Leben mit Tier Warum Hunde Menschen angreifen
Der tödliche Angriff eines Hundes auf seinen Besitzer sorgt weiter für Entsetzen. Eine Expertin erklärt, warum Hunde aggressiv werden und was Menschen dagegen machen können.

Hannover - Rund einen Monat ist es her, dass ein American XL Bully seinen 33 Jahre alten Besitzer in Lohne im Landkreis Vechta tötete. Viele Menschen fragen sich weiter, wie das passieren konnte. Warum greifen Hunde Menschen an? Die Deutsche Presse-Agentur hat darüber mit einer Hundetrainerin gesprochen. Demnach entsteht aggressives Verhalten meist nicht spontan, sondern aus Angst, Überforderung oder Konflikten, die sich über längere Zeit aufgebaut haben.
Bedrohung, Distanz und Territorium
Geht es um Angriffe auf fremde Menschen, spielt Angst eine zentrale Rolle. Hunde können etwa aggressiv reagieren, wenn ihnen jemand zu nahekommt oder in ihr Revier eindringt. „Ganz häufig ist es so, dass der Hund sich einfach bedroht fühlt“, sagt Tierärztin und Hundetrainerin Sandra Bruns. In solchen Momenten versuche der Hund, sich zu verteidigen oder sein Territorium zu schützen.
Auslöser können auch plötzliche, hektische Bewegungen sein, wenn Menschen neben dem Hund stolpern oder wegrennen. Solche Bewegungen können starke Erregung auslösen, erklärt Bruns. Der Hund gerät unter Stress und weiß nicht, wohin mit der inneren Anspannung. „Und dann springen Hunde oft vor lauter Aufregung, den Menschen an und versuchen, das darüber zu lösen, indem sie diese körperliche Aufregung in eine körperliche Interaktion umsetzen.“
Greifen Hunde ihre Halter aus dem Nichts an?
Deutlich problematischer ist es laut Expertin, wenn vertraute Personen angegriffen werden. In solchen Fällen gebe es oft eine Vorgeschichte. „Der Klassiker sind konfliktbeladene Beziehungen, wo wirklich viel mit körperlicher Strafe gearbeitet wurde und es unklare Regeln zwischen Mensch und Hund gibt.“
Besonders belastend sei dabei Inkonsequenz. Wenn Regeln mal gelten und mal nicht, entstehe für den Hund Unsicherheit. „Dann darf der Hund das mal und dann bekommt er ein anderes Mal einen Tritt in den Hintern dafür.“ Aus Sicht des Hundes sei dieses Verhalten unberechenbar.
Im häuslichen Umfeld spielten zudem Ressourcen eine große Rolle. „Da wird ein Sofa verteidigt oder ganz schlicht und ergreifend ein Kauknochen.“ Auch ein auf Angst basierender Gehorsam könne Konflikte verschärfen. „Da sind wir beim Thema Kadavergehorsam“, sagt sie. Gemeint sind Hunde, die aus Angst vor Strafe eine Aufgabe erfüllen. Solche Tiere würden ebenfalls Konfliktpotenzial in sich tragen. Aber auch Schmerzen können dazu führen, dass ein Hund einen Menschen angreift.
Warnsignale werden häufig übersehen
Aggressives Verhalten kündigt sich bei vielen Hunden an – allerdings nicht immer laut. „Nicht jeder Hund knurrt, bevor er beißt“, sagt Bruns. Stattdessen würden manche Tiere ein optisches Drohverhalten zeigen, das im Alltag insbesondere von Laien leicht übersehen wird.
Typisch sind dabei ein starrer Blick und eine gespannte Körperhaltung, erklärt Bruns. „Da macht der Hund sich schon bereit für ein Nach-vorne-Schießen“, sagt die Tierärztin und Hundetrainerin.
Gerade weil dieses optische Drohverhalten so subtil ist, wird es im Alltag nicht immer erkannt. Dabei liege darin eine wichtige Chance. Wer die Körpersprache seines Hundes lesen kann, kann Situationen frühzeitig entschärfen – etwa durch Abstand, einen Abbruch oder auch einen Maulkorb, bevor der Stress weiter steigt, sagt die Expertin.
Einige Tiere würden in ihrer Belastbarkeit überschätzt, sagt Bruns. Die Folge: Sie müssen Situationen aushalten, die sie überfordern – bis sie mit aggressivem Verhalten reagieren.
Entscheidend sei deshalb auch, den Hund emotional zu verstehen und ihn nicht einfach aushalten zu lassen. „Wenn ich ihn verstehe, kann ich ihm viel besser Führung geben. Dann sehe ich viel eher: Jetzt braucht der mal eine Pause, der braucht mehr Abstand, dem soll nicht jeder auf den Kopf fassen. Und hier mitten in der Menschenmenge hält der das jetzt auch nicht mehr länger aus.“
Spielen Hunderassen eine Rolle?
Auch Zuchtziele können zudem eine Rolle spielen beim Aggressionspotenzial von Hunden. „Man kann nicht sagen, alle Hunderassen sind gleich“, sagt sie. Auch wenn viele Hunde heute nicht mehr für ihre ursprünglichen Aufgaben eingesetzt würden, blieben demnach bestimmte genetische Dispositionen erhalten, etwa bei Jagd- oder Wachhunden.
Diese Veranlagungen allein machten einen Hund jedoch nicht gefährlich. Entscheidend sei, wie er aufwachse, sozialisiert werde und wer ihn führe. Problematisch werde es dort, wo mehrere Risikofaktoren zusammenkämen: schlechte Sozialisierung, mangelhafte Aufzucht und fehlende Sachkunde der Halter.
Was Hundehalter tun können
Wenn aggressives Verhalten häufiger auftritt oder Situationen entgleiten, rät die Tierärztin dazu, sich Unterstützung zu holen. Training und Verhaltenstherapie könnten viel bewirken – auch bei Hunden, die bereits auffällig geworden sind.