Vor elf Jahren wurde der schnelle Regionalexpress Halle-Harz-Hannover gefeiert. Jetzt ist sein Ende beschlossen. Den Niedersachsen ist er zu kostspielig und unkomfortabel.

Magdeburg/Hannover l Fast zwei Jahre lang hatten die sachsen-anhaltischen Verkehrsplaner versucht, ihre niedersächsischen Kollegen umzustimmen: Mit Gesprächen, Zugeständnissen und Gutachten. Vergebens. Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2014 schiebt die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) den Harz-Express aufs Abstellgleis.

Die schnellen Dieseltriebwagen seien "wegen ihres hohen Energieverbrauches unwirtschaftlich und bei Fahrgästen vor allem wegen ihrer Enge, Geräuschkulisse und fehlenden Barrierefreiheit unbeliebt", erklärte ein LNVG-Sprecher zur Begründung.

Aus Sachsen-Anhalts Verkehrsministerium hieß es dagegen, Minister Thomas Webel (CDU) sehe den Schritt "sehr kritisch". Die Niedersachsen hätten "etliche Zusagen nicht eingehalten" und ein Entgegenkommen Sachsen-Anhalts "immer wieder dazu genutzt, um neue Hürden aufzubauen".

Mit dem Aus für den Expresszug auf niedersächsischer Seite kommt zugleich das Ende der Direktverbindung Halle-Harz-Hannover. Reisende müssen dann in Goslar umsteigen, Fachleute sprechen von einer "Brechung" der Linie. Zwischen Goslar und Halle fährt der Zug noch ein weiteres Jahr, wird aber dann wohl mit dem Ende des sachsen-anhaltischen Verkehrsvertrages ebenfalls ausgemustert.

Der bis zu 160 km/h schnelle Express war einst als Prestigeprojekt zur Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover geplant. Mit Hilfe der computergesteuerten Neigetechnik (NT) kann sich der Zug in die Kurven "legen", diese bis zu 40 km/h schneller als herkömmliche Züge durchfahren und so kürzere Reisezeiten erreichen. Bei ihrer Eröffnung wurde die Linie im Harz gefeiert - weil sie im Zweistundentakt die Tourismusregion mit zwei Großstädten verband und als Beitrag zur Einheit Deutschlands auf der Schiene angesehen wurde.

Um die Fahrtzeit auf der 245 Kilometer langen Verbindung weiter zu senken, investierten Bund und Deutsche Bahn später Millionenbeträge, bauten die Strecke für Neigetechnikzüge um: Kurven wurden wie bei Rennstrecken überhöht, Bahnsteige angehoben und in Gleiskurven gelegene Bahnübergänge angepasst. Bis zu 100 000 Euro pro Streckenkilometer kosteten die Arbeiten. Allerdings zeigte sich die Neigetechnik so störanfällig, dass der Kippmechanismus mehrfach monatelang abgeschaltet werden musste - der Zeitgewinn war dahin.

Die meisten Länder-Verkehrsministerien sehen die Technik heute skeptisch und verzichten auf sie bei neuen Verkehrsverträgen. Die Deutsche Bahn rechnet damit, 2020 bundesweit die letzten der von Eisenbahnern als "Wackeldackel" verspotteten Züge auszumustern. Ein Nachfolgemodell gibt es nicht.

Zwischen Halle und Hannover rollen bereits ab 2015 nur noch konventionelle Triebwagen. Damit wären die Investitionen in den Neigetechnik-Umbau der Strecke überflüssig. Sachsen-Anhalts Verkehrsministerium möchte den Eindruck entkräften, Millionenbeträge seien vergeudet worden. Ein Sprecher erklärte, ein "erheblicher Teil" der Gelder sei in die allgemeine Streckensanierung und den Umbau der Stationen sowie in Sicherungstechnik geflossen. "Daher wird auch künftig ein Großteil der Investitionen voll nutzbar sein." Zurzeit arbeitet man an einem Fahrplankonzept für die Zeit nach dem Harz-Express.

Niedersachsens Verkehrsplaner versicherten hingegen, mit dem geplanten Umstieg in Goslar gelange man künftig sogar stündlich nach Hannover sowie obendrein bequemer in Richtung Göttingen und Süddeutschland.

Im Harz mag man sich damit nicht zufrieden geben. Wernigerodes Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) kritisierte, durch die Kappung des Direktzuges "erleidet die gerade mühevoll im Zusammenwachsen begriffene Harzregion einen herben Rückschlag". Er befürchtet negative Auswirkungen auf die Tourismusentwicklung, wenn Besucher aus Westdeutschland nur mit Umstieg in Goslar anreisen können. Er forderte Verkehrsminister Webel auf, sich für einen Erhalt der Verbindung einzusetzen.

Ein Ministeriumssprecher machte dem gestern wenig Hoffnung und erklärte: "Es hat bereits umfangreiche Debatten zwischen den Ministerien gegeben. Ein weiterer politischer Anlauf wird nicht als sinnvoll angesehen, da die zur Brechung dieser Linie führende Ausschreibung auf niedersächsischer Seite bereits läuft."

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