Touristenmagnet im Stadtpark Riesenechsen im Großstadtdschungel: Bangkoks Bindenwarane
Mitten in Bangkok begegnen Jogger und Urlauber echten Riesenechsen – hautnah. Der Versuch, die Tiere umzusiedeln, ging vor zehn Jahren schief. Was Besucher über die Großstadt-Godzillas wissen sollten.

Bangkok - Bangkok, neun Uhr morgens. Langsam legt sich die Tropenhitze wie ein feuchtes Handtuch über Thailands Hauptstadt. Die letzten verschwitzten Jogger und Tai-Chi-Fans verlassen gerade den Lumphini-Park - so etwas wie die grüne Lunge der Millionenmetropole. Da durchschneidet plötzlich der Schrei eines Touristen das Idyll. Mit angstgeweiteten Augen starrt er auf eine Kreatur, die aussieht, als sei sie direkt der Urzeit entstiegen.
Und das ist sie gewissermaßen auch: Ein zwei Meter langer Bindenwaran tapst bedächtig über den Asphalt und lässt immer wieder seine gespaltene, dunkle Zunge hervorschnellen.
Unbeeindruckt vom Schrecken des chinesischen Urlaubers marschiert er auf einen See zu, der mit gelben Tretbooten gesprenkelt ist - und gleitet geschmeidig ins Wasser. Sofort treten Touristen in die Pedale und nähern sich neugierig, während das Tier elegant mit seinem seitlich abgeflachten Schwanz durchs trübe Grün rudert.
Reich gedeckter Tisch
Warane bevölkern schon seit vielen Millionen Jahren den Planeten. In Bangkoks Kanälen, den Khlongs, leben Schätzungen zufolge Tausende Exemplare der Spezies Varanus salvator – allein im Lumphini-Park dürften es Hunderte sein.
„Die Bestandsdichte rund um Bangkok ist deutlich höher als in natürlichen Lebensräumen“, erläutert der Reptilienexperte Michael Cota von Thailands National Science Museum. Das liege am großen Nahrungsangebot. „Besonders im Lumphini-Park werden Fische regelmäßig von Besuchern gefüttert, was zu einer Überpopulation führt – und damit zu einem reich gedeckten Tisch für die Warane“, sagt der Deutsch-Amerikaner, der sich auch in der Fachgruppe für Warane der Artenschutzkommission (SSC) engagiert.
Als Fleisch- und Aasfresser scheinen sie sich augenscheinlich auch zwischen Zivilisationsmüll pudelwohl zu fühlen - und stöbern frühmorgens zwischen Plastikflaschen nach essbaren Abfällen.
Plan zur Umsiedlung misslingt
Vor zehn Jahren zogen die Behörden wegen der übergroßen Population Konsequenzen: 2016 beschlossen sie, einen Teil der Warane aus dem Park in ein Reservat außerhalb der Stadt umzusiedeln. Jogger und Radfahrer hatten sich wiederholt beschwert, weil die Echsen unvermittelt den Weg kreuzten. Die Maßnahme machte auch international Schlagzeilen - denn die harmlosen Warane sind längst eine Attraktion.
Die Aktion ging jedoch nach hinten los: Die Umsiedlung sei nicht mit Fachleuten abgestimmt worden, die sich mit Bindenwaranen auskennen, sagt Cota. „Die Fangmaßnahmen fanden erst statt, nachdem die Tiere bereits ihre Eier abgelegt hatten.“ Zudem seien vor allem die größten Exemplare entfernt worden. „Da größere Warane kleinere Artgenossen fressen, hatten die Jungtiere plötzlich deutlich weniger natürliche Feinde.“ Die Folge: Der Park ist heute wieder fest in schuppiger Hand.
Bindenwaran versus Komodowaran
Die meisten internationalen Touristen sind fasziniert von den Tieren - wegen ihrer Größe, vor allem aber, weil man ihnen so nah kommt. Nur manchmal gibt es Schrecksekunden, wenn Besucher etwa im Gras sitzen und plötzlich eine der semiaquatischen Urzeitechsen vorbeikriecht. Nicht zu verwechseln sind sie mit den größten Echsen der Welt in Indonesien: Komodowarane sind durch giftigen Speichel, enorme Beißkraft und scharfe Krallen für Menschen potenziell lebensgefährlich.
Auch ohne tödlichen Biss haben aber auch die Bangkoker Kollegen Kinoformat: „Sie sehen irgendwie aus wie kleine Godzillas“, schwärmt die Berlinerin Annika, die regelmäßig in Thailand Urlaub macht. Die Warane bewegten sich wie in Zeitlupe, das habe etwas Majestätisches an sich, sagt die 43-Jährige. „Wenn sie dann doch plötzlich ins Wasser schnellen, merkt man erst, was für eine enorme Kraft in ihnen steckt.“
Selfies ja - Berührung nein
In Thailand-Foren diskutieren Nutzer aus aller Welt derweil praktische Fragen: Wann und wo sieht man sie am besten? Antwort: morgens - aber eigentlich jederzeit, besonders an den Brücken über die Kanäle. Sind sie denn gar nicht gefährlich? Im Grunde nicht - Menschen sind keine Beute. Wenn man sie in Ruhe lässt, lassen sie einen auch in Ruhe. Die Tiere haben aber scharfe Krallen und sollten respektiert werden.
„Wenn ein Waran sich aufrichtet oder seinen Kehlsack aufbläht, fühlt er sich bedroht und warnt“, sagt Cota. Man könne sie zwar mitunter aus nächster Nähe fotografieren – berühren sollte man sie jedoch keinesfalls.
Können die Echsen zählen?
Der Experte ergänzt: „Bindenwarane zählen zu den intelligentesten Reptilien überhaupt; es gibt dokumentierte Hinweise darauf, dass sie zählen können und mentale Karten ihres Reviers erstellen.“ Bangkok sei einer der wenigen Orte weltweit, an denen man sie aus solcher Nähe beobachten könne. In der Wildnis Thailands seien sie dagegen scheu und nur schwer zu entdecken.
Im Forum „Thailand Travel Advice“ bringt es ein Nutzer so auf den Punkt: „Ihnen zuzusehen wirkt auf seltsame Weise beruhigend: Keine Hast, keine Angst – nur eine Überlebenskunst, die über Millionen von Jahren perfektioniert wurde.“ Die Riesenechsen sind eben weder Schreckgespenster noch Streichelzoo - sondern unverwüstliche Mitbewohner im Großstadtdschungel.