In einem sehr informativen und eindringlichen Vortrag zu den 48. Zerbster Kulturfesttagen machten Tatyana Nindel und Olga Tidde mit den "Russlanddeutschen - ihrer Geschichte und Identität" vertraut.

Zerbst l "Zuerst fuhren wir mit einem Bauernwagen mit Bullen. Dann wurden wir in die Viehwaggons reingeladen. Mein Vater wurde gleich von uns getrennt und kam ins Arbeitslager in der Nähe von Murmansk. Nur einen Brief bekamen wir von ihm. Er kam nie wieder zurück", erinnert sich die 86-jährige Adina Tidde, geb. Gewis, an den 21. Juni 1941. Dieses Zitat erinnert an eines der dunklen Kapitel in der Geschichte der Russlanddeutschen.

Olga Tidde, die Enkelin, und Tatyana Nindel vom Internationalen Förderverein "Katharina II.", haben sich in ihrem etwa einstündigen, gut besuchten Vortrag im Vortragsraum der Kreissparkasse den "Russlanddeutschen - ihrer Geschichte und ihre Identität" gewidmet. Aktueller Anlass, so Tatyana Nindel, ist das Manifest Katharinas der Großen, mit dem sie vor 250 Jahren Deutsche einlud, in Russland zu siedeln.

Die beiden Vortragenden spannten - mit bildlichen Darstellungen bereichert - einen Bogen vom Mittelalter bis ins Heute. Die bereits im 12. Jahrhundert von Russland betriebene Ansiedlung von auch deutschen "Kolonisten" erreichte mit dem von der Zarin am 22. Juli 1763 erlassenen Manifest einen Höhepunkt. Als Anreiz wurden zahlreiche Privilegien versprochen. Aber es gab auch in Deutschland genügend Auswanderungsgründe. Bis 1774 zogen rund 30 000 Siedler nach Russland.

Die großen Versprechen entpuppten sich als zunächst "böse Realität". Dennoch konnten unter anderem durch Fleiß, mitgebrachte Erfahrungen, moderne Anbaumethoden, Maschineneinsatz und Handel bald große Fortschritte beim Aufbau der über 3000 sich entwickelnden Kolonien erreicht werden.

Rehabilitierung über Jahre verschleppt

Vor und während des Ersten Weltkrieges veränderte sich das Leben der Deutschen schlagartig. Hass wurde geschürt und es gab viele Einschränkungen.

Die Zeit nach der Oktoberrevolution war widersprüchlich. So wurde 1924 sogar eine erfolgreiche "Autonome sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen" gegründet. Mit dem Konzept der "feindlichen Nationalitäten" begann Mitte der 1930er Jahre eine Wende, die die Deutschen als erste betraf. Ab Oktober 1941 wurden deutsche Männer und Frauen zwischen 16 und 55 Jahren in Arbeitslager gesteckt. Jeder Dritte kam ums Leben. Kinder wurden an russische oder kasachische Familien "vergeben" oder in Waisenhäuser verbracht.

Auch nach Kriegsende verbesserte sich die Lage kaum. "Wir waren Nemzy, Faschisten, Fritzen. Wir hatten kein Recht auf Entschädigung, auf Witwen- und Kinderrenten. Denn wir waren unschuldig schuld", beschreibt ein Zeitzeuge die missliche Lage.

Stalins Tod und Adenauers Besuch 1955 in der Sowjetunion brachten zwar einige Verbesserungen. Die Rückkehr in einst angestammte Regionen wurde allerdings verwehrt, die Rehabilitierung über Jahre verschleppt und erst 1991 per Gesetz vorgenommen. Feindseligkeiten reichten weit bis in die 1980er Jahre hinein, obwohl wie im Vortrag nachgewiesen, die Deutschen nicht unübersehbare positive Spuren im Leben der Sowjetunion hinterlassen haben. Die Perestroika erweckte Hoffnungen. Aber Jelzins Vorschlag, den Deutschen das von der Sowjetarmee verseuchte Gelände nahe Saratow anzubieten, brachte, so Olga Tidde, "das Fass zum Überlaufen". Die Massenauswanderung in die "alte neue Heimat Deutschland" begann.

Diskreditierung ändert sich mit Anwanderung nicht

"Wie fühlen sich die landläufig als ,Russlanddeutsche\' bezeichneten Aussiedler oder Spätaussiedler (nach 1991) in Deutschland?", fragen Tatyana Nindel und Olga Tidde.

Offiziell seien sie als Bürger mit allen Rechten und Pflichten akzeptiert. Trifft das jedoch auch in der Gesellschaft zu? Dazu wird die Schader-Stiftung zitiert: "Die Diskreditierung der Deutschstämmigen als ,Deutsche\' oder gar abwertend als ,Nazis\' in der Sowjetunion schlug nach der Übersiedlung in die BRD in eine Diskreditierung als ,Russen\' um." Adolf Fetsch, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, formuliert dagegen: "Deutsche aus Russland - ein Gewinn für Deutschland" und belegt dies mit zahlreichen Untersuchungen.

Gegenseitiges aufeinander Zugehen und sich besser Kennenlernen seien für das Leben miteinander notwendig, meinen die beiden Referentinnen. Das Wissen um die Geschichte der "Russlanddeutschen" ist dazu ein sicher wesentlicher Schritt.