In der Serie " Neue Fassaden - alte Geschichten " stellt die Harzer Volksstimme historisch interessante Häuser in Wernigerode vor. Mit diesem Thema haben sich auch Heimatforscher wie Dr. Uwe Lagatz und Mitarbeiter der Oskar Kämmer Schule, unterstützt von der KoBa, befasst. Ihre Erforschung fließt in die Beschreibungen mit ein. Der Rundgang führt heute zur Burgstraße 37 bis 39.

Wernigerode. Nur selten unterziehen sich Touristen der Mühe, die Stufen zum Eingang der Wernigeröder Außenstelle des Robert-Koch-Institutes hinaufzusteigen. Über der Tür steht dort in lateinisch geschrieben, dass der wuchtige Bau erst nach dem großen Stadtbrand von 1751 errichtet wurde. Dennoch : Das Gebäudeensemble mit den jetzigen Hausnummern Burgstraße 37 bis 39 hat eine lange Geschichte.

Schon im Jahre 1418 hatte Graf Heinrich zu Wernigerode die Gebrüder von Schwichelt außer mit Land bei Silstedt auch mit dem Gehöft an der Burgstraße gegenüber der Liebfrauenkirche beliehen. 1749 kaufte Erbgraf Henrich Ernst das Anwesen, so dass es wieder in den Besitz des Grafenhauses gelangte. Anstelle des 1751 zerstörter Fachwerkbaus, der mehrere Besitzerwechsel erlebte, entstand 1754 der Freihof wieder. Diesmal als zweistöckigen Steinbau und mit Unterstützung des preußischen Königs Friedrich des Großen. Er hatte Gelder aus dem Staatshaushalt zum Wiederaufbau der zerstörten Stadtteile zur Verfügung gestellt. Allerdings mit der Bedingung verknüpft, Gebäude aus Stein zu errichten, um in Zukunft größere Brandkatastrophen zu verhindern. Hinzu kam, dass der inzwischen wieder gräfliche Besitz als Repräsentationsbau entstehen sollte. Dazu gehört, dass der heutige Haupteingang über zwei Freitreppen parallel zur Straße erreichbar ist. Über dem Tor befindet sich ein kleiner Balkon mit schmiedeeiserner Brüstung. Die Ecksteine und Fensterlaibungen sind in gelbem Sandstein ausgeführt, die Flächen dazwischen mit einem glatten Putz versehen, der farblich etwas heller gehalten ist.

Namhafte Persönlichkeiten wohnten in diesem Haus. So zwischen 1788 und 1793 der königlich-preußische Kriegsund Domänenrat Friedrich Leopold von Göcking, ein Dichter, der in Halberstadt zum Freundeskreis um Johann Wilhelm Ludwig Gleim gezählt wurde. Während der französischen Besetzung, als Wernigerode zum Königreich Westfalen gehörte, befand sich in diesem Haus das Bürgermeisteramt. Nach den Befreiungskriegen von 1813 zog dort die gräfliche Regierung ein. 1897 beherbergten die oberen Räume des Gebäudes das fürstliche Konsistorium, die untere Etage das Fürst-Otto-Museum. Jenes naturkundliche Museum, das mit einer heimatgeschichtlichen Ausstellung verbunden war, wurde wegen der Insolvenz des Fürstenhauses 1930 geschlossen. Zwischen 1933 und 1945 beherbergte das Gebäude die NSDAP-Kreisleitung und verschiedene Nazi-Organisationen.

1951 Hygiene-Institut

des Bezirkes

Nach einem Beschluss der sowjetischen Besatzung wurde in jenem Haus ein Hygieneinstitut eingerichtet, das zunächst in Baracken in der Nähe des Hauptbahnhofesuntergebracht war und schrittweise zur Burgstraße übersiedelte. Ab 1951 firmierte es als Bezirks-Hygieneinstitut für den Bezirk Magdeburg. Im Volksmund sprach man längere Zeit vom Hygienemuseum, eine Sprachschluderei, die auf das einstige Museum und die neue Verwendung verweisen sollte.

Prof. Dr. Wolfgang Witte, der das Haus mit seinen gegenwärtig rund 100 Mitarbeitern jetzt leitet, sagt : " Dass wir auch seit der deutschen Wiedervereinigung dort noch sind, verdanken wir dem Umstand, dass im Jahr 1936 im Rahmen des fürstlichen Entschuldungsverfahrens das Grundstück an den Staat Preußen ging. " Der Nachwende-Bürgermeister

Horst Weyrauch habe einst an städtischen Besitz geglaubt, so Witte, und sicherlich eine ansehnliche Einnahme bei einem Verkauf des Grundstücks erhofft. Ob bei einem städtischen Besitz das Institut allerdings in Wernigerode geblieben wäre, erscheint dem jetzigen Leiter fraglich.

Dank profilierter Wissenschaftler wie Prof. Dr. Helmut Rische und Dr. Heinz Kühn kam es zu DDR-Zeiten zur Gründung des Institutes für Experimentelle Epidemiologie und einem Anbau mit der charakteristischen Brücke durch die damalige PGH Bau " Thomas Hilleborch ". Durch verschiedene Erweiterungen, so um das Haus Burgstraße 43 und das benachbarte ehemalige Haus des Handwerks, erhielt die Außenstelle des Robert-Koch-Institutes seine heutige Größe. Stets hätten heimische Handwerker vielfältig geholfen, erinnert sich Wolfgang Witte dankbar. So habe zu DDR-Zeiten beispielsweise die Tischlerfirma Müller und Bock jene Labortische gefertigt, die von der Industrie damals nicht zu beziehen waren. Diese Unterstützung von Wernigerödern für das Haus werde unvergesslich bleiben, ist sich Witte sicher.