Gute und schlechte Igel-Leistungen

Diese Leistungen lohnen sich:

Akupunktur zur Migräneprophylaxe: Laut Studien lindern die feinen Nadeln Migräneschmerzen genauso gut wie Medikamente. Wo die Nadeln angesetzt wurden, war allerdings in der Studie nicht entscheidend.

Lichttherapie bei saisonal-depressiver Störung: Auch wenn sie keine Wunder wirkt, kann die Lichttherapie helfen, wenn der Winter aufs Gemüt schlägt. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

Stoßwellentherapie bei Fersenschmerz: Jedem zweiten Patienten hilft diese Behandlung – das reicht für eine positive Bewertung der Gutachter des Igel-Monitor.

Diese Leistungen fielen durch:

Colon-Hydro-Therapie: Wissenschaftliche Befunde zum Nutzen der Darmspülung sind nicht eindeutig. Da Verletzungsgefahr besteht, raten die Gutachter ab.

Infusionstherapie beim Hörsturz: Bisher durchgeführte Studien belegen keinen Nutzen dieser Therapieform.

Ultraschall zur Krebsfrüherkennung der Eierstöcke: Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Untersuchungsmethode zu Fehlalarmen führt. Todesfälle konnte sie nicht verhindern.

Immoglobin-Bestimmung (Nahrungsmittelallergie): Das Risiko einer Fehldiagnose schätzen Mediziner als zu hoch ein.

Magdeburg l Kostenpflichtige Therapieformen und Früherkennungs-Untersuchungen gibt es fast bei jedem Facharzt. Von der Augeninnendruckmessung über die Früherkennung von Brustkrebs durch Ultraschall bis hin zu Zahnreinigung und Bachblüten-Therapie ist das Angebot breit gefächert.

Das von den Krankenkassen geförderte „Igel-Monitoring“ bewertet seit fünf Jahren die Zusatzleistungen anhand von wissenschaftlichen Studien – die meisten finden die medizinischen Experten unnütz oder gar schädlich. Von „grotesk vielen Untersuchungen und entsprechend hohen Preisen“, spricht Dr. Michaela Eikermann, Leiterin des Bereichs „Evidenzbasierte Medizin“ beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDS), der das „Igel-Monitoring“ leitet.

Lungen-Check überflüssig

Gestern veröffentlichte die Test-Plattform ihre zwei neusten Bewertungen. Auch den Lungenfunktionstest, der bei Menschen ohne Beschwerden eine Lungenerkrankung feststellen soll, bewerteten die Mediziner des Igel-Monitor als „tendenziell negativ“. Die oft als „Lungen-Check“ angebotene Leistung hätte keinen wissenschaftlich erforschten Nutzen. Dass alle, die trotzdem wissen wollen, ob in der Lunge alles okay ist, selbst zahlen müssen, sei deswegen nachvollziehbar. Das EKG zur Früherkennung einer koronaren Herzkrankheit bekommt die gleiche mangelhafte Note. Auch hier gilt für die Experten: Wer keine Beschwerden hat, muss selber für die Untersuchung zahlen. Erst wenn Beschwerden auftreten, zahlt die Krankenkasse. Da allerdings auch keine Schäden durch die Untersuchungen selbst entstehen, bekommen die Untersuchung nur die zweitschlechteste Note.

Ebenfalls mit der zweitschlechtesten Note „tendenziell negativ“ bewertet werden der bei Patienten beliebte Bluttest zur Früherkennung von Prostatakrebs und die Augeninnendruckmessung zur Erkennung von Grünem Star. Ein erhöhter Augeninnendruck weise nicht zuverlässig auf ein Grünes-Star-Risiko hin, so die Gutachter. Ähnlich verhält es sich mit den Blutwerten und dem Prostatakrebsrisiko. 20 Euro kostet eine Augeninnendruckmessung beim Augenarzt durchschnittlich. Der PSA-Test für die Prostata-Erkennung schlägt ebenfalls mit ungefähr 20 Euro zu Buche.

Die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt schließt sich der Bewertung der Zusatzleistungen durch den Igel-Monitor an. „Ist eine Untersuchung medizinisch notwenig, und kann der Arzt das auch begründen, dann zahlt die Kasse auch“, sagt Simone Meisel, Referentin bei den Landes-Verbraucherschützern.

Zahnärzte empfehlen Reinigung

Ingesamt 45 Leistungen haben die Mediziner des Igel-Monitors in den fünf Jahren seit der Gründung des Gutachtendienstes überprüft – nur drei bewerten sie als „tendenziell positiv“. Vier weitere fielen mit dem Siegel „negativ“ durch (siehe Kasten).

Bei einer der bekanntesten kostenpflichtigen Zusatzleistungen, der Zahnreinigung, gehen die Meinungen der Igel-Experten und der Fachärzte aber weit auseinander. „Patienten, die regelmäßig die Zähne reinigen lassen, haben signifikant weniger Karies und Parodontose-Erkrankungen“, sagte Dr. Dirk Wagner, Öffentlichkeitsreferent der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt. Er hält die 75 bis 120 Euro aus eigener Tasche als „gute Investition“. Die Mediziner des „Igel-Monitoring“ schreiben der Reinigung allerdings keinen Nutzen zu. „Unklar“ lautet ihr Fazit.

Ob und für welche Zusatzleistungen sich ein Patient entscheidet, muss am Ende jeder selber wissen, sagt Simone Meisel von der Verbraucherzentrale. Allerdings sollte man sich nicht spontan entscheiden, sondern gründlich nachfragen und Vor- und Nachteile abwägen. Eine Einverständniserklärung zur Ablehnung von Igel-Leistungen muss kein Patient unterschreiben, sagt Meisel. Eine gesetzliche Grundlage für ein solches Formular gäbe es nicht. „Die Unterschrift soll den Patienten psychisch unter Druck setzen“, sagt sie.

Bevor man sich für eine Zusatzleistung entscheidet, sollten Patienten außerdem prüfen, ob keine von der Kasse gedeckten Vorsorgeleistungen in Frage kommen, oder ob der Arzt nicht doch eine medizinische Notwendigkeit für eine bestimmte Behandlung feststellen kann.