In der Serie "Neue Fassaden - alte Geschichten" stellt die Harzer Volksstimme historisch interessante Häuser in Wernigerode vor. Mit diesem Thema haben sich auch Heimatforscher wie Dr. Uwe Lagatz und Mitarbeiter der Oskar Kämmer Schule, unterstützt von der KoBa, befasst. Ihre Erforschung fließt in die Beschreibungen mit ein. Der Rundgang führt heute zur Grünen Straße 32.

Wernigerode. "Wir sind schon ein wenig stolz, in einem historisch so interessanten Haus zu leben", meint Helga Wipprecht. Sie und ihr Lebensgefährte Jens Sönksen sind in dem 1668 erbauten Ackerbürgerhaus Grüne Straße 32 zuhause. Schon zu DDR-Zeiten hatte sich Frau Wipprecht intensiv mit der abwechslungsreichen Geschichte dieses sieben Meter breiten Gebäudes befasst.

Das etwa 50 Meter lange Grundstück reicht bis an die parallel verlaufende Mauergasse. Dem Wohnbereich schließen sich eine Garage und ein kleines "grünes Paradies" an. Davon ahnen die Touristengruppen nichts, die oft vor dem Haus stehen und von den Stadtführern erklärt bekommen, dass das Obergeschoss noch aus der Erbauungszeit erhalten ist. Die sechs Brüstungsfelder mit geschweifter Raute und Andreaskreuz geben dem Wohnhaus eine repräsentative Erscheinung.

Zu vermuten ist, dass das Erdgeschoss schon einmal mit einfachen Mitteln unterfangen wurde. Es ist nur aus Stielen und Riegeln gestaltet. Links befindet sich eine zweiflüglige Haustür. Das Erdgeschoss hat zwei Fenster. Dabei bleibt verborgen, dass sich hinter der Fassade im Erdgeschoss zwei Räume, im Obergeschoss weitere vier Räume befinden. Dazu kommen noch zwei Bodenkammern sowie ein Mini-Keller von zwei mal drei Metern. Dieser diente während des Zweiten Weltkrieges als Luftschutzraum für die Bewohner und die direkten Nachbarn.

Helga Wipprecht, die 1975 in das Haus zog und es zwei Jahre später von den Erben der verstorbenen Hausbesitzerin Helene Marquardt erwarb, hat seitdem viel und immer wieder saniert. "So nach und nach entstand eine wunderschöne Wohnoase", schwärmt sie und erzählt, dass allein bei der Renovierung des ungewöhnlich großen Hausflures fünf Lagen Tapeten entfernt werden mussten.

Früher Wohneinheit mit Nachbarhaus

Dabei seien sogar alte Zeitungen von 1929 entdeckt worden. Das nun freigelegte Fachwerk zeigt den Raum in seinem ursprünglichen Zustand. Der Zeitaufwand für die Instandsetzung der Zimmer sei jeweils größer gewesen, als ursprünglich eingeplant. Beispielsweise hatten sämtliche Innentüren vor Beginn der Sanierung unterschiedliche Beschläge, wohl Beweis dafür, dass auch die Vorbesitzer die Räume so nach und nach entsprechend ihrem Geschmack und finanzieller Möglichkeiten gestalteten.

Das heutige Grundstück trug von 1798 bis 1884 die Wernigeröder Haus-Nummer 328, ab 1885 gibt es den Straßennamen Grüne Straße und für dieses Haus die Nr. 32.

Helga Wipprecht hat sich die Mühe gemacht, alle Vorbesitzer und Bewohner herauszufinden. Das einstige Doppelgrundstück bewohnten drei Generationen der Familie Schilling. Das Haus bildete bis 1688 mit dem Nachbargrundstück Nr. 34 eine Einheit, mit einem Haus bebaut. Dann erfolgte die Teilung in zwei Grundstücke.

Für das Haus mit der jetzigen Nummer 32 ist ab 1688 eine Familie Basse nachweisbar. Es folgen Christoph Rettmer und dessen Frau, Tochter der Eheleute Basse. Das Haus gehörte ab 1772 Christoph Heise. Ab 1793 folgen in der Chronik Familien, denen auch ein Beruf zugeordnet wird. So wird in jenem Jahr der Fuhrmann Julius Heise genannt. Es folgen ein Gärtner, ein Fuhrmann, ein Schneider, ein Fuhrknecht, ein Bäcker, ein Maurer, ein Leinewebermeister, ein Gartenarbeiter und 1939 mit Albert Schindler ein Kaufmann. Von 1943 bis 1976 lebten auffällig viele Untermieter jeweils nur kurze Zeit in dem kleinen Haus. Das ist ein Hinweis dafür, dass nicht genügend Wohnraum zur Verfügung stand. Ein Großteil der ehemaligen Mieter ist Helga Wipprecht noch bekannt, da sie seit ihrer Kindheit im Nachbarhaus wohnte.

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