Wenn heute um 10 Uhr vor dem Landratsamt und dem Rathaus Flaggen gehisst werden, soll das ein Zeichen setzen. Jedes Jahr am 25. November wird international der Gedenktag "Gegen Gewalt an Frauen" begangen. Ein Netzwerk an Hilfsstellen ist seit Jahren auch in Stendal aktiv.

Stendal. Eine Ohrfeige, ein lauter Streit – was soll man da schon machen ... Solche Laxheit dürfen sich die Kollegen von Birgit von der Heide im Einsatz nicht erlauben. Schließlich kann hinter jeder scheinbar banalen Konfliktsituation eine ernsthafte Gefahr stecken. "War es wirklich nur ein Streit, oder war Gewalt im Spiel? Dafür müssen die Kollegen sensibilisiert sein. Jeder Einsatz muss ernst genommen werden, selbst wenn man fünfmal im Jahr bei der gleichen Familie klingelt."

Seit fünf Jahren ist von der Heide als Opferschutzbeauftragte im Polizeirevier Stendal unterwegs. Informieren, beraten, weitervermitteln, aufklären – das ist der Job der Kriminal- oberkommissarin. Der Kontakt zu Einrichtungen wie dem Frauenhaus oder der Interventionsstelle (siehe Infokasten) ist dabei unersetzlich. Denn der Handlungsspielraum der Polizei hat Grenzen, individuelle Beratung kann sie nicht leisten.

Im Durchschnitt jeden Tag einmal rücken die Polizeibeamten aus, um – manchmal auch vermeintlichen – Fällen von häuslicher Gewalt nachzugehen. Die akute, offensichtliche Gewalt sei dabei aber eher weniger vertreten. Meist handele es sich um sogenannte einfache Körperverletzung wie eine Ohrfeige, um Beleidigung oder Nötigung oder um Nachstellung, auch Stalking genannt und seit 2007 als Straftatbestand im Gesetzbuch.

Was Birgit von der Heide als Opferschutzbeauftragte oftmals in Konflikt mit sich und ihrer Aufgabe bringt, ist eine dienstliche Pflicht: "Wenn ich einen konkreten Fall von Körperverletzung habe, muss die Polizei das zur Anzeige bringen, selbst wenn die betroffene Frau das aus welchen Gründen auch immer nicht möchte. Aber sonst machen wir uns der Strafvereitelung schuldig." Eine Annäherung ans Opfer, das Schaffen von Vertrauen macht dieser Umstand nicht gerade einfach.

Einfach ist es für die Betroffenen ohnehin nicht, sich jemandem anzuvertrauen. Und das Schwierigste, so Birgit von der Heide, kommt erst nach der Anzeige. "Es gibt Hilfe, aber die Opfer müssen sie anfordern, damit geholfen werden kann. Es ist ein langer, schwieriger Weg, sich aus einer womöglich schon seit Jahren andauernden Gewalt- situation zu lösen."

Und dabei ist körperliche Gewalt nur die offensichtlichste Form. Aber auch psychische Gewalt, Stalking oder Unter-Druck-Setzen dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Finanzielles Kleinhalten oder Drohungen wie "Wenn du mich verlässt, siehst du die Kinder nicht wieder" können den Frauen schlimm zusetzen. Wenn Kinder im Spiel sind, gilt es, besonders aufmerksam zu sein. Im vorigen Jahr hat es dazu eine spezielle Fachtagung gegeben: "Hilfe für Kinder nach Gewalterfahrung". Auch solche Art Weiterbildung und Öffentlichkeitsarbeit behält Birgit von der Heide im Blick.

Dass zu den Opfern auch Täter gehören, ist den Mitgliedern der Projektgruppe durchaus bewusst. Aber um sie müssen sich andere Fachleute kümmern. Der Schutzraum und die Vermittlung, die die Gewaltopfer-Hilfsstellen bieten, ist schon kein einfaches Feld. Schließlich muss jede Frau selbst entscheiden, wie viel Hilfe sie zulässt – und ob sie wieder zurück zu ihrem Peiniger geht.