Den Osten Europas mit dem Rad erkunden – das hat sich Ute Ritter vorgenommen. Gemeinsam mit einem Freund aus Schulzeiten hat die ehemalige Stendalerin den Drahtesel gesattelt und sich auf den Weg gemacht. Ihre Abenteuer auf zwei Rädern schildert sie hier.

Stendal. Die meisten Reisen entspringen purem Zufall, einer plötzlichen Begeisterung, die sich zu einem konkreten Ziel auswächst. So war die oft wiederholte Einladung eines alten Schulfreundes, den es vor Jahren nach Finnland verschlagen hat, ein willkommener Anlass, endlich mal wieder das Zuhause und den Komfort hinter sich zu lassen und gegen ein Leben als Vagabund einzutauschen. 3000 Kilometer auf dem Fahrradsattel, durch sieben Länder. Immer schön am Meer entlang durch Polen, Russland und dorthin, wo die Ostsee sich ins Endlose erstreckt, Litauen, Lettland, Estland, Finnland.

Am Vorderrad hängt die "Küche" mit Kocher, Pfanne, Wassersack und Lebensmitteln. Das "Schlafzimmer" mit Zelt, Isomatte, Schlafsack und Klamotten auf dem Gepäckträger. Im Wind baumeln der Wimpel mit den deutschen Farben und die Fahne des jeweiligen Landes, an der Grenze wird gewechselt.

In Polens bekannten Badeorten herrscht ein fröhliches Gewusel. Campingplätze sind an der Küste dicht gesät, mit Fahrrad und kleinem Zelt sind wir aber verrückte Exoten. In den Nationalparks ist es einsam. Bizarre Baumwelt, blitzende Wasserflächen, imposante Dünen – eine bezaubernde Landschaft.

Fluchend quälen wir uns auf holprigen Wegen vorwärts. Die Sonne brennt. Die Reifen fahren sich im feinen Sand fest. Schwärme von Insekten stürzen sich auf uns, wenn wir schnaufend die schwer bepackten Räder über die knorrigen Wurzeln heben.

"Frau Oberzicke" am Schlagbaum

Später an der Grenze zu Russland. In der Hütte am Schlagbaum sitzt "Frau Oberzicke". Gelbe Zettel ausfüllen. Die nächsten. Warten. Warten. Warten ... Nur nicht aufregen! An der nächsten Bretterbude kritisches Beäugen des Reisegepäcks, Fragen: Woher? Wohin? Warum? Wie lange? Endlich der ersehnte Stempel in den Reisepass. Fast zwei Stunden dauert die Prozedur. Wir kehren in einem Café ein, statt Kaffee gibt es Wodka. Die ausgeblichenen Wachstuchdecken und zerschlissenen Stuhlkissen werden durch die Freundlichkeit der Wirtin wieder wettgemacht.

Noch 50 Kilometer bis Kaliningrad. Der Verkehr nimmt gefährliche Ausmaße an. Am Fahrbahnrand sitzt eine Kwas- verkäuferin vor einer großen Tonne und füllt das lauwarme Getränk in Plastikbecher. Schade, kühl wäre es sehr erfrischend gewesen.

In Kaliningrad haben wir viele nette Begegnungen. Wenn da nur nicht die vielen Schlaglöcher wären, so groß wie Krater. Ausweichen kaum möglich. Wir übernachten in einem total überteuerten Touristenhotel am Stadtrand. Am nächsten Morgen: Irgendwie geraten wir auf die Autobahn, die ist neu, glatt wie ein Spiegel und... es gibt ja auch noch die Standspur.

Packen wir es an! Neugierige Nasen an einem deutschen Autobus und zwei hupende Autos sind die einzige Reaktion.

