Harbke, 24. Dezember, Heiligabend, kurz nach neun Uhr morgens: Beißende Kälte, weiße Pracht im Überfluss; in der Runstedter Straße tuckert ein Minitraktor, gesteuert von einer vermummten Gestalt, die mit dem Vehikel den Schnee vor sich hertreibt. Klaus Wallbaum ist hier wieder im unermüdlichen Schiebeeinsatz und räumt für die gesamte Nachbarschaft die Wege.

Harbke. Dick eingemummelt bahnt sich der Fahrer seinen Weg, der Schal über dem Mund, die Mütze tief in die Stirn gezogen und zusätzlich mit der Kapuze bedeckt. Nur die Nase und ein gütiges Augenpaar blitzen heraus. Mit etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit biegt der mit Schneeketten bewehrte – ohne geht es nicht – Traktor nach links in den Feldweg ab, eine Sackgasse, an deren Ende es immer beginnt, wenn Frau Holle es mal wieder zu gut meinte mit uns. Dann lenkt Klaus Wallbaum sein Gefährt aus der Garage und legt – egal, ob in den frühesten Morgen- oder späteren Abendstunden – los: Feldweg, Runstedter Straße, Berliner Straße – der gesamte Bereich bis zur Hauptstraße wird so beräumt, dass er für Autos und Fußgänger problemlos passierbar ist. Und wenn das Werk östlich der Halberstädter Straße getan ist, tuckert der Traktor oft auch noch den Berg Richtung Helmstedt hinauf, um Am Kraftwerk für freie Verhältnisse zu sorgen.

Ein wahrhaft selbstloses Unterfangen des 55-Jährigen, das ihm die Anwohner aufrichtig danken und dies auch schon mehrfach über das Lesertelefon der Volksstimme kundtaten. Wallbaum selber betont die Selbstverständlichkeit seines privaten Winterdienstes: "Meine Frau muss morgens um halb fünf zur Arbeit und wird vorn an der Straße abgeholt. Da muss ich ihr den Weg doch freimachen!", gibt sich der Wohltäter bescheiden.

Glücklich kann sich schätzen, wer einen Klaus Wallbaum zum Nachbarn hat, der einem das Schneeschippen weitgehend abnimmt. Die teils doch nervige Quantität des weißen Winterpuders erscheint einem doch viel weniger lästig und lässt sich uneingeschränkt genießen, wenn sich solch ein Engel mit seinen sechs Pferdestärken in den Dienst der Allgemeinheit stellt – honorarfrei!, denn alles, was Wallbaum annimmt, sind höchstens mal kleine Aufmerksamkeiten und ein paar Euro Spritgeld.

Eigentlich handelt es sich bei Wallbaums motorisiertem Räumfahrzeug um einen Gutbrod-Rasenmäher. Doch für die kalte Jahreszeit wird das Schnittmesser kurzerhand gegen einen Schiebeschild getauscht – muss sich nur zu helfen wissen …

Wie sehr wurmte es den aufrechten Bürger doch die letzten Tage vor Weihnachten, als er notgedrungen den Dienst temporär einstellen musste: "Der Traktor war kaputt, es haperte nur an einem winzigen Teil, aber es gab Lieferschwierigkeiten und ich bin eine Woche ausgefallen." Wallbaum sagt das fast entschuldigend. Mithilfe eines Freundes konnte er seine "Unpässlichkeit" rechzeitig zu den Weihnachtsfeiertagen beenden.

Wie oft er in diesem Ausnahmewinter schon den Traktor angeschmissen hat und wieviele Kilometer er dabei geschrubbt hat, vermag Klaus Wallbaum nicht zu sagen. Es dürfte auch daran liegen, dass ihn das schlichtweg nicht interessiert. Wenn Mutter Natur seine Hilfe auf den Plan ruft, dann tut er das einfach, ohne Strichlisten zu führen. Bezeichnend dabei ist folgende Beobachtung: Bei ihm vor der Tür sah es Heiligabend noch so gar nicht nach geräumt aus. Eine unberührte Schneedecke vor Einfahrt und Pforte, lose umherliegende Kristallklumpen. "Bei mir? Da schiebe ich immer zuletzt!", lacht Klaus Wallbaum, legt den Gang ein und tuckert davon. Es gibt nach der mehrtägigen Zwangspause noch einiges zu tun. Am Kraftwerk war er heute noch nicht …