Die Musik- und Kunstschule Stendal "Adam Ileborgh Haus" ist eine von zehn Einrichtungen, die am Freitag den Titel "Staatlich anerkannte Musikschule im Land Sachsen-Anhalt" bekommen haben. Was es mit dieser Zertifizierung auf sich hat, erklärt Schulleiterin Maike Schymalla (29) im Interview mit Nora Knappe. Und sie spricht über den Vorteil musikalischen Unterrichts für jene, die nicht so begabt sind.

Volksstimme: "Staatlich anerkannte Musikschule" – was bedeutet dieser Titel für das Adam-Ileborgh-Haus?

Maike Schymalla: Den Titel haben wir bekommen, weil wir eine vom Landesverband der Musikschulen angeregte Zertifizierung mitgemacht haben. Daran hängt letztlich die Landesförderung, die hierzulande sehr hoch ist und rund 20 Prozent unsseres Etats ausmacht. Aber mit diesem Titel signalisieren wir deutlich unseren Bildungsauftrag. Und es ist eine Auszeichnung, die Schülern zeigt, dass sie hier guten Unterricht von studiertem Fachpersonal bekommen.

Volksstimme: Was hat die Zertifizierung noch gebracht?

Schymalla: Wir haben zunächst einmal unsere gesamte Struktur beleuchtet, uns gefragt und selbst bewertet: Wo sind wir gut, was können wir besser machen? Wir haben Mitarbeiter, Eltern und Schüler befragt und dabei sehr viel positive Rückmeldung bekommen.

Volksstimme: Und was ist verbesserungswürdig?

Schymalla: Die Zertifizierung zielt ja nicht darauf ab, um jeden Preis Veränderungen herbeizuführen, sondern zu sehen, auf welchem Stand man ist. Es sind eher die kleinen Punkte, an denen wir arbeiten.Ein Beispiel: Wir werden im Wesentlichen an unserem leistungsorientierten Unterricht gemessen, den wir generell ausweiten wollen. Da gab es von Seiten der Eltern Kritik an der Realisierbarkeit der mehrfachen Termine pro Woche. Da haben wir zum Beispiel reagiert, indem wir Fernkurse anbieten, was wiederum bedeutet, dass die Schüler mehr Hausaufgaben machen müssen, um den geforderten Stand zu erreichen. Dass wir den Titel bekommen haben, sehen wir als eine Motivation zum "Weiter so". Wir haben uns in den Anforderungen ganz gut wiedergefunden, werden uns aber immer wieder messen lassen müssen, denn die Zertifizierung gilt nur für vier Jahre.

Volksstimme: Was genau zeichnet das Adam-Ileborgh-Haus denn aus?

Schymalla: Wir bieten einen Unterricht von hoher Qualität, die Lehrer sind studierte Leute. Was uns von den privaten Musikschulen unterscheidet: In den Instrumental- und Vokalfächern haben wir über 90 Prozent unserer Schüler im Einzelunterricht. So kann am besten auf den Schüler eingegangen werden, da es ja nur um ihn und den Lehrer geht. Die Fortschritte der Schüler im Einzelunterricht sind um ein Vielfaches höher als die Fortschritte, die im Gruppenunterricht erzielt werden, da sich der Gruppenunterricht immer am langsamsten Schüler orientieren muss. Was uns noch auszeichnet, ist, dass es für unsere Schüler, egal auf welchem Level, regelmäßig Vorspielmöglichkeiten gibt. Diese Auftrittserlebnisse sind ganz wichtig, um einen Anreiz fürs Weiterüben zu kriegen. Außerdem haben wir Orchesterprojekte, auf Landesebene auch speziell für Begabte.

"Gegenseitigkeit bringt Schwung"

Volksstimme: Was bei der Zertifizierung keine Rolle spielte, aber nicht zu unterschätzen ist: Die Musikschule macht auch Kunst. Wie symbiotisch ist diese Verbindung?

Schymalla: Der Kunstzweig ist zwar kleiner, aber es gibt durchaus eine Symbiose. Wir haben zum Beispiel viele Schüler, die beides machen. Und bei den Ausstellungen im Haus spielen Musikschüler zur Vernissage. Beim Sommerfest wiederum gestalten die Kunstschüler die Kulissen. Bei der Kulturnacht sind auch beide Zweige vertreten. Diese Gegenseitigkeit soll bleiben, das bringt einfach kreativen Schwung. Es ist zum Beispiel ungeheuer inspirierend, wenn man beim Zeichnen Musik hört. Und wer auf dem Flur wartet, schaut sich unweigerlich die ausgestellten Bilder an.

Volksstimme: Frau Schymalla, Sie sind seit gut zwei Jahren Leiterin der Musik- und Kunstschule. Ihr Vorgänger, Michael Hentschel, war zuversichtlich, dass Sie frischen Wind in die Schule bringen würden. Haben Sie den Ihrer Meinung nach schon wehen lassen?