Übrigens haben wir auf der glatten, lochfreien Straße eine Superdurchschnittsgeschwindigkeit erreicht. Mittags erreichen wir den russischen Teil der Kurischen Nehrung – eine traumhafte Weite, 50 Kilometer Strand, ohne jegliche Anzeichen von modernem Tourismus. Auf dem Zeltplatz im litauischen Nida treffen wir zwei Radler, die in Russland übrigens auch über die Autobahn gefahren sind. Nida – es duftet nach geräuchertem Fisch, nach Meer, nach Strand. Man versteht, warum Thomas Mann gerade hier ein Sommerhaus hat bauen lassen. Rechts das riesige Binnenmeer, nur ein paar hundert Meter daneben die offene Ostsee. Diese schmale Landzunge aus Wald und Dünen, Einsamkeit und Natur möchte man festhalten.

Ein gut ausgebauter Radweg lässt uns schnell vorankommen. Das Meer strahlt in fettem Blau, als sich der Himmel plötzlich verdunkelt. Von einem frischen wirbeligen Wind werden die ersten Regentropfen herbeigetragen. Und dann gießt es wie aus Kannen. Die triefenden Regensachen kleben am Körper. Unterstellen ist nicht. Radlerschicksal! Der erste Donner kommt mit einem furchtbaren Krachen. Dann folgt ein zweiter und sofort darauf der Blitz. Panische Angst kriecht über den Rücken. Eine Stunde, dann ist der Spuk vorbei. Frierend und nass erreichen wir die Fähre nach Klaipeda. Schnell umziehen, einen heißen Cappuccino und die Welt ist wieder in Ordnung. Wir rollen weiter nach Lettland. Irgendwann verschmelzen die Eindrücke zu einem bunten Film. Halbinseln und Buchten gliedern die Küste, lange malerische Strände, einsame Inseln, unberührt wirkende Wälder und Moore, urige verträumte Biwakplätze, Lagerfeuer am Meer.

Aufbruchstimmung und Begegnungen

Manchmal liegen einige Holzscheite schon bereit oder abends kommt ein Bauer, bringt Wasser und Heizmaterial für einen winzigen Obolus. Langsam nervt unser Kocher, der wieder mal streikt. Wir schrauben und putzen. Nichts. Es ist kühl, heiße Suppe und Tee wären jetzt gut. Scheinbar werden wir beobachtet. Unsere Nachbarn haben unsere verzweifelten Bemühungen bemerkt und helfen uns mit ihrem Gaskocher aus. Wir sollen ihn einfach morgen früh vor ihr Zelt stellen.

Durch ausgedehnte Kiefernwälder geht es zur estnischen Grenze. Die Campingplätze sind romantisch und haben eine gemütliche Sauna. Unsere Route folgt jetzt dem ausgeschilderten Radweg Nummer 1. Wir fahren über staubige Schotterpisten und fluchen, weil wir nicht die zwar verkehrsreiche, aber glatte Bäderstraße gefahren sind. Für unverschämt wenig Geld setzen wir mit der Fähre über zur Insel Saaremaa. Lange Zeit war das Eiland militärisches Sperrgebiet. Wir finden einen winzigen Campingplatz, die Sauna ist schon geheizt. An den Biwakplätzen hat niemand vergessen, seinen Müll mitzunehmen. Und: Mitten im Wald ein Meteoritenkratersee, mehrere tausend Jahre alt. Immer weiter geht es in Richtung Osten. Schotterpisten schütteln uns durch. Das Gepäck wackelt bedenklich.

Tallinn – für Radfahrer ist der Verkehr nervenaufreibend, aber von hier wollen wir mit der Fähre weiter nach Helsinki. In Vasa wartet Lothar, der finnische Freund, schon ungeduldig auf uns. Übernachtung finden wir in einem kleinen Hostel in der Innenstadt. Vorsichtshalber schließen wir die Fahrräder im Zimmer ein und streifen nun durch die wunderschöne Altstadt mit ihren mittelalterlichen Gassen, Kneipen und Cafés.

Mit gemischten Gefühlen waren wir aufgebrochen, weil wir zuviel Misstrauen hatten. Ein Gefühl gespeist aus Vorurteilen, die sich jedoch nicht bestätigten. Es sind besonders die vielfältigen menschlichen Begegnungen, die Aufbruchstimmung, die den Reiz unserer Reise ausmachen.

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