Am 15. Mai 1910 ist das Eisenmoorbad in Lindau eröffnet worden. Das mutige Unterfangen stand selten unter einem guten Stern. Bald brach der Erste Weltkrieg aus und geriet die Wirtschaft in eine Krise.

Lindau l Das Pfingstwochenende bringt sommerliches Wetter nach Anhalt. Das Thermometer schafft es locker über die 20-Grad-Marke. Der Tag ist wie gemacht für einen Ausflug und ein feierliches Ereignis. Die Männer müssen sich keine Sorgen machen, dass sie im steifen Hemd zu sehr schwitzen. Im Gehege findet sich immer ein schattiges Plätzchen.

Hunderte Frauen und Männer sind es laut der Zerbster Zeitung, die am Sonntag in Lindau wallfahren. Sie kommen am Marktplatz vorbei, wo die Häuser links und rechts den Blick auf den 30 Meter hohen, schlanken Kirchturm freigeben. Ein Mauerkranz schmückt sein Dach. Der askanische Bär schreitet noch längst nicht auf seinem Feldsteinsockel im Flecken. Lassen die Besucher in Richtung Lietzo und Quast die letzten Häuser hinter sich, nimmt sich der Burgturm alles andere als wuchtig aus. Sein Sanddorn ist mit Bäumen überwachsen. Ein Durchkommen gäbe es nur für Dornröschens Prinzen. Am Fuße der Burg grasen Kühe, ungestört vom Besucherandrang.

Ziel der Wallfahrer ist das Anhaltische Eisenmoorbad, das an diesem Nachmittag feierlich eröffnet wird. Es ist ein solides, kein verschnörkeltes Gebäude. Eine Freitreppe führt zum Eingang hoch, die Auffahrt ist als halber Rundbogen angelegt. An das Haus schließen sich die Badezellen hinter dem hübschen Laubengang an. Über allem thront der Schornstein des Maschinenhauses.

Seit Freitag, dem 13., ist das Anhaltische Eisenmoorbad Lindau i.A. AG in Lindau i.A. eine eingetragene Firma. Von ihren 36 Gründungsmitgliedern sind 23 Lindauer. Noch ein knappes Jahr zuvor hatte ein anonymer Brief die Runde gemacht. Die Gründung des Moorbades ziehe den Aktionären nur das Geld aus der Tasche, lautete die Warnung. Und tatsächlich, der Bau ist nichts für schwache Nerven. Im September wurde begonnen, im Oktober der Grundstein gelegt, zu Weihnachten war es "unter Dach gebracht", im Mai immerhin fertig gestellt. Geplant ist, das Eisenmoorbad nur im Sommer zu betreiben.

Max Spahrmann hält die Weiherede. Der 46-Jährige ist seit 1907 Pfarrer in Lindau. Er regte 1908 die Gründung eines gemeinnützigen Vereins zur Verschönerung des Ortsbildes an. Ihm ging es um gepflegte Straßen und Wege, um die Begrünung der kleinen Stadt. Seine Idee war es auch, untersuchen zu lassen, ob das Lindauer Moor für Heilzwecke geeignet sein könnte.

Dass sich Max Spahrmann, Sohn eines Polizeiinspektors und Ehemann der Badewitzer Bauerstochter Marie Schütze, mit diesen Fragen beschäftigt hat, ist nicht unüblich. Sich verantwortlich zu fühlen, gehörte und gehört zum Beruf eines Pfarrers.

Obwohl Max Spahrmann der Visionär hinter Lindaus Entwicklung ist, bleibt er in seiner Einschätzung realistisch: Wir "wissen, dass unser kleiner Ort kein Luxusbad wird. Eine Heilstätte für Kranke, ein Ruheplätzchen für Müde und Abgearbeitete soll unser Bad sein." Ein Ort, wo auch unbemittelten Kranken geholfen werde. Ob das Eisenmoorbad jemals den Gewinn erwirtschaften wird, den sich die Aktionäre erhoffen? Spahrmann bleibt nüchtern: "...wissen wir es doch alle nicht, ob unsere Mühe uns jemals den Lohn einbringen wird, dessen jeder Arbeiter wert ist." Der Pfarrer nimmt in seiner Weiherede das traurige Ende 84 Jahre später vorneweg: "Wird es bestehen? Gott weiß es: Es ist kein Bau für die Ewigkeit, vergänglich ist unser Werk."

Die Kapelle singt die vierte Strophe des Chorals "Lobe den Herren (der sichtbar dein Leben gesegnet)". Das Eisenmoorbad darf besichtigt werden.

Der Zeitgenosse findet es "schlicht und einfach und doch gefällig, nicht ohne architektonischen Schmuck, in seinem Stil der freundlichen Waldnatur angepasst." Ein großer Vorraum nimmt den Besucher in Empfang. Zwei Türen öffnen sich zu den Zimmern der Kranken und den Badezellen. Jede Badezelle hat einen Schwitzraum und eine eigene Dusche. Schon vor der offiziellen Eröffnung hatte es am Vormittag die ersten Behandlungen gegeben.

