Vorwürfe gegen Regierungschef MP gegen Uni: Warum Mario Voigt um seinen Doktortitel kämpft
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt will den Entzug seines Doktortitels nicht hinnehmen. Seine Koalitionspartner stellen sich hinter ihn. Kann ihm die Sache trotzdem gefährlich werden?

Erfurt - Nach der Entscheidung der Technischen Universität Chemnitz, Thüringens Regierungschef Mario Voigt die Doktorwürde zu entziehen, signalisiert seine Brombeer-Koalition Geschlossenheit. Die Reputation des Ministerpräsidenten, der von einer privaten Hochschule in Berlin auch als Professor geführt wird, wirkt zunächst angeknackst.
Auch die TU Chemnitz sieht sich Vorwürfen ausgesetzt. Änderte sie bei der Überprüfung von Voigts Dissertation mitten im Verfahren die Spielregeln? Das wirft ihr der CDU-Politiker vor und wehrt sich gegen die Entscheidung vor Gericht. Derweil schlachtet die oppositionelle AfD das Thema in sozialen Medien aus. Droht politisch in Thüringen wieder Chaos? Ein Überblick:
Wie kam es zum Entzug des Doktortitels von Mario Voigt?
Die ersten Vorwürfe wurden in der heißesten Phase des Landtagswahlkampfes 2024 öffentlich: Der als Plagiatsjäger bekannte österreichische Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber hatte im August 2024 die TU Chemnitz via E-Mail über Mängel in Voigts Dissertation von 2008 über einen Präsidentschaftswahlkampf in den USA informiert – nur wenige Wochen vor der Landtagswahl. Voigts CDU witterte eine Schmutzkampagne gegen ihren Spitzenkandidaten. Die TU Chemnitz ließ sich fast eineinhalb Jahre Zeit für die Überprüfung, eine einstimmige Entscheidung fiel laut TU am Mittwoch.
Weber durchforstete schon mehrfach wissenschaftliche Arbeiten und Bücher von bekannten Persönlichkeiten. In einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ sagte Weber auf die Frage, ob es Auftraggeber für die Recherche in Voigts Dissertation gab: „Dazu kann und werde ich nichts sagen. Als konzessionierter Berufsdetektiv verbietet mir das die Gewerbeordnung.“
Warum hält Voigt die Vorwürfe weiterhin für falsch?
Der 48-Jährige argumentiert, dass der wissenschaftliche Kern seiner Arbeit von den Vorwürfen nicht betroffen sei und stützt sich auf ein externes Gutachten, das die TU Chemnitz in Auftrag gegeben hat. Voigts Anwälte schreiben, der Gutachter komme zu der Gesamtbewertung, dass die Doktorarbeit eine selbstständige wissenschaftliche Leistung zeige und den Ansprüchen genüge. „Umfang und Qualität der Verfehlungen sind nicht bedeutend genug, um den akademischen Grad zu entziehen“, zitieren sie aus dem Gutachten, das den Angaben zufolge im Februar 2025 vorgelegt wurde.
Voigt und seine Anwälte kritisieren, dass im März 2025 plötzlich neue Bewertungskriterien zum Umgang mit Plagiatsvorwürfen festgelegt und bei Voigts Arbeit angewendet worden seien. „Es widerspricht elementaren rechtsstaatlichen Grundsätzen, Bewertungsmaßstäbe zu verändern, wenn das Verfahren bereits läuft und das Gutachten abgeschlossen ist“, schreiben die Anwälte des Politikers. Die TU Chemnitz hingegen teilt mit, dass das externe Gutachten in die Abwägung einbezogen wurde, es könne aber „nicht alleinige Grundlage der Entscheidung sein“.
Darf Mario Voigt seinen Doktortitel weiter führen?
Vorerst ja. „Bis zum Vorliegen einer Bestands- oder Rechtskraft darf der Doktorgrad weiterhin geführt werden“, schreibt die TU Chemnitz. Voigt will die Entscheidung der Hochschule von einem Verwaltungsgericht überprüfen lassen, aber auf das Führen seiner akademischen Titel vorerst freiwillig verzichten – aus Respekt vor dem Verfahren, wie er sagte.
Welche Bedeutung hat die Entscheidung für Voigt und die Koalition?
Voigts CDU und seine Koalitionspartner in Thüringen, BSW und SPD, stellten sich in einer ersten Reaktion hinter den Ministerpräsidenten. „Eine plagiierte Doktorarbeit von Ministerpräsident und Professor Voigt wäre nicht hinnehmbar!“, teilte BSW-Bundesvorsitzender Fabio de Masi mit.
Für Voigt persönlich dürfte es auch um seine Reputation gehen. Die private Quadriga Hochschule in Berlin teilte mit, dass Voigt als Professor seit Übernahme des Regierungsamts beurlaubt sei. „Während seiner Tätigkeit an der Hochschule war er ein von den Studierenden geschätzter und bestens bewerteter Hochschullehrer“, teilte die Hochschule mit. Er habe mit der Hochschule abgestimmt, dass er seine Titel vorerst nicht trägt. „In den Medien der Hochschule wird dies entsprechend angepasst.“
Seit Bekanntwerden der ersten Vorwürfe im Jahr 2024 wird er in sozialen Medien in Kommentaren immer wieder damit konfrontiert. Die AfD schaltete noch am Mittwoch bei dem Thema auf Angriff. Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke forderte Voigts Rücktritt.
Wann gibt es eine Entscheidung des Gerichts?
Bis zu einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts könnten Monate vergehen. Sollte die Einschätzung der Uni Bestand haben, ist nicht unwahrscheinlich, dass Voigt das Thema auch im nächsten Landtagswahlkampf begleiten wird. Der steht 2029 an, spätestens.