Im Jahr 1993 erklärten die Vereinten Nationen den 3. Dezember zum Internationalen Tag der Behinderten. Ziel dieses Gedenktages ist, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderung zu wecken und dann wachzuhalten. Die Volksstimme wollte von Bodelschwingh-Vorstand Christian Geyer wissen, ob der Aktionstag wirklich etwas für Menschen mit Behinderungen bewirkt.

Volksstimme: Wie hat sich die Akzeptanz gegenüber Behinderten in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren entwickelt?

Christian Geyer: In Wolmirstedt ist die Akzeptanz immer mehr gewachsen. Ich beobachte das im Supermarkt, wenn Bewohnerinnen und Bewohner des Bodelschwingh-Hauses einkaufen gehen, und an der Kasse stehen. Sie werden genau so freundlich oder unfreundlich behandelt wie alle anderen Kunden auch.

Volksstimme: Also gibt es keine Diskriminierung mehr?

Geyer: Sicherlich, es gibt auch die Kunden, die ungeduldig drängeln und abfällige Bemerkungen machen. Das aber bekommen auch die Alten zu spüren. Eben all jene, die nicht den Gesundheits- und Leistungsnormen entsprechen. Unser Jahresfest auf dem oberen Burghof ist ein anderes gutes Beispiel für Integration: Hier tanzen bis tief in die Nacht Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam auf der Tanzfläche. Es gibt aber noch eine Menge zu tun.

Volksstimme: An was denken Sie dabei?

Geyer: Der Bahnhof in Wolmirstedt ist zum Beispiel noch immer nicht barrierefrei. Und es ist noch keine Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit einer geistigen und körperlichen Behinderung Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt finden.

Volksstimme: Was hat sich in der Behindertenhilfe verändert?

Geyer: In den letzten Jahrzehnten ist der Versorgungs- und Fürsorgegedanke zugunsten einer Idee von Teilhabe und Inklusion gewichen. Ganz aktuell ist die so genannte Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Sie wurde 2009 auch in Deutschland vom Bundesgesetzgeber verbindlich eingeführt. Darin werden zum Beispiel ein Recht auf Bildung und Arbeit für Menschen mit Behinderung festgeschrieben. Leider hat Sachsen-Anhalt immer noch keinen Landesaktionsplan zur Umsetzung dieser Konvention vorgelegt.

Dieser positiven Entwicklung steht leider der Trend entgegen, in der Behindertenhilfe immer mehr zu sparen. Dadurch werden wir genötigt statt die Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu fördern, mehr und mehr zum Versorgungsprinzip zurück zu kehren. Zum Glück stellen sich dieser Entwicklung unsere Mitarbeiter – auch und gerade die vielen Ehrenamtlichen – nach Kräften entgegen.

Volksstimme: Wie hat sich Behinderung insgesamt verändert?

Geyer: Es gibt ja nicht die Behinderung, aber psychische Erkrankungen nehmen immer mehr zu. Nicht jeder ist den gesellschaftlichen Bedingungen gewachsen: Flexibilität, Leistung, Aktivität, Stress, Gesundheit. Dagegen dürfen Schwächen, Fehler und Krankheit nicht sein – Orte der Entspannung und Kraftquellen fehlen. Beziehungen tragen in Krisenzeiten nicht – ich will es bei diesen plakativen Stichworten belassen.

Volksstimme: Brauchen behinderte Menschen wirklich einen eigenen Internationalen Tag?

Geyer: Die Frage müsste eher lauten: Braucht unsere Gesellschaft einen Internationalen Tag der Behinderten? Unsere Gesellschaft braucht diesen Tag – wie all die anderen Tage für "Randgruppen" (Frauentag, Kindertag) – weil wir dann in besonderer Weise auf die Rechte und Probleme von Menschen mit Behinderung aufmerksam machen können. Und Gehör finden. So wie in diesem Gespräch!