Für den polnischen Kapitän Yerzy Galewski verläuft das Weihnachtsfest in diesem Jahr alles andere als planmäßig. Nach der Havarie seines Schiffs muss er die Feiertage am Bülstringer Anleger und fernab von seiner Familie verbringen. Dabei hat er nicht nur mit den eisigen Temperaturen, sondern auch mit Wasserknappheit und Vorratsmangel zu kämpfen.

Bülstringen. "Das Weihnachtsfest habe ich mir auf jeden Fall anders vorgestellt", sagt Yerzy Galewski und lächelt. Der polnische Kapitän liegt seit Tagen mit seinem Binnenschiff "Jolie" auf dem Mittellandkanal am Bülstringer Anleger vor Anker, nachdem das Bugstrahlruder den Dienst versagt hat. "Die Monteure müssen aus Stettin kommen und werden wahrscheinlich erst am 28. Dezember da sein, um das Schiff wieder seetauglich zu machen", sagt Yerzy Galewski.

Eigentlich war das Schiff auf dem Weg nach Amsterdam und Galewski sollte spätestens an Heiligabend zu Hause bei seiner Frau und seinen beiden Söhnen sein. Für den 52-Jährigen ist die Situation, allein an Bord und zum Nichtstun verdammt zu sein, nicht neu. "Im Januar lag ich einen Monat lang in Köln vor Anker und musste darauf warten, dass ich einen Auftrag bekomme. Dieses Mal wird es zwar nicht so lang dauern, aber Weihnachten nicht mit der Familie verbringen zu können, macht mich schon sehr traurig", klagt der Binnenschiffer.

"Mit dem Wasser muss ich über die Feiertage sparsam sein"

Doch die Einsamkeit an Bord ist nicht Yerzy Galewskis einziges Problem. Gerade einmal 500 Liter Wasser sind noch für den täglichen Gebrauch im Tank. "Ich habe schon mit den Behörden gesprochen. Die Feuerwehr wird mir wahrscheinlich nach den Weihnachtstagen Wasser bringen. Bis dahin muss ich eben sparsam sein", sagt der Kapitän.

Da er es nicht gewohnt ist, den ganzen Tag untätig zu sein, vertreibt er sich die lange Zeit des Wartens mit kleineren Reparaturarbeiten am Schiff. Auch das gründliche Putzen käme während des Arbeitsbetriebs zu kurz, sagt er mit einem Augenzwinkern. Zudem muss das Schiff bei den derzeitigen Witterungsbedingungen desöfteren von Schnee befreit werden. Normalerweise arbeitet Galewski einen Monat lang auf dem Schiff. Danach geht es für ihn für vier Wochen zurück nach Breslau zu seiner Familie.

Im Heck der "Jolie" befinden sich Mannschaftsraum und Kombüse. Dort hält sich Galewski die meiste Zeit des Tages auf. Der Raum gleicht einer Ein-Raum-Wohnung. Zu den Annehmlichkeiten zählt neben einem Sofa und zwei Kühlschränken auch ein Fernseher. "Wir haben hier Gott sei Dank Satellitenempfang. So kann ich zumindest auch polnische Programme sehen und habe ein kleines Stück Heimat hier", schmunzelt der 52-Jährige, der schon seit 31 Jahren auf den Wasserstraßen Europas unterwegs ist.

"Leider habe ich keinen Weihnachtsbaum und kein Festtagsessen"

Der Heizlüfter in dem kleinen Raum läuft auf Hochtouren. Bei Nachttemperaturen von Minus 15 Grad Celsius reiche selbst der Lüfter nicht mehr aus, um der Kälte entgegenzuwirken, so Galewski. Da das Telefonieren nach Breslau mit seinem Handy sehr teuer ist, kann er sich nur alle zwei bis drei Tage bei seinen Lieben melden. Eine Kurzmitteilung pro Tag ist aber Pflicht.

Für Heiligabend hat Galewski noch keine Pläne. "Möglicherweise kann ich mit ein paar Kollegen, die in der Nähe vor Anker liegen, zusammen feiern. Leider habe ich keinen Weihnachtsbaum und auch noch keine Ahnung, was es als Festtagsschmaus geben soll", sagt der polnische Kapitän ein wenig traurig.

"Keine Arbeit, kein Geld – so ist das Geschäft leider heutzutage"

Kurz darauf holt er ein großes Kochbuch hervor. Er würde gern mehrere Rezepte ausprobieren, jedoch fehlt es ihm an den nötigen Zutaten.

Bei Schnee und Eis ist es ihm nicht möglich, die fünf Kilometer bis nach Haldensleben mit dem Fahrrad zu fahren. "Noch ist der Kühlschrank gut gefüllt, aber bei mehr als einer Woche an Bord, könnten die Vorräte schon knapp werden", meint Yerzy Galewski. Und noch eine weiterer Wermutstropfen beschäftigt den polnischen Kapitän: Für die Zeit der Havarie bekommt er von seinen Arbeitgebern keinen Lohn. "Keine Arbeit, kein Geld – so ist das Geschäft leider heutzutage. Aber auch davon lasse ich mir die Stimmung nicht vermiesen. Ich wünsche allen Volksstimme-Lesern ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest!"