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  7. Phlegräische Felder: Droht beim Ausbruch des Supervulkans bei Neapel ein Tsunami?

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Forscher in Sorge Supervulkan bei Neapel: Ausbruch könnte Folgen für ganz Europa haben

Die Region um Neapel ist auf einem sogenannten "Supervulkan" rund um den Vesuv gebaut - und dieser droht auszubrechen. Ein Szenario, das weitreichende Folgen für Europas Klima haben könnte.

Von Tim Müller Aktualisiert: 15.04.2024, 17:09
Die Region um den Vesuv ist dicht besiedelt. Sämtliche Städte wurden auf den sogenannten Phlegräischen Feldern gebaut. Forscher schlagen wegen der hohen Vulkanaktivität Alarm. Ein Ausbruch scheint nur eine Frage der Zeit.
Die Region um den Vesuv ist dicht besiedelt. Sämtliche Städte wurden auf den sogenannten Phlegräischen Feldern gebaut. Forscher schlagen wegen der hohen Vulkanaktivität Alarm. Ein Ausbruch scheint nur eine Frage der Zeit. Foto: Imago-Images/Bridgeman Images

Neapel/DUR. Im Jahr 79 n.Chr. ließ der Vesuv die römische Stadt Pompeji untergehen und legte diese in Schutt und Asche. Eine Geschichte, die wahrscheinlich jeder Italiener und Geschichtsinteressierte kennt. Aus diesem Grund war der Schrecken groß, als vor einigen Wochen ein Erdbeben der Stärke 3 direkt am Berg die Menschen der umliegenden Städte überraschte

Doch nun gab es ein Erdbeben der Stärke 3,7, welche den Menschen der Region noch größere Sorgen bereitet. Alleine in der Bucht von Pozzuoli wurden zuletzt an einem Tag 60 kleinere Erdbeben gemessen. Droht eine Katastrophe?

Phelgräischen Felder: Fast halbe Million Menschen lebt in der Gefahrenzone des Supervulkans

Knapp 20 Kilometer westlich vom Vesuv liegen die sogenannten Phlegräischen Felder (Ital.: Campi Flegrei). Die Vulkanaktivität in dem Gebiet ist so groß, dass dieser Bereich sogar als "Supervulkan" eingestuft wird. Und dieser bereitet Forschern große Sorgen.

Rund 460.000 Menschen leben in der roten Gefahrenzone rund um den Krater, die bei einem Ausbruch direkt bedroht wäre. Zusätzlich müssten durch die bei einem Ausbruch entstehende Aschewolke Millionen Mensch aus den umliegenden Städten evakuiert werden.

Ausbruch von Supervulkan eine Frage der Zeit

Giuseppe Matrolorenzo ist Experte für Vulkane am italienischen Vulkan-Institut. Laut ihm kann das Brodeln und Beben ein Anzeichen für eine bevorstehende Mega-Eruption sein.  Im Gespräch mit der „Augsburger Allgemeine“ sagte der Vulkanexperte, dass die bevorstehende Eruption heftiger werden könnte als die Vesuv-Katastrophe von Pompeji. 

Die letzte Eruption der Phlegräischen Felder wird auf das Jahr 1538 datiert, doch in den vergangenen 70 Jahren war der Vulkan immer wieder ein Unruheherd. In diesem Zeitraum fanden laut Fachleuten zehntausende kleine Erdbeben in der Region statt.

Supervulkan könnte ganze Region zerstören

Sogenannte pyroklastische Ströme bilden für die Bevölkerung eine große Gefahr. Dabei handelt es sich um glutheiße Lava, welche kurz nach einem Austritt auf die umliegenden Gebiete niederregnet. Bei einem bevorstehenden Ausbruch müsste deswegen die Bevölkerung evakuiert werden. Die Eruption des Vulkans könnte sogar so stark sein, dass die gesamte Region um Neapel zerstört werden würde.

Die bei einem Ausbruch freigesetzte Aschewolke wäre gewaltig. Sie würde über mehrere Hundert Kilometer hinweg wandern und es sogar bis über die Alpen zu uns schaffen. Dies würde nicht absehbare Folgen für das Klima und den Flugverkehr haben.

Erdbeben bei Pozzuoli lässt Stadt in die Höhe wachsen

Ein weiteres deutliches Anzeichen für einen bevorstehenden Ausbruch: Der Boden hebt sich. In dem Fischerdorf Pozzuoli nahe Neapel sind die Auswirkungen der Vulkanaktivitäten gut sichtbar. Über die vergangenen 70 Jahre hat sich der gesamte Ort um vier Meter angehoben. Die Mauern am Kai im Hafen liegen dadurch mittlerweile ein paar Meter höher und die Fischer erreichen zum Teil den Kai nicht mehr von ihren Booten aus.

Das italienische Fischerdorf Pozzuoli ist in den vergangenen 70 Jahren um 4 Meter nach oben gewandert. An der Kaimauer des Hafens ist dies gut sichtbar.
Das italienische Fischerdorf Pozzuoli ist in den vergangenen 70 Jahren um 4 Meter nach oben gewandert. An der Kaimauer des Hafens ist dies gut sichtbar.
Foto: Christoph Sator/dpa

Bei dem letzten größeren Erdbeben der Stärke 3,7 konzentrierten sich zwei Beben auf zwei Bereiche: Einer liegt unmittelbar unter der Hafenstadt Pozzuoli, in dem sich der sogenannte Solfatara-Krater befindet. Und dann gibt es zweiten Bereich in dem sich Beben häufen: Mitten in der Bucht von Pozzuoli. Dieser Bereich gehört ebenfalls zu der riesigen Caldera, welche ein Mega-Ausbruch der Phlegräischen Felder vor rund 39.500 Jahren in die Bucht sprengte.

