Drama um Kind in Italien Die verzweifelte Hoffnung auf noch ein Herz
Nach einer misslungenen Transplantation wartet ein Zweijähriger in Neapel dringend auf ein Ersatzorgan. Gesucht wird in ganz Europa. Am Nachmittag bekommen die Eltern jedoch noch eine Hiobsbotschaft.

Neapel - Auf der Intensivstation des Ospedale Vincenzo Monaldi in Neapel liegt seit kurz vor Weihnachten ein kleiner Junge, noch keine zweieinhalb Jahre alt. Das Krankenhaus trägt den Namen von Italiens erstem Gesundheitsminister. Wie der kleine Junge heißt, weiß man nicht genau. Meist wird er von den Zeitungen Domenico genannt, manchmal auch Francesco oder Tommasino.
Was man weiß: Der Knirps mit einem schweren Herzfehler seit Geburt wird nur noch von einer ECMO-Maschine (Extrakorporale Membranoxygenierung) am Leben gehalten, eine Art künstliche Lunge und Herz. Beim Versuch, ihm ein Spenderherz einzupflanzen, wurde offensichtlich ein furchtbarer Fehler gemacht. Jetzt liegt er seit bald 60 Tagen im Koma. Die Ärzte beschreiben seinen Zustand als „sehr kritisch“.
Auch die Ministerpräsidentin schaltet sich ein
Das Schicksal des Jungen bewegt inzwischen die gesamte Nation, bis hinauf in die Regierung. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni rief die Mutter an, um größtmögliche Unterstützung zuzusichern. In ganz Europa wird nun dringend nach einem neuen Spenderherz gesucht. Viel Zeit bleibt wohl nicht. Auch die Einflussmöglichkeiten von Regierungen sind in solchen Fällen begrenzt.
Dabei hatte es vor Weihnachten noch so ausgesehen, als ob das Drama ein glückliches Ende nehmen könnte. Am 22. Dezember, nach vielen Monaten des Wartens schon, kam die Nachricht, dass ein Herz gefunden sei. In Südtirol war ein anderer Junge, vier Jahre alt, gleiche Blutgruppe, in einem Schwimmbad ertrunken.
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sechs Verdächtige
Daraufhin machte sich ein Team auf den Weg ins 800 Kilometer entfernte Bozen, um das Ersatzorgan abzuholen. Auf dem Flug zurück kam es zu dem schwerwiegenden Fehler: Das Spenderherz wurde nach allen bisherigen Erkenntnissen nicht wie üblich in herkömmlichem Eis transportiert, sondern kam mit deutlich kälterem Trockeneis in Kontakt: etwa 80 Grad minus statt vier Grad plus. Dadurch sei es „buchstäblich erfroren“, heißt es.
Das schwer beschädigte Organ wurde trotzdem transplantiert: Die Ärzte in Neapel hatten dem Jungen das eigene Herz schon entnommen. Weil er so jedoch nicht überlebensfähig war, wurde er an die Maschine gehängt. Den Eltern sagte man, dass die Transplantation misslungen sei - mehr nicht. „Wir haben alles erst aus den Zeitungen erfahren“, klagt die Mutter, Patrizia Mercolino. Inzwischen wird gegen sechs Ärzte und Sanitäter ermittelt. Die Kühlbox wurde von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt.
Mutter: „Ich gebe nicht auf“
Patrizia Mercolino ist im italienischen Fernsehen jetzt täglich zu sehen. Den Namen ihres Sohnes will die Mutter nicht verraten. Sie nennt ihn „kleinen Krieger“. Zum Valentinstag brachte sie einen riesigen Plüschbären in die Klinik. Mit Vorwürfen gegen die behandelnden Ärzte hält sie sich zurück. In ihren Interviews beteuert sie immer wieder: „Ich gebe nicht auf. Ich verliere auch nicht die Hoffnung.“ In ihrer Not bat sie sogar Papst Leo XIV. um Hilfe.
Die Ärzte waren sich die letzten Tage uneins, ob der Junge gerettet werden kann. Das renommierte Vatikan-Kinderkrankenhaus Bambino Gesù in Rom kam zu der Diagnose, dass er wegen des sehr hohen Risikos eines Multiorganversagens „nicht mehr transplantierbar“ sei. Bei längerer ECMO-Behandlung können schwere Infektionen sowie Schäden an Lunge, Leber und Nieren auftreten. Manche Ärzte halten 60 Tage für die Obergrenze.
Allein in Deutschland warten 1.100 Menschen auf ein Herz
Die Monaldi-Klinik hingegen meinte bislang, eine nochmalige Transplantation sei möglich - falls rechtzeitig ein neues Kinderherz gefunden wird. Das Herz eines Erwachsenen wäre zu groß. Am Dienstagabend kam vorübergehend neue Hoffnung auf, weil irgendwo in Italien ist ein drei Jahre alter Junge an Leukämie gestorben war. Die Eltern stellen sein Herz auch für eine Transplantation zur Verfügung. Dann wurde jedoch bekannt, dass er eine andere Blutgruppe hatte.
Am Nachmittag kam dann die nächste Hiobsnachricht - eine, die viele schon befürchtet hatten. Nach einem Besuch am Krankenbett gab ein Gremium aus Herz-Chirurgen vier verschiedener italienischer Kliniken bekannt, dass eine nochmalige Operation des kleinen Jungen aus medizinischer Sicht keinen Sinn mehr habe.
In einer knappen Mitteilung hieß es: „Auf der Grundlage der letzten Untersuchungen wird festgestellt, dass der Zustand des Kindes nicht mit einer neuen Transplantation vereinbart ist.“ Dann folgte noch der Satz, die Eltern seien in diesem so schwierigen Moment umgehend informiert worden.