In Sachsen-Anhalt gibt es 400 freie Arztstellen für Hausärzte. Die Altmark, das Jerichower Land und der Salzlandkreis gelten schon jetzt als Arztmangel-Regionen. Selbst Sonderkonditionen für Mediziner haben bisher nicht die erhoffte Wirkung gezeigt.

Magdeburg l Goldbeck im Landkreis Stendal, eine Verbandsgemeinde mit fünf Orten und rund 1500 Einwohnern, hatte über 110 Jahre immer einen Arzt im Ort. Seit Juni dieses Jahres ist das nicht mehr so. Horst Engel hat nach 42 Jahren seine Praxis dichtgemacht, mit 73 war Schluss.

Sehr zum Bedauern seiner zuletzt noch 300 Patienten, die auch aus den umliegenden Orten kamen. Bürgermeister Torsten Dobberkau will sich mit dem arztlosen Zustand in seiner Gemeinde nicht abfinden. "Ich habe bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt nachgefragt, aber Unterstützung habe ich nicht bekommen." Jetzt schöpft er Hoffnung aus dem Versorgungsstrukturgesetz, das künftig in unterversorgten Regionen Sonderkonditionen wie etwa ein höheres Honorar für niedergelassene Mediziner beziehungsweise die Aufhebung der Residenzpflicht, also der Pflicht, auch am Wohnort zu praktizieren, ermöglicht. "Vielleicht kommt doch noch ein Arzt nach Goldbeck", hofft der Bürgermeister und rechnet vor, dass im weiteren Umkreis bis zu 4000 Leute leben. "Das Wartezimmer wird voll", bezieht sich Dobberkau auf den Hinweis, dass mit nur 300 Patienten eine Praxis nicht zu betreiben ist. Und er kann nicht verstehen, dass es andererseits in der Bundeshauptstadt arbeitslose Ärzte geben soll. "Die können doch hierher kommen."

Die einstigen Patienten von Horst Engel müssen jetzt ins sechs Kilometer entfernte Werben oder ins 18 Kilometer entfernte Iden fahren. Wer kein Auto hat, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Zug nach Osterburg oder Stendal zu nehmen.

Im knapp 3000 Einwohner zählenden Städtchen Wegeleben (Landkreis Harz) sucht Bürgermeister Hans-Jürgen Zimmer (CDU) bereits seit knapp zwei Jahren händeringend nach einem Allgemeinmediziner - bislang erfolglos. "Wir haben noch eine weitere Hausärztin im Ort, aber sie kann keine Patienten mehr annehmen", berichtet Zimmer. Im März 2010 sei der andere Hausarzt in Rente gegangen. Die im Schnitt 50 Jahre alten Patienten müssen seitdem ins zehn Kilometer entfernte Halberstadt fahren. Bereits mehrere Interessenten haben sich umgesehen - aber geblieben ist keiner. "Dabei können wir eine gute Infrastruktur mit Apotheke, Sparkasse, Baumarkt, zwei Supermärkten, zwei Zahnärzten und einem guten Anschluss an den ÖPNV bieten", ist Zimmer optimistisch. Eine Prämie oder gar Mietfreiheit für eine neue Praxis könne er angesichts knapper Kassen aber nicht bieten.

"Aber ich will nicht aus der Praxis getragen werden."

Goldbeck und Wegeleben sind nur zwei Beispiele für den Hausarztmangel. Einige der Goldbecker Patienten sind zu dem Allgemeinmediziner Klaus Pick nach Iden gewechselt. Der 69-Jährige betreibt mit seiner Tochter seit 13 Jahren die Gemeinschaftspraxis in dem Wischedorf, das zur Verbandsgemeinde Arneburg-Goldbeck gehört. Ans Aufhören denkt er vorerst nicht, erklärte er. Die 70 will er erst einmal vollmachen und dann weitersehen. "Aber ich will nicht aus der Praxis getragen werden." Am liebsten wäre es ihm, wenn sich ein Nachfolger fände. Denn die rund 2000 Patienten im Quartal zu betreuen, das könne seine Tochter nicht allein. "Wir haben uns bei Kassenärztlicher Vereinigung und Ärztekammer bemüht, aber ohne Erfolg." So habe es auch sein Kollege Engel aus Goldbeck versucht. Einmal sei ein Bewerber aus Bayern gekommen, von dem habe man aber nie wieder etwas gehört. "Die fragen nach der Zahl der Scheine, rechnen sich nach Abzug der Praxiskosten den Verdienst aus und winken dann ab, wenn sie hören, wie viel es zu tun gibt. Landarzt zu sein, dafür muss man geboren sein." Und zugleich schimpft der Idener Arzt auf die Politik, die jungen Ärzten, die sich in unterversorgten Regionen niederlassen wollen, höhere Honorare in Aussicht stellt. "Für uns Alte soll es nichts geben."

