont sehe ich ihren rosa-roten Schein schon. Die Sonne ist es, die ich genau beobachten will. Im Radio höre ich, dass auch der Moderator von seinem Studio aus, den Feuerball im Himmel im Auge behalten will. Es freut mich, dass es noch mehr "Verrückte" gibt, die an einem Mittwochmorgen ganz gespannt auf den Sonnenaufgang warten. Und dann fallen im Radio genau die Schlagworte, die mir schon seit Tagen im Kopf herum geistern. "Mini-Sonnenfinsternis" und "Venus-Spektakel". Ja, genau. Aus diesem Grund bin ich so früh aufgestanden. Ich hoffe insgeheim, dass es sich lohnen wird. Denn erst im Jahr 2117, also in 105 Jahren, wird es diese Seltenheit wieder am Himmel zu beobachten geben. Das kann ich mir also nicht entgehen lassen.

Von den Windrädern aus haben wir einen guten Blick

Ich habe mich mit dem Hobby-Astronomen Konrad Sittig und mit der Astronomie-Lehrerin am Egelner Gymnasium, Christiane Kunert, verabredet. Auch die Beiden sind für das Schauspiel extra sehr früh aufgestanden. Wir treffen uns an den Windrädern in Egeln-Nord. Den Standort hatte Konrad Sittig zuvor genau unter die Lupe genommen. "Von hier aus haben wir einen guten Blick", versprach er mir im Vorfeld. Und er hat Recht behalten.

Mittlerweile ist es kurz vor 5 Uhr. Der Schein der Sonne wird immer heller. Es ist kalt. Zwischen dem Rauschen der vorbeiziehenden Rotorblätter hört man die ersten Vögel zwitschern. Auch sie wollen sicher beim "Venus-Spektakel" dabei sein. Christiane Kunert baut das große Teleskop auf. Die Linse richtet sie genau auf die Sonne. Jetzt heißt es warten. Immer wieder blicken wir "Sonnen-Beobachter" durch Schutzbrillen in Richtung Horizont. Mit dem bloßen Auge wird es langsam schmerzhaft. Die ersten Sonnenstrahlen schieben sich an den Windrädern vorbei. Sie sind grell. Jetzt wird es Zeit. Christiane Kunert hat die Sonne eingefangen. Durch das Teleskop werden die Strahlen gebündelt. Auf einem weißen Blatt Papier wird die Sonne dadurch in ihrer ganzen Schönheit dargestellt. Die Astronomie-Lehrerin dreht an vielen Schrauben. Und dann sehen wir es. Ein kleiner schwarzer Punkt. Ist sie das? Ja, das ist die Venus. Irgendwie können wir es nicht so recht glauben. Schauen immer wieder auf den Punkt. Ja, das ist das Venus-Spektakel. Wir können es ganz deutlich sehen. Doch was passiert da gerade am Himmel über uns. Konrad Sittig und Christiane Kunert erklären es mir. Zum letzten Mal in diesem Jahrhundert schiebt sich die Venus zwischen die Erde und die Sonne. Astronomen nennen das Vorbeiziehen eines Planeten vor einem Stern Transit. Erst sechsmal seit der Erfindung des Teleskops haben Wissenschaftler das kosmische Schauspiel beobachten können.

"Die Venus überrundet die Erde regelmäßig", erklärt mir Christiane Kunert. Und Konrad Sittig ergänzt: "Die Umlaufbahnen beider Planeten sind jedoch leicht gegeneinander gekippt. Deshalb zieht die Venus fast immer nördlich oder südlich an der Sonnenscheibe vorbei." Gut, das habe ich verstanden. Die Venus schiebt sich also nur dann vor die Sonne, wenn ihr "Überholmanöver" am Kreuzungspunkt beider Bahnebenen - also von der Erde und der Sonne - stattfindet. Klingt logisch.

Keiner von uns wird das Spektakel noch einmal sehen

Doch genug der Theorie. Immerhin sind wir zum Beobachten so früh aufgestanden. Viel Zeit bleibt uns nicht. Denn bei Sonnenaufgang ist der größte Teil der "Mini-Sonnenfinsternis" bereits vorbei. Bis kurz vor 7 Uhr haben wir Zeit, das Schauspiel zu beobachten. Noch einmal gelingt es uns. Doch dann schieben sich Wolken vor die Sonne. Es ist kurz vor sechs Uhr. So langsam wird es ungemütlich. Die Kälte schleicht sich in unsere Knochen. Und auch die Sonne lässt uns im Stich. Wir brechen ab. Die Wolkendecke ist zu dicht. Nun können wir nichts mehr sehen.

Zufrieden, mit dem, was wir beobachtet haben, treten wir die Heimreise an. Wir können aber sagen, dass wir dabei waren, beim Jahrhunderterereignis dem "Venus-Spektakel". Keiner von uns wird es noch einmal sehen.

   

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