Ein Jahr später entsteht auf Initiative des Ziegeleibesitzers von Stednig das Kurhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auf den Briefbögen wird das Haus mit dem markanten Turm und seiner zwiebelähnlichen Haube Villa Waldfrieden genannt. Bloß kann von Frieden keine Rede sein. Der Erste Weltkrieg tobt und Lindau hat trotz des landwirtschaftlichen Umfelds Probleme, seine Kurgäste zu versorgen.

Sollte der anonyme Briefeschreiber Recht behalten? Das Eisenmoorbad sei ein tot geborenes Kind, warnte er. Die Bahnverbindung sei mangelhaft, die Reklame müsse bezahlt werden, kurzum: "Die Kurgäste werden weiterhin nach Bad Schmiedeberg fahren."

Zwar frage man sich im ersten Moment, wo Lindau eigentlich liege, aber das Moor sei besser als in Bad Schmiedeberg. "Jeder tüchtige Arzt schickt seine Patienten nach Lindau", schreibt der Kurgast selbstbewusst in einem Leserbrief an die Zerbster Zeitung. Die kleine Stadt erhebt er überzeugt zur "Perle Anhalts". Inzwischen sind die Waldschenke und das Logierhaus gebaut worden und die Patienten noch ein Stück komfortabler untergebracht. Einen Rückschlag gibt es von anderer Seite: Die Umbenennung in "Bad Lindau" wird nicht genehmigt. Trotzdem scheuen die Kurgäste keine weiten Wege. Von Wilhelm Horn aus Magdeburg bis Emma Weigelt aus Berlin reicht die Liste der Kur- und Badegäste eines Durchganges 1930. Aus Lübeck, Gernrode, Unna oder Brandenburg sind Frauen und Männer zum Kuren gekommen.

Lindau liegt an der Bahnstrecke von Berlin nach Güsten. Seit 1879 verfügt die Stadt über den Bahnanschluss. Wer mit dem Auto anreist, wird direkt vor dem Badehaus von einem Wegweiser zum Parkplatz in Empfang genommen. Das ehemals kahle Rondell ist begrünt, die Tanne in der Mitte wächst fast auf Höhe des Logierhauses. Tische und Bänke laden zum Verweilen ein. Eine Trinkwasserzapfstelle ist eingerichtet und am Lichtmast prangt der Hinweis "Badeverwaltung. Auskunft hier".

Im Eingangsbereich des Badehauses unter dem Mansardenfenster steht eine Zeit lang in klaren Buchstaben "Anhaltisches Eisenmoorbad Lindau/Anh." geschrieben. Kurgäste, die eine Postkarte versenden, schreiben, genehmigt oder nicht, natürlich aus "Bad Lindau".

Die Stadt und ihr Turn- und Sportverein kümmern sich um das 1926 eingeweihte Schwimmbad. Dass auch Nichtbadende ein Eintrittsgeld bezahlen müssen, regt die Leute auf. Dabei können sie auf dem Gelände des Schwimmbades nicht nur in dem aus elf Quellen gespeisten, heilkräftigen Wasser baden. Zu empfehlen sind auch Sonnen- und Luftbäder und die Sportanlagen des Turnvereins: Kugelstoßen, Barren, Reck, Weit- und Hochsprung.

Aber bequem sind die Leute schon damals. Der Weg soll verbreitert werden, damit auch Autos und Krafträder bis zum als Parkplatz gedachten Erlenwäldchen gut durchpassen. Immerhin: Der Stadt winkt eine neue Einnahmequelle.

Für den von Rheuma geplagten Kurgast klingelt um sechs Uhr morgens der Wecker. Er nimmt sein Badezeug und geht rüber ins Badehaus, um im Moor zu kochen. Dreißig Minuten lang. Die Bademeisterin kommt regelmäßig und tupft die Schweißperlen von der Stirn, während am Beckenrand die Sanduhr läuft. Ein Kübel Wasser trennt Mensch und Moor wieder voneinander. Mit dem angewärmten Badetuch geht es auf die Ruhebank, bevor die Masseurin streicht und knetet, drückt und klopft. Den ersten Kaffee des Tages bringt das Hausmädchen oft ans Bett.

Ein Moorbad mit Reinigungsbad kostet 4 Reichsmark, die Pensionspreise beginnen bei 3,50.

Zur Behandlung wird das Moor nicht erst in der Wanne, sondern schon vorher in großen Bottichen erwärmt. Die chemischen Bestandteile sollen so ihre Wirksamkeit noch besser entfalten. Neben Moorbädern werden auch kohlensaure Solbäder, Kohlensäurebäder, Sauerstoffbäder und Fichtennadelbäder verabreicht. Heilerfolge stellen sich bei Rheumatismus, Ischias und Frauenleiden ein.

Lindau ist 1938 ein "aufstrebender Badeort mit 1300 Einwohnern, dessen idyllische Ruhe und ländliche Stille an sich sehr günstig die Heilwirkung beeinflussen." In dem Reise- und Kurratgeber bekommt das Eisenmoorbad nur geringfügig weniger Platz eingeräumt als Bad Salzelmen, das immerhin mit einer 136-jährigen Geschichte und dem größten Gradierwerk im ganzen Land aufwarten kann.

Lesen Sie morgen Teil 2.

   

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