Der Arztmangel hat Folgen - sowohl für Patienten als auch die Mediziner selbst. Überfüllte Wartezimmer, lange Wartezeiten auf einen Termin, nicht nur beim Hausarzt, auch beim Augenarzt oder Kardiologen. Einige Ärzte versuchen dabei noch Kasse zu machen - und bieten die Komfortsprechstunde an, in der sie auch Kassenpatienten gegen Barzahlung zum Privattarif zeitnah behandeln. Und es gibt auch einige wenige Ärzte, die aus dem System der Kassenärzte aussteigen, ihre Zulassung zurückgeben und ausschließlich zum Privattarif arbeiten, wie beispielsweise zwei Augenärzte in Aschersleben (Salzlandkreis). Und selbst einen Nachfolger für die Praxis zu finden, gelingt nicht mehr jedem Arzt, der sich zur Ruhe setzen will. Noch vor Jahren galt eine eigene Praxis als Ruhepolster fürs Alter. Weil es nicht genügend Nachfolger gibt, sinken die Erlöse aus dem Verkauf. Nur etwa zwei von drei Praxen können derzeit wiederbesetzt werden.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Sachsen-Anhalt, die für die Sicherstellung einer wohnortnahen ambulanten medizinischen Versorgung verantwortlich ist, gibt es zwischen Arendsee und Zeitz rund 1400 niedergelassene Hausärzte und 400 freie Stellen - im Gegensatz zu anderen Facharztgruppen im ambulanten Bereich besteht für Hausärzte in keinem der elf Landkreise und den drei kreisfreien Städten eine Zulassungsbeschränkung - weil der Versorgungsgrad unter 110 Prozent liegt. Wer sich in Sachsen-Anhalt als Hausarzt in eigener Praxis niederlassen will, kann sofort anfangen. Ganz im Gegensatz zu anderen Regionen in Deutschland - wie etwa am Starnberger See in Bayern, wo es ein Überangebot an Ärzten gibt.

Das Verfahren zur Planung von Arztsitzen, in Bürokratiedeutsch Bedarfsplanung, ist nicht unumstritten. Kritiker, allen voran die AOK, monieren, die Bedarfsplanung zeige ihre Schwächen in einer Fehlverteilung von Ärzten mit Regionen einer hohen Arztdichte und Regionen, in denen es an Medizinern fehlt. Die AOK plädiert deshalb auch für eine neue Bedarfsplanung - für sogenannte Versorgungsstufen. Dabei sollten Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten im Nahbereich (10 Kilometer) für die Patienten erreichbar sein, Augen- und Frauenärzte im 25-30-Kilometer-Umkreis und alle weiteren Fachärzte im mittleren bis weiteren Umfeld.

Derzeit wird der Bedarf an ambulant tätigen Ärzten über Versorgungsgrade in 322 Planungsbereichen ermittelt, indem die Gesamtzahl der Ärzte für jeweils 14 Arztgruppen (vom Internisten bis zum Urologen) ins Verhältnis zur Einwohnerzahl gesetzt wird. Die Bevölkerungszahlen aus dem Jahr 1990 dienen dabei als Vergleichsgrundlage eines optimalen Arzt-Einwohner-Verhältnisses. Als überversorgt gilt ein Planungsbereich, wenn der allgemeine Versorgungsgrad in einer Arztgruppe um zehn Prozent überschritten wird, als unterversorgt, wenn der Grad der hausärztlichen Versorgung 75 Prozent, bei Fachärzten 50 Prozent unterschreitet.

"Die Lage ist teilweise jetzt schon problematisch."

