Magdeburg l Mit großer Fassung berichtet Andrea Sievert vom Schicksal ihrer Tochter. Ihr Mann Maik sitzt daneben und hört zu. Sie haben Zwillinge, Mika und Finja, 10 Jahre alt. Doch was die Familie seit dem Oktober 2018 durchgemacht hat, ist nicht leicht zu ertragen. „Am Anfang fiel uns auf, dass Finja Schwierigkeiten beim Laufen hatte und manchmal auch Schmerzen beim Auftreten. Sie nahm eine Schonhaltung ein und ging ganz schief“, blickt Andrea Sievert zurück. „Es hat fast zwei Monate gedauert, bis wir herausgefunden haben, dass es Knochenkrebs ist.“

Schockierende Diagnose

Finja hatte einen bösartigen Tumor im Beckenkamm. Das zu erkennen, dauerte jedoch eine Weile. Zuerst gingen die Sieverts zum Kinderarzt, dann zum Orthopäden. Weitere Mediziner folgten. Immer mehr Ursachen wurden ausgeschlossen. „Am Ende hat man uns zum Uni-Klinikum nach Magdeburg geschickt. Hier haben wir die Diagnose bekommen“, erinnert sich Andrea Sievert. Durch die vielen Arztbesuche traf sie der Befund nicht ganz unvorbereitet. „Aber wenn man es schwarz auf weiß hat, dass es Krebs ist, haut es einem die Füße weg“, erklärt die Mutter. „Wir haben viel zusammengesessen und geredet. Es war schwer, es den übrigen Familienmitgliedern beizubringen.“

Eine Woche später erhielt Finja die erste Chemotherapie. „Die hat sie total umgehauen. Sie brauchte eine Woche, um sich zu erholen“, sagt Andrea Sievert. Bei einer Behandlung blieb es nicht. Insgesamt erhielt Finja 14 Chemotherapien, alle 21 Tage eine. Sie sollten dafür sorgen, dass der Tumor kleiner wird und nicht streut. Denn: „In der Regel versucht man, den betroffenen Knochen zu entfernen und durch eine Endoprothese zu ersetzen“, erklärt Professor Uwe Mittler. Er ist der ehemalige Leiter der Magdeburger Kinderonkologischen Abteilung. Heute engagiert er sich ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzender der Stiftung, die hinter dem Elternhaus steht. Aber in Finjas Fall war es nicht möglich, den Knochen zu entfernen. Das halbe Becken wäre betroffen gewesen. „Sie hätte nie wieder richtig laufen können“, betont ihre Mutter. Deshalb erhielt Finja eine Strahlentherapie. Sie sollte den Tumor zerstören. „Es dürfen keine restlichen Tumorzellen überleben. Aus ihnen könnte sich der Tumor wieder entwickeln“, führt Mittler aus.

Für die entsprechende Protonen-Therapie musste Finja nach Essen. „Es gibt nur zwei Kliniken, die das in Deutschland machen. Die in Essen ist führend. Außerdem haben wir Verwandtschaft in der Nähe“, so Andrea Sievert. In sieben Wochen erhielt Finja 35 Bestrahlungen. Anschließend ging es zurück an das Uni-Klinikum Magdeburg. Mitte August 2019 konnte die Behandlung der 10-Jährigen beendet werden. Im Oktober folgte eine Abschlussuntersuchung. Dabei wurde Finja auf mögliche Schäden durch die Chemo- und Strahlentherapie durchgecheckt.

Das Herz hat gelitten

Wie Andrea Sievert erklärt, hat das Herz ihrer Tochter durch die Therapie gelitten. Doch die gute Nachricht lautet: Der Krebs ist weg. Finja muss über Jahre engmaschig überwacht werden, um einen Rückfall oder mögliche Spätfolgen schnell zu erkennen und eingreifen zu können. Aber bisher haben sich keine Metastasen gebildet. „Wegen der Schmerzen und der Schwäche saß Finja zwischenzeitlich im Rollstuhl. Aber sie ist eine Kämpferin und hat einen starken Willen“, betont Andrea Sievert. „Sie hat sich schnell wieder hochgekämpft, fährt Inliner und Fahrrad. Seit drei Wochen geht sie wieder zur Schule.“ Allerdings muss Finja die vierte Klasse wiederholen. Durch den Krebs konnte sie fast das ganze Schuljahr über nicht am Unterricht teilnehmen.

Bisher haben sich keine Metastasen gebildet

Wie Andrea Sievert betont, hat das Elternhaus am Uni-Klinikum ihrer Familie sehr geholfen. „Es war in dieser Zeit unser Zuhause“, erklärt sie. Ihr Mann Maik und Sohn Mika haben daheim irgendwie den Alltag gestemmt. Dadurch erhielt Andrea Sievert die Möglichkeit, lange am Bett ihrer Tochter zu sitzen. Noch heute ist sie dankbar, dass sie danach nicht jedes Mal die einstündige Fahrt nach Hamersleben antreten musste.

