Erika Rosenberg, 1951 als Tochter deutscher Juden in Buenos Aires geboren, hat einen großen Teil ihres Lebens der Aufgabe gewidmet, die Rolle von Emilie Schindler bei der Rettung von mehr als 1300 Juden (Schindlers Liste) ins rechte Licht zu rücken. Gestern berichtete sie Berufsschülern in Stendal über ihre langjährige Freundschaft mit der Witwe Oskar Schindlers.

Stendal. Schindlers Liste ist nicht Oskar Schindlers Liste, sondern die Liste von Emilie und Oskar Schindler. Dieses Resultat ihrer jahrelangen Recherchen möchte die resolute kleine Frau aus Buenos Aires in ihrem guten, nur leicht gebrochenen Deutsch der Welt vermitteln. "Beide haben bei der Rettung der mehr als 1300 Juden zusammengewirkt", vermittelte sie gestern Berufsschülern in Stendal ihre feste Überzeugung. "Emilie stand nicht in Oskars Schatten, sondern immer an seiner Seite."

Prof. Erika Rosenberg, die als Dozentin an der Katholischen Universität in der argentinischen Hauptstadt künftige Diplomaten in deutscher Sprache und Geschichte ausbildet, reist zurzeit im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung durch Deutschland und diskutiert mit Schülern über die legendäre Tat der Schindlers und das Spannungsverhältnis zwischen Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" und der Realität. Zusammen mit der Schulsozialarbeit organisiert, kam sie gestern in zwei Veranstaltungen im Berufsschulzentrum des Landkreises mit zahlreichen Schülern ins Gespräch. Diese hatten sich zuvor den Hollywood-Streifen von 1994 angesehen.

"Im Film sind alle Retter Männer. Emilie taucht nur in einer kleinen Nebenrolle auf", formuliert sie ihre grundlegende Kritik an Spielberg. Aus 70 Stunden Gesprächen mit Emilie Schindler, fixiert auf 400 Kassetten, wisse sie es besser. Wobei sie immer wieder deutlich macht, dass sie Oskar Schindlers Verdienst keinesfalls schmälern will. Sie wolle Emilie, die eine ihrer besten Freundinnen gewesen sei, aus der Anonymität herausholen.

Mit ihren Veröffentlichungen, darunter Biografien der beiden Schindlers, und großem persönlichen Einsatz hat sie vieles erreicht, um Emilie Schindler (1907-2001) noch zu Lebzeiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. So erhielt sie 1994 auf Antrag von Erika Rosenberg das Bundesverdienstkreuz am Bande, nachdem Oskar Schindler (1908-1974) bereits 1965 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen bekam. Im Haus der Geschichte in Bonn habe Emilie inzwischen zumindest "eine Ehrenecke" bekommen, wie Rosenberg sagt.

Die deutsch-jüdische Argentinierin, deren Eltern 1936 aus Deutschland emigrierten, lernte Emilie Schindler 1990 bei Recherchen zur eigenen Familiengeschichte in Buenos Aires kennen. Dorthin waren die Schindlers 1949 ausgewandert; Oskar kehrte 1957 allein nach Deutschland zurück. Von ihr habe sie die nach ihrer Überzeugung wahre Geschichte der Rettungsaktion der in Schindlers Fabrik im polnischen Krakau tätigen jüdischen Zwangsarbeiter erfahren. Viele der Geretteten, soweit sie noch lebten, habe sie daraufhin aufgespürt. "Sie war unsere Mutter, sie hat uns das Leben gerettet", zitierte sie einen von ihnen.

Erika Rosenbergs Fazit: "Hinter einem starken Mann steht immer eine noch stärkere Frau."

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