Seit vergangenem Jahr wird in der Bedarfsplanung auch ein Demografiefaktor berücksichtigt, konkret der Anteil von über 60-Jährigen, die gewöhnlich mehr medizinische Leistungen in Anspruch nehmen. Die Lücke fehlender Ärzte wird damit noch größer. So war nach alter Planung im Altkreis Schönebeck die Augenarzt-Versorgung ausreichend, nach neuer, also unter Einbeziehung des steigenden medizinischen Bedarfs älterer Menschen, fehlt dort ein Augenarzt. In Magdeburg wäre die Hausarzt-Versorgung ohne Demografie-Faktor ausreichend, mit fehlen zwölf Mediziner. "Für die Patienten hat sich allerdings nichts geändert", so Burkhard John, Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt. "Mehr Ärzte gibt es durch die Änderung der Bedarfsrichtlinie dennoch nicht. Die Lage ist teilweise jetzt schon problematisch und sie wird sich noch verschärfen."

Das Dilemma fehlender Mediziner könnte, so die KV, auch eine geänderte Bedarfsplanung nicht lösen. Sie wird sich eher noch verschärfen, wenn denn die Maßnahmen gegen den Ärztemangel keine Wirkung zeigen. Das Durchschnittsalter der Hausärzte liegt bei 53 Jahren, jeder zweite ist über 50 Jahre. Zwölf Prozent sind auch noch im Rentenalter aktiv. Die Altersbeschränkung für Ärzte ist inzwischen aufgehoben. Wenn diese 183 Frauen und Männer sofort ihre Praxiszulassung zurückgäben, wäre die Versorgung noch problematischer.

Dabei wird schon einiges von der KV getan: angefangen von der Förderung des Nachwuchses über die Einrichtung von Stiftungsprofessuren für Allgemeinmedizin an den Universitäten Halle und Magdeburg; Stipendien für Studenten, die sich im Gegenzug verpflichten, drei Jahre als Hausarzt auf dem Lande zu arbeiten; die Unterstützung des nahtlosen Weiterbildungsablaufs zum Allgemeinmediziner nach dem Studium; Praxisbörsen zur Vermittlung zwischen Ärzten, die zum Ruhestand ihre Praxis verkaufen möchten, und niederlassungsinteressierten Medizinern, Verbesserungen im ärztlichen Bereitschaftsdienst, Mindestumsatzgarantien, arztentlastende Tätigkeiten durch Praxisassistenten (Schwester Agnes) bis zur bereits erfolgten Gründung von Filialpraxen in Regie der KV.

Zum 1. Januar legen Kassen und KV noch einmal nach: Die Gründung und Fortführung von Hausarzt-Praxen in unterversorgten und drohend unversorgten Regionen (siehe Karte) sowie von Augenarztpraxen in Aschersleben, Zerbst und in Stadtteilen von Magdeburg wird mit bis zu 60000 Euro unterstützt, die dauerhafte Anstellung von Ärzten mit bis zu 10000 Euro.

Ob der Nachhaltigkeit ist man bei der KV verhalten optimistisch. "Wenn wir es schaffen, den Trend sanft zu stoppen, haben wir viel erreicht", sagt John. Von den 50 Stipendien beispielsweise wurden innerhalb des letzten Jahres nur 20 vergeben. Selbst ein Maximalbetrag von monatlich 700 Euro motiviert junge Medizinstudenten nicht, mindestens für drei Jahre in einer unterversorgten Region zu arbeiten.

Dabei scheint die Strategie, vor allem bei Medizin-Studenten anzusetzen, so falsch nicht zu sein. Laut Bertelsmann-Stiftung (Gütersloh) istArztmangel ein Problem vieler Industriestaaten. So wird beispielsweise in Frankreich ähnlich gehandelt - mit Vergütungszuschlägen in unterversorgten Regionen, Steuererleichterungen, Studien- und Wohnkostenzuschüssen für Studenten und Absolventen und Zuverdienstmöglichkeiten für Ärzte im Rentenalter.

Offensichtlich spielt auch die Balance zwischen Berufs- und Privatleben bei der Entscheidung für oder gegen eine Niederlassung auf dem Lande eine Rolle. Nach einer Studie der Berliner Charité-Universitätsmedizin, bei der rund 1600 junge Mediziner befragt worden sind, ist das Einkommen ein Faktor unter vielen. Neben einem sicheren Arbeitsplatz im Angestelltenverhältnis ist den angehenden Medizinern vor allem die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben und die Möglichkeit zur freien Zeiteinteilung wichtig. In einer unterversorgten Region zu arbeiten, konnte sich nur jeder Dritte vorstellen. Fast jeder Zweite sagt schon während des Studiums "Nein".