Außerdem hatte das Elternhaus einen weiteren Vorteil: Andrea Sievert konnte dort nicht nur kochen und schlafen - sie traf auf andere Eltern, die sich in einer ähnlichen Situation befanden, und daher eine besondere Form von Verständnis hatten. „Für Finja war es toll, weil sie wusste: Meine Mutter kann jederzeit kommen. Ohne das Elternhaus wäre dieses Jahr nicht zu schaffen gewesen“, ist sich Andrea Sievert sicher. Weiterhin sorgte das Team im Elternhaus für viele Veranstaltungen, wie Kreativabende, für die Angehörigen zur Ablenkung vom klinischen Alltag.

Unterstützung vom Verein M.a.De. for Kids

Unterstützung gab es auch von anderer Seite. Nämlich vom Verein „M.a.De. for Kids“. Die Abkürzung steht für „Metalheads aus Deutschland für Kinder“. „Unseren Verein gibt es seit 2017. Zur Gründung hatten wir 22 Mitglieder, einen Monat später 50. Heute sind es 85“, erklärt der Vorsitzende Andreas Horn. Er wohnt in Hornhausen.

Zusammen mit Thomas Ehrentraut, heute zweiter Vorsitzender und ursprünglicher Ideengeber, gründete Andreas Horn die „Oschersleber Rock & Metal Days“, ein Festival für Metal- und Hardrock-Fans. Aus dem Kreis der Helfer und Unterstützer ging der Verein hervor. Er setzt sich für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Der Schwerpunkt liegt auf Kindern, die an Krebs erkrankt sind.

Regionale Unterstützung geben

Anfangs engagierte sich der Verein für die Mitteldeutsche Kinderkrebsforschung. „Aber dann wollten wir etwas Regionales unterstützen. Da sieht man, wo die Spenden hingehen“, erklärt Andreas Horn. Der Kontakt zum Elternhaus am Uni-Klinikum kam durch den Oschersleber Illustrator Kay Elzner zustande, der sich ebenfalls für den Kampf gegen Krebs engagiert. 2018 spendete der Verein 3200 Euro für die Einrichtung. Dieses Jahr waren es 5000 Euro. Außerdem packen die Mitglieder auch ganz praktisch mit an, wenn Hilfe gebraucht wird.

Verein wird vom Land mit Preis ausgezeichnet

Am Dienstag wurde dem Verein der Demografiepreis des Landes Sachsen-Anhalt verliehen (siehe Info-Kasten). Der Kontakt zur Familie Sievert ergab sich von selbst. Finjas Onkel Frank Sievert ist Mitglied des Vereins. „Er kam 2018 nach einem Mittelaltermarkt zu mir und hat mir erzählt, dass seine Nichte Krebs hat. Das war sehr emotional für uns alle“, berichtet Andreas Horn. Denn auch wenn der Verein seit zwei Jahren aktiv ist: Es sei das erste Mal gewesen, dass jemand aus den eigenen Reihen ein krebskrankes Kind in der Familie hatte.

In der Folge wurde nicht lange gefackelt: „Wir haben uns beim ersten Treffen ins Herz geschlossen“, so Andreas Horn. Anschließend wurde Familie Sievert zu den Rock & Metal Dayz 2019 eingeladen. „Finja mag die Musik von Onkel Frank und hat auch Motorräder sehr gern“, verrät Andrea Sievert. Das passte gut. Denn das Metal-Festival findet im Rahmen der Speedweek in der Motorsport Arena Oschersleben statt - eine Veranstaltung mit verschiedenen Motorrad-Rennen. „Wir hatten einen super Tag und richtig Spaß als Familie“, betont Andrea Sievert. „Als wir uns verabschieden wollten, hieß es: Wartet, wir haben noch eine Überraschung für euch.“

Zum Erlebnis noch eine Reise dazu

Andreas Horn und Thomas Ehrentraut überreichten den Sieverts einen Gutschein für einen Urlaub an der Ostsee. So können sie die Sorgen der vergangenen Monate für eine Weile abstreifen. Möglich wurde das, weil der Verein auch Mitglieder auf Rügen hat. „Die haben uns einen Gutschein für ein Wochenende vermacht. Sie haben ihn von Vereinsseite aus auf eine Woche verlängert“, erklärt Andreas Horn. Dabei sei ihnen das Hotel sehr entgegen gekommen.

Auch der Zeitpunkt passt gut. „Bisher durfte Finja nicht verreisen, weil sie in der Nähe der Klinik bleiben musste. Aber im Februar lösen wir den Gutschein ein“, freut sich Andrea Sievert.

Mehr Infos über den Verein finden Sie hier.