Der italienische Vulkanologe Aldo Piombino beschäftigt sich mit den Beben in der Bucht. Auf Facebook berichtet er regelmäßig von den Aktivitäten des Supervulkans. Auf Facebook hat er nun eine Karte veröffentlicht, welche zeigen, dass die Erdbeben auch in der Bucht von Pozzuoli vermehrt stattfinden. „Grün ist der Bereich, in dem die Erdbebenaktivität direkt mit der Bodenhebung verbunden ist“, schreibt er auf Facebook.

Dort berichtet Piombino weiter: „Rot ist die Seismizität des Golfs, die durch eine Verwerfung verursacht wird, die im Golf vorhanden ist und an der es auch hydrothermale Quellen gibt.“ Bei einer Verwerfung handelt es sich um einen Riss in der Erdkruste, hydrothermale Quellen sind so etwa wie Minivulkane, aus denen heißes Wasser austritt.

„Dies sind zwei Bereiche mit unterschiedlicher Seismizität: Im Bereich des hydrothermalen Systems kann es keine tiefen Erdbeben geben, weil sie im hydrothermalen System nicht tatsächlich auftreten können, während tiefere Erdbeben entlang der Verwerfung im Golf auftreten können", erklärt er in seinem Beitrag weiter.

Bei den Beben in den Phlegräischen Feldern handele es sich meist um Erdbeben in geringen Tiefen von maximal dreieinhalb Kilometer. Diese werden von Forschern als Ausbrüche von heißem Wasser gedeutet, welches auf zermürbten Untergrund trifft. Tiefe Erdbeben hingegen werden als Anzeichen aufsteigendem Magmas interpretiert.

Könnte Erdbeben in der Bucht von Pozzuoli einen Tsunami auslösen?

Der Ausbruch der Phlegräischen Felder wäre schon an Land verheerend. Bei einem Ausbruch im Golf von Pozzuoli würde dieser Tsunamis verursachen. In einer im Journal of Volcanology and Geothermal Research veröffentlichten Studie erstellte schon 2019 Martina Ulvrova vom Institut für Geophysik der Eidgenössischen Technische Hochschule Zürich mit ihren Kollegen Modelle, die zeigen, wie solch ein Tsunami in der Bucht aussehen könnte.

Laut Ulvrovas Ergebnissen würde „in vielen Gebieten der Bucht von Neapel eine erhebliche Tsunami-Gefahr" bestehen, wobei das Risiko in der Bucht von Pozzuoli am größten sei. In den meisten Ausbruchsszenarien wurde dicht besiedelte Gebiete von den Tsunamis getroffen. Die meisten Regionen wären nur von kleinen Wellen betroffen - zwischen eineinhalb und zehn Meter.

Kommt es aber zu einem Extremfall, könnten bis zu 30 Meter hohe Wellen auf die Küste zurollen. Ulvrova: „Dies würde sich vor allem auf dicht besiedelte Küstengebiete in der Bucht von Pozzuoli auswirken, die über eine dichte Infrastruktur wie Häuser, Eisenbahnnetz, Restaurants, historische Gebäude usw. verfügen.“

Der Großteil der Bevölkerung der über drei Millionen Menschen die in dem Gebiet leben, befindet sich an der Küste. Die Wellen würden etwa 15 Minuten brauchen, um den Golf von Neapel zu überqueren. Für eine Evakuierung bleibt da nicht viel Zeit.

Supervulkan könnte sich auch wieder beruhigen

Nach offiziellen Angaben besteht die Gefahr eines Ausbruchs kurzfristig zumindest nicht. Es gibt laut dem Italienischen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) jedoch Hinweise darauf, dass sich in drei Kilometern Tiefe Magma ansammeln könnte. Weiter unten, in zehn Kilometern Tiefe, teilen sich der Vesuv und die Phlegräischen Felder sogar eine gemeinsame Magmakammer. 

"Unsere Studie bestätigt, dass sich Campi Flegrei dem Bruch nähert", wird der Leitautor vom Department Earth Sciences am University College London (UCL), Christopher Kilburn, vom Tagesspiegel zitiert.

Seine Aussage schränkt er jedoch zugleich ein: „Dies bedeutet nicht, dass eine Eruption garantiert ist. Der Bruch könnte einen Riss durch die Kruste öffnen, aber das Magma muss noch an der richtigen Stelle nach oben gedrückt werden, damit es zu einer Eruption kommt.“

Bereits im vergangenen Sommer sagte Torsten Dahm, Direktor des Departments Geophysik am Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ), gegenüber dem Tagesspiegel: "Manchmal beruhigt sich ein Vulkan auch, um später wieder in eine neue Unruhephase einzutreten".

Trotzdem sei das Ausbruchsrisiko in der Region sehr hoch, erklärte Dahm weiter.