Die Kultur in Tangermünde ist seit 20 Jahren mit dem Namen Marlies Köhn verbunden. In wenigen Tagen geht sie in den Ruhestand. Wer sich künftig mit diesem Ressort einen Namen machen wird, ist noch ungewiss. Nur so viel steht fest: Birgit Herzberg, Ordnungsamtsleiterin in der Stadtverwaltung, wird das Amt, dem Schule, Kultur, Sport und Soziales angegliedert sind, ab Januar mit übernehmen.

Tangermünde. "Ich gehe schweren Herzens. Doch ich freue mich auch auf den Ruhestand", sagt Marlies Köhn. Seit 20 Jahren ist sie Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. In jüngster Vergangenheit leitete sie kommissarisch das Amt für Schule, Soziales, Kultur und Sport.

Als Mitglied der Bauernpartei Deutschlands (DBD) war sie im März 1990 in die Stadtverwaltung gekommen. Nach ihrem Studium in Weimar hatte Marlies Köhn 13 Jahre lang in der Leimfabrik als Hauptbuchhalterin und zuletzt in Heeren in diesem Beruf gearbeitet. "Ich habe es gern getan", sagt sie rückblickend. Den Schritt in die Verwaltung "habe ich Horst Becker zu verdanken", erinnert sie sich. Der heutige Stadtratsvorsitzende hatte sie nicht lange überreden müssen.

"Monatelang haben wir Akten hin- und hergetragen"

Volksbildung und Kultur bestimmten von da an den Alltag. "Die ersten Aufgaben waren böse", berichtet die gebürtige Mahlpfuhlerin. Böse deshalb, weil bereits Ende 1990 damit begonnen wurde, Kindergärten und Krippen zu schließen. Elf gab es damals in der Stadt. Heute sind es drei. Verschiedene Einrichtungen wurden an freie Träger abgegeben. "Monatelang haben wir Akten hin- und hergetragen."

Doch bereits in diesen wirren Zeiten war Platz für Kultur. Der Rathausfestsaal war damals der Mittelpunkt des Geschehens. Mit den Partnerstädten in Lich und Minden, mit der Musikschule in Stendal knüpfte Marlies Köhn Kontakte. "Für 4500 Mark haben wir damals den Flügel im Rathaus aufarbeiten lassen", erinnert sie sich. Und sogar der Name des ersten Pianisten auf dem überarbeiteten Instrument ist ihr im Gedächtnis geblieben: Professor Christian Elsas.

Als Liebhaberin für Kunst und Kultur fiel es der heute 61-Jährigen nicht schwer, die Stadt Jahr für Jahr ein wenig mehr mit Muse zu füllen. "Aus dem Elternhaus heraus", sagt sie, habe sie den Kontakt zu Musik und Theater bekommen. Einen kleinen Teil dieser Welt, die sie zu DDR-Zeiten in Magdeburg und Weimar erlebt hatte, wollte sie an die Elbe holen. "Keine schweren klassischen Konzerte, sondern leichte Musik, für die man die Leute interessieren kann", formuliert sie ihren Anspruch. Seit 1996 steht dafür die Salzkirche zur Verfügung. Nach seiner Sanierung hat dieser Backsteinbau inoffiziell den Namen Kunst- und Kulturtempel bekommen. Ingrid Berger, jahrelange Vorsitzende des Museumsvereins, prägte ihn.

Hierher holte Marlies Köhn in den vergangenen 14 Jahren mehrmals im Monat Künstler verschiedener Genres, Solisten, Gruppen, Kinder und Erwachsene. Neben den unendlich vielen netten und wunderschönen Begebenheiten sind auch Augenblicke im Gedächtnis haften geblieben, die Marlies Köhn noch heute unangenehm sind.

Einen solchen gab es Anfang der 90er Jahre. Mehrfach war der Auftritt des Männerchors aus Minden angekündigt worden. 50 Sänger hatten im Rat- hausfestsaal Aufstellung genommen. Ihnen standen lediglich drei Zuhörer gegenüber. Nach drei Liedern brachen sie ihr Konzert ab und fuhren wieder nach Hause. Bis heute gab es keinen zweiten Auftritt dieses Ensembles in der Stadt. Marlies Köhn sagt: "Seitdem habe ich immer Angst, dass keiner zu einer Veranstaltung kommen könnte."

Das größte Projekt, das sich Marlies Köhn auf ihre Fahne schreiben darf, ist das Burgfest. 1990 und 1991 gab es bei der Organisation noch Unterstützung aus der Partnerstadt Minden. Danach meisterten Marlies Köhn und Gottfried Thomae das Fest in Eigenregie. Thomae ist seit 20 Jahren dabei, hat Künstler nach Tangermünde geholt, seine weitreichenden Verbindungen ausgenutzt.

Und so hat Marlies Köhn in den zwei Jahrzehnten auch viele Größen der Rock-, Pop-, Schlager- und Volksmusik-Branche persönlich kennengelernt, unter anderem Stefanie Hertel als Elfjährige und Michelle als noch kleines Mädchen. "Wir haben sie auf eine Kiste gestellt, damit das Publikum sie sehen konnte", erzählt sie.

Und während die Gedanken von Köhn und Thomae durch die Vergangenheit kreisen, erinnern sie sich daran, dass "Tangermünde die erste Stadt war, in der der Sachsen-Anhalt-Tag gefeiert wurde. Das war 1992. Damals hieß es noch Fest der Begegnung", so Thomae.

"Meine Familie hat mir immer den Rücken freigehalten"

Auch das Festjahr 2009 hat Marlies Köhn "unheimlich viel Spaß gemacht". Der Grund: "Meine Familie hat mir immer den Rücken freigehalten. Da hat immer alles gestimmt."

Wenn Marlies Köhn am 16. Dezember ihren Abschied feiert und ab 1. Februar 2011 offiziell ihren Ruhestand beginnt, dann hat sie einen großen Wunsch: "Ich möchte immer noch gebraucht werden."

Wo, das weiß sie selbst schon ganz genau: in der Salzkirche als Vorsitzende des Museumsvereins, als Schöffe im Gericht, als Leseoma ...