Weihnachten - das Fest der Familie. Der 18-jährige Kazuhide Shimao jedoch feierte in diesem Jahr fern von seiner Heimat Japan und fern von seiner Familie das Weihnachtsfest, ganz typisch deutsch bei seiner Gastfamilie in Stemmern.

Stemmern l Mitten in der Wohnküche steht der riesige Tannenbaum von Familie Siegel. Den großen Stern ganz oben habe er angebracht, erzählt nicht ohne stolz Kazuhide. Gemeinsam mit seiner Gastschwester Lena hat er den großen Baum geschmückt. Gespannt schaute der 18-jährige Japaner aus dem fernen Nagano dem Weihnachtsfest entgegen. Seit dem 28. August dieses Jahres ist der sympathische junge Mann mit der typischen japanischen Freundlichkeit und Bescheidenheit in Deutschland, im kleinen beschaulichen Stemmern. Lebt bei Zahnärztin Gabriele Siegel und Tochter Lena.

Auch in Japan wird Weihnachten gefeiert

Was das Weihnachtsfest den Deutschen bedeutet, davon hat er schon einen Vorgeschmack bekommen. Gemeinsam mit seiner Gastfamilie besuchte er die Weihnachtsmärkte in Quedlinburg und Dresden. "Wobei", so erklärt Gabriele Siegel, "ganz fremd ist in Japan das Weihnachtsfest nicht. Obwohl es dort nur wenige Christen gibt und dafür eher der Buddhismus vorherrschend ist, wird gerade in Japan vieles von außen integriert. Dazu gehört zweifelsohne auch das Weihnachtsfest."

Auch Kazuhide hat zu Hause im fernen Nagano mit seinen Eltern und den zwei jüngeren Geschwistern (Schwester, 13 Jahre, der Bruder 9 Jahre alt), das Weihnachtsfest gefeiert. Kazuhides Eltern haben zu Hause immer einen kleinen Weihnachtsbaum aufgestellt. Zudem hat der junge Mann berichtet, dass seine Mutter immer einen speziellen Weihnachtskuchen gebacken hat, in der Mitte thront ein Weihnachtsmann. Wunschzettel schreiben auch japanische Kinder, doch Adventskalender kennen sie nicht. Zudem ist es so, dass man Weihnachtsgeschenke nur bis zum 12. Lebensjahr bekommt. In Osaka gibt sogar einen Weihnachtsmarkt. Das Weihnachtsfest beginnt in Japan bereits am 23. Dezember. An diesem Tag haben die Menschen bereits frei und das aus gutem Grund: Der Kaiser hat Geburtstag. Es gibt übrigens nur einen Weihnachtsfeiertag, der 26. Dezember ist somit schon wieder Alltag.

Kazuhide hat in diesem Jahr Glück. Im Hause Siegel gab es auch für ihn Geschenke, auch wenn er schon 18 Jahre alt ist. Zudem hat Kazuhides Mama ein Weihnachtspäckchen geschickt, verriet Gabriele Siegel. Aber Kazuhide hat in Stemmern nicht nur beim Schmücken des Weihnachtsbaumes geholfen, sondern auch Lichterketten draußen angebracht. "Der Junge ist wirklich sehr, sehr flexibel", meint Gabriele Siegel und berichtet zugleich, dass das Nikolausfest wiederum eine ganz neue Erfahrung für Kazuhide war.

Das Weihnachtsfest hat Familie Siegel ganz klassisch, eben ganz in Familie verbracht. Lenas großer Bruder Sascha ist gekommen, auch ein Neffe feierte mit. Nach der Bescherung an Heiligabend und Kartoffelsalat und Würstchen wurde ein Spaziergang gemacht, zu Oma und Opa. Dort startete ein Spieleabend.

Nach Weihnachten wird Kazuhide übrigens nach Italien reisen und dort einige Tage seiner Ferien verbringen. Darauf ist er schon sehr gespannt.

Kazuhide ist ein begeisterter Handballer

Eigentlich wollte Gabriele Siegel Anfang März nach Japan reisen, doch dann kam das schwere Erdbeben und das Unglück von Fukushima dazwischen. Als sie einen Aufruf der Deutsch-Japanischen Gesellschaft las, die Gasteltern für Austauchschüler suchten, meldete sich die Stemmeranerin. So fanden sich Kazuhide und Familie Siegel. Und Kazuhide wollte unbedingt nach Deutschland. Das hatte einen besonderen Grund und dieser heißt Handball. Kazuhide hat schon in Japan viel trainiert und wollte den Handball auch in Deutschland kennenlernen.

Nach einem Sommercamp in Heppenheim, wo er die ersten Worte Deutsch lernte, kam er nach Stemmern und damit in die Sülzetal-Handball-Hochburg Langenweddingen und zugleich in die Nähe des SC Magdeburg. In Langenweddingen trainiert Kazuhide in der 1. Männermannschaft und spielt dort als Linksaußen mit. Zweimal pro Woche radelt der Schüler mit dem Fahrrad von Stemmern nach Langenweddingen zum Training. Das ist für ihn kein Problem. Nur wenn das Wetter ganz schlecht ist, bringt Gabriele Siegel ihn nach Langenweddingen. "Kazuhide ist nicht nur ein begeisterter Handballspieler, er braucht wohl auch die Bewegung. Als das Training mal ausgefallen war, hat er sich die Turnschuhe geschnappt und ist losgelaufen", berichtet sie. Zudem ist die Stemmeranerin davon begeistert, wie viel Vertrauen der Langenweddinger Trainer Markus Deinert doch in den jungen Japaner hat, wenn er ihn mitspielen lässt. "Im Spiel zeigt Kazuhide aber auch, wie flexibel, ja wie pfiffig er doch ist. Schließlich spricht er noch nicht so gut deutsch, dass er alles verstehen würde, doch es funktioniert", meint Gabriele Siegel.

Ein ganz besonderer junger Mann

Sie ist von der besonderen Art des jungen Mannes sehr begeistert. Seine ruhige, bescheidene und doch sehr offene und aufgeschlossene Art, sein Fleiß, seine Anpassungsfähigkeit sind schon etwas Besonderes. Und Gabriele Siegel weiß, wovon sie spricht, denn Kazuhide ist nicht ihr erster Austauschschüler, dem sie für ein Jahr ein zweites Zuhause gibt.

Kazuhide besucht gemeinsam mit Lena Siegel die Integrierte Gesamtschule in Magdeburg. Obwohl er in Japan schon die Abiturstufe erreicht hat, geht er hier in Deutschland in die 10. Klasse. So kommt er gut mit und lernt die Sprache besser. Um mit dem Deutschen noch besser voranzukommen, besucht der junge Mann zusätzlich einen Deutschkurs an der Magdeburger Uni.

Wenn es mit dem Deutsch gar nicht weitergeht, hilft immer noch Englisch oder sein Dictionary, sozusagen ein Computer zum Übersetzen.

Die Sprachgewandheit hat Kazuhide möglicherweise von seiner Mutter mit in die Wiege gelegt bekommen. Sie ist sprachlich sehr interessiert, engagiert sich in einem sogenannten Hippo-Klub (einfach übersetzt: ein Sprachenklub) ehrenamtlich. Sein Vater ist übrigens Architekt.

Aber Kazuhide ist nicht nur ein begeisterter Handballer, nein, er liebt auch Fußball und hier vor allem Borussia Dortmund. Der Schüler der 10. Klasse mag Snickers und Fanta und isst ansonsten alles, was auf den Tisch kommt.