Schymalla: Ich habe natürlich die funktionierenden Strukturen übernommen und mich bemüht, eine gute Zusammenarbeit mit den Kollegen herzustellen. Die meisten sind ja älter als ich, aber meine Ideen werden akzeptiert und honoriert, das freut mich. Es passieren kleine Veränderungen, die aber nicht die Verdienste meines Vorgängers schmälern sollen. Aber mein Alter hilft mir vielleicht auch im Umgang mit Schülern, die in einem relativ jungen Erwachsenen in manchen Situationen eher einen Ansprechpartner sehen.

Volksstimme: Trotz der Verjüngung – die Stendaler Musik- und Kunstschule hat auch die älteren Semester als Zielgruppe. Warum?

Schymalla: Ab 26 Jahren zählt man bei uns zu den Erwachsenen, und aus dieser Altersgruppe haben wir eine ganze Menge Schüler. Aber auch Senioren lernen bei uns Instrumente. Für Leute, die berufstätig sind, ist es eine tolle Bereicherung, ein Instrument zu lernen. Gerade die erwachsenen Schüler sind oftmals die dankbarsten. Aber die Erwachsenen sind meist nicht so erpicht aufs Vorspielen, sie sind viel aufgeregter als junge Schüler. Deshalb bieten wir zweimal im Jahr ein Hausmusik-Vorspiel extra für Erwachsene, da sind sie dann mehr unter sich.

Volksstimme: Wie geduldig muss man als Lehrer denn sein, bis aus schrägen Tönen schöne Melodien werden? Ist das, was die Schüler da spielen, für jemanden mit geschulten Ohren manchmal nicht schwer auszuhalten?

Schymalla: Das Gute ist, man hat ja nicht nur einen Schüler. Und die einen können eben schon ein bisschen mehr als die anderen. Aber im Ernst, es gibt zwei Gründe, warum es sich lohnt, Musik zu machen. Erstens ist es natürlich toll, ein Instrument zu beherrschen, vielleicht auch aufzutreten. Aber auch wer kein großer Pianist oder Geigenvirtuose wird, hat seine Erfolgserlebnisse. Und man lernt durch das Musizieren Disziplin und Geduld. Man erfährt, was es heißt, ein Ziel erreichen zu wollen. Was muss ich dafür tun, wie viel muss ich üben? Auch wenn man nur kleine Fortschritte auf dem Instrument macht, können es große Fortschritte für die Persönlichkeit sein. Und manche Schüler sind einfach so begeistert vom Musizieren, da macht es nichts, wenn sie nur langsam vorankommen.

"Eltern sollten ihren Kindern vorsingen"

Volksstimme: Gab es hier eigentlich jemals Beschwerden von Nachbarn?

Schymalla (lacht): Nee, erstaunlicherweise nicht. Während meines Studiums in Lübeck ist es mir aber mal passiert, dass plötzlich jemand anrief, während ich an der Orgel "Lobet den Herrn" spielte. Er sagte: Können Sie den Herrn nicht etwas leiser loben?

Volksstimme: Sie unterrichten Klavier und Orgel ...

Schymalla: ... und ich gebe Einzelunterricht in Gehörbildung, leite den Chor, das Klassenmusizieren Keyboard in der Ganztagsgrundschule und bin bei Auftritten in der neu gegründeten Schul-Bigbanddabei, denn ein bisschen kann ich auch Posaune spielen.

Volksstimme: Da erübrigt sich wohl die Frage, welches Instrument Sie vielleicht selbst noch gern lernen würden?

Schymalla: Oboe fasziniert mich, aber ich würde sie nicht mehr spielen lernen wollen. Dann möchte ich mich lieber auf meinen bisherigen Instrumenten weiterentwickeln und neue Stücke einstudieren.

Volksstimme: Hat die Musik einen schweren Stand heutzutage?

Schymalla: Das Selbersingen und -musizieren wird ein bisschen verdrängt, habe ich das Gefühl. Vor allem das Singen. Ich finde es enorm wichtig, dass Eltern ihren Kindern vorsingen oder später gemeinsam mit ihnen singen. Das geht leider verloren, und das bedaure ich. Und ich merke, dass die Leute sich häufig genieren beim Singen. Auch das Selber-Musikmachen hat einen schweren Stand, weil die Menschen nicht mehr bereit sind, sich etwas zu erarbeiten in einer Zeit, da man einfach alles sofort haben kann. Aber ganz verschwinden wird das Musikmachen auf keinen Fall. Zumindest haben wir nach wie vor keinen Rückgang bei den Anmeldungen, auch wenn eine bestimmte Schicht stärker vertreten ist. Aber Begabungen gibt es quer durch die Gesellschaft. Musik oder Kultur im Allgemeinen sollte bezahlbar bleiben, mit unseren Sozialtarifen versuchen wir, dem gerecht zu werden. Ich finde, jeder Mensch sollte in seinem Leben mit Musik in Berührung kommen. Und damit meine ich nicht nur die vom i-Pod oder aus dem Radio.