Die 18-jährige Anne Borchers hat für eine junge Frau ein recht ungewöhnliches Hobby. Sie fährt Motocross und das sehr erfolgreich. Inzwischen vertritt die blonde Lepserin Deutschland sogar bei Weltmeisterschaften. Und die Gymnasiastin hat ein konkretes Ziel vor Augen. "Nächstes Jahr will ich unter die ersten Zehn fahren."

Leps. Mit dem Interesse für den ungewöhnlichen Sport steckte Réne Borchers seine Tochter an. Bereits mit drei Jahren drehte Anne ihre ersten Runden auf einem Motorrad. Erstmals Wettkampfluft schnupperte sie 2001 in Westerhausen. In der Klasse 65 ccm trat die junge Lepserin damals an. "Ich war da noch letzte am Start", erinnert sie sich lächelnd. Zugleich betont die 18-Jährige, dass sie jedoch nicht letzte geworden ist. Das sei sie bislang nie.

"Nächstes Jahr will ich unter die besten Zehn fahren"

Einem Rennen folgte das andere, "bis ich die erste Saison durchgefahren bin". Zunächst nahm Anne an der Landesmeisterschaft Sachsen-Anhalt teil. Mit dem Umstieg auf die 85 ccm-Maschine stellte sie sich einer neuen Herausforderung: der Deutschen Meisterschaft. Daneben maß sich das blonde Nachwuchstalent auch im ADAC-Junior-Cup mit ihren männlichen Mitstreitern. "Da war ich immer das einzige Mädchen", bemerkt die Zwölftklässlerin des Dessauer Hugo-Junkers-Fachgymnasiums. Als Training fährt sie heute noch ab und zu mit den Jungs, denn "die gehen härter ran".

Mittlerweile sind ihre Konkurrenten weiblich. Seit drei Jahren stehen der in Deutschland ausgetragene Lady’s Cup und die Weltmeisterschaft (WM) der Damen in ihrem Rennkalender. Außerdem tritt die sportliche Lepserin beim ADAC Youngster Cup an. Nicht zu vergessen sind ihre Teilnahmen der Damen-Cup in Holland. "Dort ist der beste Sand überhaupt", schwärmt Anne von den tiefen Strecken. Diese sind gut für die Kondition, verlangen den Fahrer gleichsam besonders viel ab.

Mit dem holländischen Lierop verbindet die Gymna-siastin denn auch ihren bislang härtesten Wettbewerb. "Beim ersten Rennen bin ich gestürzt", erklärt die Lepserin. Da sie sich augenscheinlich nicht schwer verletzt hatte, fuhr Anne auch das zweite und zwar mit einem gebrochenen Handgelenk, wie sich danach herausstellte.

In diesem Jahr blieb sie ebenfalls nicht von Verletzungen verschont. "Nach Portugal bin ich bereits Neunte gewesen", blickt die 18-Jährige auf ihre Platzierung bei der WM nach nur zwei Rennen zurück. Da passierte es. Beim Training brach sie sich das Wadenbein und riss sich die Innensehne. "Mitte September zog ich mir dann nochmal einen Haarriss zu." Die Saison war damit gelaufen. Im Lady’s Cup, wo es Anne regelmäßig aufs Podium schafft, fiel sie vom zweiten auf den sechsten Platz zurück.

In der WM-Wertung landete sie 2010 wegen ihres vor- zeitigen Ausscheidens nur auf Rang 18. "Nächstes Jahr will ich unter die ersten Zehn fahren", erklärt die ehrgeizige Lepserin. "Ich habe gesehen, dass ich unter den Besten sein kann und das trotz Schule", gibt Anne zu bedenken, dass sie sich bei der WM mit professionellen Fahrerinnen misst.

"Finnland wird eine Herausforderung"

40 Motocross-Sportlerinnen gehen insgesamt bei den Weltmeisterschaften an den Start. Deutschland ist mit fünf jungen Frauen vertreten – Anne ist eine von ihnen. Gern stellt sie sich den hohen Ansprüchen und genießt es nebenbei, die ganzen fremden Länder zu sehen.

In Bulgarien, Griechenland, Finnland, Slowenien, Slowakei, Tschechien, Deutschland, Schweiz und Spanien liegen die WM-Strecken im nächsten Jahr. "Finnland wird eine Herausforderung. Da bin ich noch nicht gewesen", bemerkt Anne, die auf den Reisen von ihrer Familie begleitet wird. Während Vater Réne in die Rolle des Chauffeurs und Mechanikers schlüpft, kümmert sich Mutter Ellen um die Versorgung. "Und Emely ist mein Glücksbringer", sieht sie zu ihrer vierjährigen Schwester hinüber.

In der von April bis Oktober dauernden Saison nimmt Anne durchschnittlich an 25 Rennen teil. Neben Asti in Italien nennt sie Teutschenthal als ihre Lieblingsstrecke. Was nicht wirklich verwundert. Immerhin ist die sympathische Lepserin doch Mitglied im MSC Teutschenthal und das sozusagen ihr "Heimstrecke".

Derzeit fährt Anne eine Viertakt-Suzuki 250 ccm. Gut 100 Kilo wiegt die Maschine, die das schlanke Mädchen so geschickt beherrscht. Dafür braucht es reichlich Kraft. "Im Dezember startet das Training", erzählt die 18-Jährige von der bis Februar dauernden Aufbauphase. Der Konditionsplan sieht täglich nach der Schule ein Sportprogramm von drei bis vier Stunden vor. "Joggen, Fahrrad fahren, rudern", listet Anne Beispiele auf.

In den Weihnachts- oder Februarferien es Anne und ihre Familie in mildere Gefilde wie etwa nach Spanien. Dort feilt die talentierte Lepserin an ihren Fahrkünsten. Während der Saison dreht sie einmal pro Woche ihre Trainingsrunden.

"Das Springen macht besonders Spaß"

Und warum hat sich Anne nun ausgerechnet für Motocross entschieden? "Es macht einfach Spaß", erklärt sie mit leuchtenden Augen. "Das Springen macht besonders Spaß. Es ist cool, sieht gut aus und man kann mal durchatmen", fügt sie lächelnd hinzu.

Allerdings ist es auch kein billiges Hobby, weshalb die 18-Jährige über die Unterstützung ihrer Sponsoren besonders dankbar ist, vor allem von der Firma Euro-Bike aus Zerbst. Ebenfalls nicht unerwähnt lässt das Nachwuchstalent ihr neues Team, für das es ab 2011 fährt: H + K Motorsport Quedlinburg. Ihre zahlreichen Fans hält die junge Lepserin über ihre Homepage auf dem Laufenden, für die sie regelmäßig aktuelle Berichte schreibt.

Welchen Beruf sie einmal ergreift, weiß Anne noch nicht. Ob sie studiert oder eine Ausbildung absolviert, ist bislang offen. "Vielleicht Physiotherapie", überlegt die sportorientierte Zwölftklässlerin, die sich ebenfalls für Medizin interessiert. Auf alle Fälle will die 18-Jährige ihr Abitur machen. Ihr Traum wäre es, mit der Hochschulreife in der Tasche ein Jahr lang nur Motocross zu fahren. "Das wär’ cool", hofft Anne, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht.

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