Seit Mitte der 90er Jahre betreibt Sabine Pauke-Witte in Tangermünde ihre Kostümwerkstatt. Für Vereine und Städte schneiderte sie in der Vergangenheit fleißig nach Wunsch. Jetzt sieht die Unternehmerin ihre Existenz bedroht. Sie macht allen voran die Stadt Osterburg dafür verantwortlich.

Tangermünde. "Ich glaub das einfach nicht, dass mit unseren Steuergeldern Maßnahmen finanziert werden, die am Ende für uns zur Konkurrenz werden." Sabine Pauke-Witte macht am Mittwoch ihrem Ärger noch einmal so richtig Luft. Harry Czeke, Landtagsabgeordneter der Linken, besucht sie in ihrer Kostümwerkstatt.

Czeke ist zum ersten Mal in der Werkstatt der selbständigen Kostümschneiderin zu Besuch. Er möchte sich für die Senioren der Volkssolidarität am Nachmittag als Weihnachtsmann verkleiden. Hier bekommt er dafür die passenden Sachen.

Kampf um Existenz

Doch nicht nur er, auch viele andere Tangermünder und Bewohner der Altmark kamen und kommen hierher, wenn sie in Rollen schlüpfen möchten. Der Fundus von Sabine Pauke-Witte ist im Laufe der Jahre gewachsen. Fast alles, was sie verleiht, hat sie selbst hergestellt. In den ersten Jahren ihrer Selbständigkeit noch mit Unterstützung von Angestellten. Heute arbeitet sie allein. Und kämpft mittlerweile um ihre berufliche Existenz.

Den Grund dafür erklärt sie dem Landtagsabgeordneten so: Im Jahre 2007 hatte die Stadt Osterburg den Sachsen-Anhalt-Tag organisiert. Dafür wurden unter anderem Ein-Euro-Maßnahmen genehmigt, die der Herstellung von Kostümen dienten. Der Sachsen-Anhalt-Tag ist längst Geschichte, die Ein-Euro-Maßnahmen ebenso. Doch die Kostüme gibt es noch. "Und die werden von der Stadt Osterburg nach wie vor verliehen", erzählt Sabine Pauke-Witte. Das sei kostengünstiger, pro Kostüm müsse lediglich die Reinigung von fünf Euro bezahlt werden. "Für diesen Preis kann ich meine Sachen nicht rausgeben", betont die Tangermünder Unternehmerin. Schließlich müsse sie davon leben. "Die Stadt Osterburg aber nicht", so Pauke-Witte. "Würde sich der Osterburger Bürgermeister einzig und allein vom Verleih der Kostüme ernähren müssen, würde auch er andere Preise nehmen."

So, wie es jetzt läuft, sieht Sabine Pauke-Witte in der Stadt Osterburg eine direkte Konkurrentin zu ihrem Unternehmen. "Es kann aber nicht sein, dass mit unseren Steuergeldern Ein-Euro-Kräfte finanziert werden, die letztendlich für Selbständige existenzbedrohend werden", sagt sie. Hätte sich jemand mit den Kostümen, die 2007 in Osterburg genäht wurden, selbständig gemacht und würde sie heute verleihen, so wie die Tangermünderin es tut, "gut, dann müsste ich damit leben", sagt sie. "Doch derjenige würde dann keine fünf Euro nehmen können, weil man davon nicht leben kann."

Bedrohlich wurde die Situation für die Handwerkerin im vergangenen Jahr zur 1000-Jahr-Feier der Stadt. In dem Glauben, zusammen mit der Stadt die Bilder des Festumzugs gestalten zu können, hatte Sabine Pauke-Witte Monate zuvor Stoffe angeschafft, auch eine Ritterrüstung gekauft. Da ihr ein Plan mit allen Bildern vorgelegt worden war, hatte sie sich Gedanken gemacht. Doch zu einer Zusammenarbeit kam es nicht. Stattdessen griff die Stadt Tangermünde zu einem Großteil auf die Kostüme von Osterburg zurück. "Ein Bild hatten sie vergessen und mich in letzter Minute gefragt. Dafür habe ich mich dann nachts hingesetzt und genäht", berichtet Pauke am Mittwoch.

Zum Burgfest in diesem Jahr wiederholte sich das Ganze. Nicht die Tangermünderin stattete den Festumzug am Sonnabend mit ihren Gewändern aus. Abermals holte die Stadt Tangermünde für fünf Euro pro Stück Kostüme aus Osterburg.

Das will sich die Handwerkerin nicht länger bieten lassen. "Ich habe Briefe geschrieben", berichtet sie Czeke. An Bundeskanzlerin Angela Merkel, an Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, an Tangermündes und Osterburgs Bürgermeister habe sie sich gewandt. Der Brief an Angela Merkel sei an das Bundeswirtschaftsministerium weitergeleitet worden. Herr Böhmer habe die Post an die Agentur für Arbeit geschickt. Auf Antworten wartet Sabine Pauke-Witte bis heute. "Niemand will einem helfen", sagt sie.

Für Harry Czeke steht fest: "Das ist ein echter Missbrauchsfall von Steuergeldern." In seinen Augen sei es die erste Pflicht einer Kommune, eigene Betriebe zu fördern, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Fundus auf Zeit

Osterburgs Bürgermeister Hartmuth Raden sieht das anders. Die Kostüme, die zum Sachsen-Anhalt-Tag 2007 über Fördermaßnahmen genäht worden waren, seien das Eigentum aller Hansestädte der Altmark, erklärte er gestern auf Nachfrage. "Osterburg ist nur der Aufbewahrungsort", so Raden. "Wir haben eine gewisse Nachhaltigkeit nachzuweisen", sagte er weiter. Nach dem Fest 2007 hätten die Kostüme weder verbrannt noch verschenkt oder verkauft werden dürfen. Raden: "Wir verleihen auch nicht an Private." Lediglich die Hansestädte würden sich des Fundus’ bedienen und, damit er nicht gar so schnell verschleißt, die fünf Euro pro Kostüm bezahlen. "Unser Fundus erledigt sich ohnehin mit der Zeit von selbst", fügt Osterburgs Bürgermeister hinzu. Es werde nichts Neues genäht, die Sachen seien sehr schlicht. "Wer nach etwas Besonderem sucht, findet bei uns nichts."